Im Kindergarten Mundart

Von Matt unterschätzt die Integrationskraft des Dialekts bei Kleinkindern. Hochdeutsch sollte erst in der Schule dazukommen.

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Peter von Matt greift in seinem Artikel bewusst in eine politische Diskussion ein, ohne dies zu deklarieren. Damit gibt er mir Gelegenheit, seine Worte in den Kontext der aktuellen Debatte über den Hochdeutschgebrauch an unseren Kindergärten zu stellen.

Für von Matt ist ein Schweizer von Natur aus mit Dialekt und Hochdeutsch vertraut. Er beschreibt die zwei Sprachformen als Partner, zwischen denen wir blitzschnell und ganz selbstverständlich wechseln können. Damit übertreibt er massiv: Die Realität sieht anders aus. Wir wachsen auf im Dialekt, und manche von uns lernen bis ins hohe Alter kein oder nur sehr lückenhaftes Hochdeutsch. Von Matt will uns weismachen, dass dieser Wechsel zwischen Mundart und Hochdeutsch früher besser funktioniert habe, und attestiert den «Analphabeten», die im «Wahn» lebten, der Dialekt sei die Muttersprache der Schweizer «Denkschwäche, Sentimentalität und Borniertheit».

Die Niederlande machen es vor

Es würde zu weit führen, hier klarzumachen, nach welchen Kriterien ein Dialekt zu einer anerkannten Sprache wird. Wir stellen jedoch fest, dass diese Kriterien nicht so eindeutig definiert sind, wie es uns oft gelehrt wird. Das Niederländische ist beispielsweise ein deutscher Dialekt. Gleichzeitig ist es als Nationalsprache auch eine vollwertige Muttersprache. Hier setzt mein zweiter Einwand gegen den Text von Matts ein. In altbekannter Manier hebt er den Zeigefinger und warnt vor einer drohenden «Provinzialisierung», falls wir es wagten, die enge Bande zur deutschen Sprache zu lockern. Wie provinziell sind denn etwa die Niederlande im internationalen Vergleich? Wie bäurisch ist Luxemburg, das am Luxemburgischen als offizieller National- und Amtssprache festhält? Der Gebrauch der Dialekte scheint diesen Ländern in sprachlicher Hinsicht keine allzu grossen Schwierigkeiten bereitet zu haben. Im Gegenteil: Wir Schweizer wären froh, wären wir so mehrsprachig wie diese.

Kommen wir nun zum wirklichen Problem, das sich uns Schweizern je länger, desto dringlicher stellt. Es geht nicht um die Verteufelung des Dialekts, sondern schlicht um die Tatsache, dass wir kein Deutsch mehr können. Die Überprüfung der Lesefähigkeiten anlässlich von Pisa 2006 brachte Folgendes zutage: Vier von zehn

Schweizer Jugendlichen sind am Ende der Volksschule nicht in der Lage, mehrere Informationen innerhalb eines Textes aufzufinden oder Verbindungen zwischen verschiedenen Abschnitten eines Textes herzustellen. Das heisst: Ihre Lesekompetenz ist klar ungenügend. Es ist davon auszugehen, dass die Situation im Bereich Schreiben noch dramatischer ausfällt, nur verzichtet Pisa auf die Erhebung von Daten in diesem Bereich.

Angesichts dieser beklagenswerten Fakten wäre eigentlich sofortiges Handeln angezeigt. Doch hier endet von Matts Latein: Er beklagt zwar den «Rückgang der sprachlichen Beweglichkeit, der Ausdrucksfreude und der syntaktischen Eleganz», macht dafür aber – völlig aus dem hohlen Bauch – den Dialekt verantwortlich, denn «der Wahn, der Dialekt sei die Muttersprache der Deutschschweizer, beschädigt die Liebe zum Deutschen und damit die Kulturfähigkeit vieler Schweizer». Was hat dies alles mit Politik zu tun? Um die Deutschkompetenzen unserer Jugendlichen zu steigern, hat man nämlich einen bemerkenswerten Entscheid gefällt: Hochdeutsch wird seit kurzem bereits zwingend im Kindergarten gesprochen. Wohlverstanden, der Kindergarten ist keine Schule, die Kinder können im Normalfall weder lesen noch schreiben, trotzdem wird der Hauptteil der Unterrichtszeit in Hochdeutsch gehalten. Man hofft also, die eklatanten Schwächen im Bereich Lesen (und wohl auch Schreiben) durch Kindergärtnerinnen mit hochdeutschem Tonfall zu beheben.

Den Lehrplan überdenken

Eine Veränderung im Kindergarten hat aber keine Auswirkungen auf die Kompetenzen am Ende der Schulzeit. Das Entscheidende ist, was an der Volksschule passiert. Und da reicht es eben nicht, das Hochdeutsch – wie bei den Fremdsprachen geschehen – ohne wissenschaftliche Grundlage gutgläubig um zwei Jahre vorzuverlegen und darauf zu spekulieren, dass die Übung schon etwas bringen wird. Will man die Kompetenzen in Hochdeutsch fördern, sollte man nicht den Dialekt aus dem Kindergarten verdrängen, sondern logischerweise den Lehrplan Deutsch an der Volksschule überdenken.

Ausserdem verkennt von Matt mit seinem Angriff auf den Dialekt dessen reale Bedeutung im Alltagsleben der Schweiz, wo die Mundart eben gerade zur Integration Anderssprachiger unersetzbar bleiben wird. Am besten gelingt diese Integration auf Dialekt im Kindergarten. Die Initiativen in Zürich, Basel-Stadt und Luzern, die den Hochdeutschgebrauch im Kindergarten einschränken wollen, sind aus dieser Perspektive alles andere als Kitsch.

Urs Kalberer ist Sekundarschullehrer in Malans und Mitglied des Unterstützungskomitees «Ja zur Mundart im Kindergarten». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2010, 08:34 Uhr

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