«In meiner Heimat würde man mir den Mund verbieten»

Als Kämpferin für einen fortschrittlichen Islam und gegen die Burka ist Saïda Keller-Messahli schweizweit bekannt geworden. Was treibt die mutige Tunesierin an?

Wichtiges notiert sie in Arabisch, Vorträge schreibt sie in Deutsch: Saïda Keller-Messahli in Winterthur.

Wichtiges notiert sie in Arabisch, Vorträge schreibt sie in Deutsch: Saïda Keller-Messahli in Winterthur. Bild: Keystone

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Sie redet ein breites Berndeutsch und hat in ihrer Wohnung arabische Kalligrafien hängen. Saïda Keller-Messahli, die Gründerin des «Forums für einen fortschrittlichen Islam.» Saïda zeigt eines der Grafikblätter mit den geschwungenen und verschlungenen arabischen Zeichen. «Vier Wörter sind es im Arabischen nur, und doch bedeutet es so viel». «Alles ist Teil von allem.»

Das Wörtchen «ist» steht allerdings gar nicht. Der Betrachter muss den Zusammenhang der Wörter selber denken. Typisch für das Arabische, wie Saïda erläutert. Das Arabische fordere heraus. «Es fragt dich, ob du es verstanden hast.» Wogegen das Deutsche alles unmissverständlich zu sagen versuche. So direkt, dass kaum mehr ein Freiraum bleibe für das Denken. «Das Wort hat keine Aura mehr.» Es sei «nackt».

Darum lasse sich ein Liebesgedicht in Arabisch eigentlich gar nicht auf Deutsch übersetzen. Jedenfalls nicht wörtlich. Das Deutsche entzaubert, was verschleiert gesagt wird. Es sollen keine Missverständnisse entstehen. Und das in der Liebe!

«Wenn mir etwas nahe geht»

Saïda Keller-Messahli ist in einem Vorort von Tunis geboren, als Tochter einfacher Bauern, die noch in einer Lehmhütte wohnten und bei einem Grossgrundbesitzer arbeiteten. Dank diesem konnten die Eltern sie in eine Nonnenschule schicken, wo sie Französisch lernte.

Als der Vater im vierten Lebensjahrzehnt erblindete, wendete sich allerdings ihr Schicksal. Mit einer Aktion von Terres des Hommes für Kinder aus der Dritten Welt kam sie als Siebenjährige in die Schweiz, für einen Ferienaufenthalt nach Grindelwald. Und kehrte nach einem Vierteljahr nach Hause zurück. Vorerst. Später wurde sie von der Familie in der Schweiz wieder eingeladen – und blieb fünf Jahre im Berneroberland. So wuchs sie in die zweite Welt hinein.

Arabisch fürs Emotionale

«Wie zählst du?», frage ich sie. «Französisch», antwortet sie, «es entspricht der Schulstufe, in der ich zählen und rechnen gelernt habe.» - Wann brauchst du das Arabische in deinem Leben? – Ich kenne meine Gesprächspartnerin seit Jahren, sie war für mich eine Schweizerin mit arabischen Wurzeln eben, aber immer wieder zeigt sie eine neue Facette ihres Wesens.

Sie erklärt, immer, wenn ihr etwas nahe gehe, stehe Arabisch im Vordergrund: «Wenn mich etwas sehr beschäftigt, wenn Entscheide anstehen». Dann denke sie diese auf Arabisch. Doch die Situationen liessen sich nicht streng abgrenzen.

Und wie träumst du? Wieder fällt nichts schematisch aus. Alles scheint fliessend zu sein. Wenn ein Traum emotional wichtig sei, träume sie eher arabisch. Französisch, wenn Personen in Erscheinung träten, von denen sich aufgrund der Begegnungen im realen Leben erwarten lasse, dass sie französisch sprächen. «Und auf Deutsch träume ich seltsamerweise häufig Sprachrätsel. Wörter oder Sätze, die mir geblieben sind und an denen ich herumstudiere.»

«Der Schweizer Alltag ist nüchterner»

In Tunis hatte sie dann das Gymnasium gemacht. Mit Geld, das sie sich selber verdiente, reiste sie in die Schweiz, um hier zu studieren. Packte die Koffer ohne das Wissen der Eltern, die nie hätten verstehen können, dass ihre Tochter sich am anderen Ufer des Mittelmeers einen Traum verwirklichen wollte.

So besuchte Saïda die Universität in Zürich. Wo sie mit Jus begann, – weil sie hoffte, damit mehr für das Recht in der Welt tun zu können –, dann aber zu den Sprachen wechselte: zur französischen Sprache und zur Sprache der Bilder: Sie schloss ab in Romanistik, englischer Literatur und Filmwissenschaft.

Deutsch war ihre Alltagssprache geworden. Ihre Eltern konnten nicht lesen und schreiben, so konnte sie ihnen nicht in Arabisch schreiben. Und hier in der Schweiz haben die meisten Menschen ohnehin keinen Zugang zur arabischen Schrift.

Schweizer distanziert

Saida schreibt also Artikel oder Vorträge aus offensichtlichen Gründen in Deutsch, obwohl die Sätze sie weniger reich dünken als im Arabischen. Auch der Alltag scheint ihr nüchterner, ausgewogener, die Menschen distanzierter. In Tunesien seien die Menschen fordernder mit ihren Ideen, versponnener, ja, zugegeben, manchmal auch insistierend und lästig.

Dennoch habe ich von Hand geschriebene arabische Schriftzeichen gesehen in ihrer Wohnung. Beim Telefon. Notizen auf Zetteln, die offenbar bei Gesprächen beschrieben worden sind. Wo sich auch Kritzeleien und Zeichnungen finden, wie sie andere auch produzieren.

Wir blättern im kleinen Block. Was heissen diese Zeichen beispielsweise? – «Es guets Nöis», lacht sie berndeutsch-herzlich. Natürlich heisst es das nicht wörtlich, sondern: «Möge jedes neue Jahr Euch in das Gute setzen.» Und zwei andere Wörter bezeichnen Geistwesen aus der islamischen Welt. Ich verstehe Mabruk und Häfrit. Letzteres ein skorpionartiges Wesen und erstes eine wunderwirksame Kraft. «Ich weiss nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich dies geschrieben habe, wirklich nicht.»

«Es geht nicht ums Kopftuch»

2004 gründete sie das Forum für einen fortschrittlichen Islam, dessen Präsidentin sie heute ist. Sie tat den Schritt, weil sie sich nicht vertreten fühlt durch die islamischen Organisationen, die auf dem Boden der Zuwanderung aus islamischen Ländern in der Schweiz entstanden sind. Und eine grosse Mehrheit der Menschen fühlte sich ebenfalls nicht vertreten, betont sie, da sich die meisten Muslime hier nicht in erster Linie über die Religion definierten.

Saïda Keller-Messahli ist mittlerweile schweizweit gefragt – für Interviews, Podien und Stellungnahmen. Bekannt geworden durch ihren Mut und ihre klaren Stellungnahmen, die beiden Seiten den Spiegel vorhalten. Sie bemängelt, wie wenig man hierzulande wisse über den Islam. «Es geht nicht ums Kopftuch, sondern um die Philosophie. Die andere Haltung dem Leben gegenüber.»

Und sie bemängelt, wie wenig anderseits Menschen in islamischen Gesellschaften wahrnehmen, dass ihre Kultur stagniert habe. Im Vergleich etwa zur hohen Zeit des Mittelalters, wo der Islam den Europäern den Kalender gebracht hatte und die Algebra, wo islamische Gelehrte führend gewesen waren in Astronomie und Mathematik und essenzielle Beiträge geliefert hatten in Philosophie.

Sorgfältig setzt sie ihre Worte. Was sie in der Schweiz unermesslich hoch einstuft: Die Freiheit zu reden, die Freiheit, das Leben individuell zu gestalten. «Vielleicht habe ich auch hier meine Feinde», sagt sie einmal. «Aber in der Heimat würde man mir den Mund verbinden.» Sie tritt für westliche Freiheiten und Demokratie ein und wehrt sich zugleich gegen die Verachtung des Islams und die Entwürdigung der Muslime im Westen.

«Tür zur Angst»

Der Kampf, den sie führt, spiegelt sich in den arabischen Notizen zum Telefoninterview, das sie einem BBC-Korrespondenten gab nach der Ablehnung der Minarettverbots-Initiative 2009. Das Interview habe sie in Englisch geführt. Und weil es ein wichtiges Gespräch war, habe sie versucht, dem Fragenden voraus zu sein und sich fortlaufend das Wichtigste zu notieren.

«Das heisst ‹Minarettverbot› auf Arabisch», erläutert sie die Zeichen auf dem ersten Zettel. «Das heisst ‹Integration›. Und hier steht: «nicht fortschrittlich». Es folgen «vernünftige Auseinandersetzung». «Religionsfreiheit». Dann: «Gefühle». Gemeint offenbar: verletzte Gefühle der Muslime. Schliesslich: «Überraschung». Und: «Tür zur Angst».

Tür zur Angst. Das Arabische und das Deutsche, das sind – lässt man Saïdas Worte nachhallen – nicht bloss zwei Sprachen. Das sind zwei Sinnesräume, zwei Welten des Denkens. Saïda, die keine muslimischen Gebete verrichtet und sich distanziert von weltverschlossenen, «bigotten» Muslimen, kommt auf die Schrift zu sprechen. DIE SCHRIFT.

Und als sie dies ausführt, wird mir bewusst, wie weit die kulturellen Räume hinter den Sprachen auseinander liegen können.

Der Grundgedanke des Lebens

Die Schrift sei den Propheten eingegeben worden, und so wie der Prophet Zeichen empfangen habe, habe jeder Mensch nebst dem Körper mit dem Leben etwas geschenkt bekommen, das er weitergeben solle. «Das ist der Grundgedanke des Lebens», erläutert sie. Wozu sie abschwächend bemerkt. «So meine persönliche Interpretation.»

Und wie die Heilige Schrift den Menschen anvertraut worden sei, sei jedem einzelnen eine Lebensschrift anvertraut: «Eine Schrift im Sinne des Schicksals.» Damit sei jedem Menschen eine Bahn vorgezeichnet. Was zugleich ein Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit verschaffe.

In dieser Kürze auf Deutsch kaum verständlich zu machen. In unserer direkten Sprache, die alles kar definieren will. Nur mit der Zeit wächst eine Ahnung von dem, was gemeint ist. Wie hat Saïda gesagt? – «Eine andere Haltung dem Leben gegenüber.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.08.2010, 13:30 Uhr

Nominiert für den Prix Courage

Saida Keller-Messahli ist von der Zeitschrift «Beobachter» als eine von sieben Kandidatinnen und Kandidaten auf Grund ihres Engagements für einen Menschenrechtskompatiblen Islam nominiert worden für den diesjährigen Prix Courage. Die Auszeichnung wird am 10. September in Zürich verliehen. Der Preis wird seit 1997 an Menschen verliehen, die durch einen selbstlosen Einsatz für ein höheres Ziel besondere Zivilcourage bewiesen haben. Die Abstimmung für den Publikumspreis zum Prix Courage und die Kandidaten finden sich auf www.beobachter.ch

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