Intellektuelle fühlen sich in der Schweiz zunehmend angefeindet

Sie seien vermehrt Hass und Beschimpfungen ausgesetzt, beklagen Schweizer Künstler. Ist die Schweiz intellektuellenfeindlich geworden?

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Am Dienstag waren der Schriftsteller Adolf Muschg und der «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel zu Gast auf Tele Züri. Das Gespräch verlief sachlich und ruhig – bis die Zuschauer per Telefon fragen stellen durften. Anstatt mit Fragen wurde Muschg mit wüsten Beschimpfungen eingedeckt, gar aufgefordert, das Land zu verlassen.

Nun, für Adolf Muschg sind solche Anfeindungen nicht neu. Ende der 90er-Jahre erhielt er Morddrohungen, nachdem Christoph Blocher einzelne Aussagen Muschgs in Inseraten verbreitet hatte. Derzeit beklagen jedoch vermehrt Künstler das raue Klima Intellektuellen gegenüber. «Ich finde es bemerkenswert und bedrohlich, dass wir bald wieder da sind, wo ‹intellektuell› ein Schimpfwort ist», sagte Charles Lewinsky kürzlich im «Tages-Anzeiger». Der Autor hatte zuvor sein Unbehagen zur Minarett-Abstimmung kundgetan. «Man will nicht, dass nachgedacht wird. Es ist kein Zeichen von Bildungsdünkel, wenn man sich gegen Vereinfachungsdünkel wehrt», sagt er.

Ähnliches stellt der in Basel lebende Autor Guy Krneta fest. Es werde in der Schweiz eine intellektuellenfeindliche Stimmung geschürt, meinte er in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Hans Läubli, Geschäftsführer von Suisseculture, dem Dachverband der Kulturschaffenden, beschreibt das Phänomen so: «Wenn Intellektuelle sich zu gesellschaftlichen und politischen Themen äussern, wird dies vermehrt unter dem Label ‹elitär› verunglimpft.»

Antiintellektuelle Hetze im Internet

Dass Künstler beschimpft und verunglimpft werden, ist nicht bloss ein Schweizer Phänomen. Für den deutschen Autoren Adam Soboczynski ist das Internet dafür mitverantwortlich: «Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut, die sich gegen angeblich Sperriges richtet, gegen kühne Gedanken, gegen Bildung überhaupt.»

Auch auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet fällt auf, wie bei kontroversen Themen um Künstler diese von Kommentatoren reflexartig als Schmarotzer, als Nestbeschmutzer, als Abschaum der Gesellschaft beschimpft werden. Künstler als Zielscheibe der Unzufriedenen. Was dabei oft vergessen geht: Die Kommentarspalten der Online-Medien sind keineswegs repräsentativ. Schaut man sich die Abstimmungsresultate zu Kulturthemen in den Städten an, so zeigt sich ein anderes Bild: Jene, die die Intellektuellen am liebsten mit allen kriminellen Ausländern ausschaffen würden, gehören noch immer zu einer Minderheit.

Die Voten der Unzufriedenen fliessen aber immer wieder in politische Kampagnen ein. «Die SVP funktioniert wie eine Werbeagentur und setzt auf latent vorhandene Stimmungen», meint Charles Lewinsky. SVP-Vordenker und Universitätsprofessor Christoph Mörgeli erkennt daran nichts Schlimmes. «Eine kritische Haltung und Misstrauen Intellektuellen gegenüber ist äusserst wichtig», sagt er. «Die schlimmsten Ideologien und Hirngespinste wurden von Intellektuellen erfunden und nicht von Grobianen», sagt er. Was aber nur ein Teil der Wahrheit ist. Fast in jedem totalitären Regime, auch im Dritten Reich, wurden und werden Intellektuelle verfolgt. Mörgeli spricht lieber über die Verhältnisse in der Schweiz. «Wo würden wir in der Schweiz stehen, wenn wir auf die Intellektuellen gehörte hätten?», fragt er auf Anspielung auf die EU-Freundlichkeit vieler Künstler. Und lobt das Bauchgefühl der einfachen Leute, das den Analysen der Intellektuellen oft überlegen sei.

Erstellt: 09.09.2010, 12:14 Uhr

Stellen eine zunehmende intellektuellenfeindliche Stimmung fest: Hans Läubli (Geschäftsführer des Dachverbandes Suisseculture) sowie die Autoren Charles Lewinsky und Guy Krneta.

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