Je älter, desto twittriger

Twitter ist nicht nur das Social Medium der Jugend. Ein paar besonders aktive prominente ältere Damen wie Yoko Ono, Joyce Carol Oates, Mia Farrow oder Cher zeigen, was in Kurznachrichtenform alles möglich ist.

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Twitter ist 7 Jahre alt. Yoko Ono ist 80. Sie liebt Twitter, sie verwirklicht sich dort mehrmals täglich und hat 4,5 Millionen Follower. Yoko Ono gehört zu den Nutzern über 55 und damit zum am schnellsten wachsenden Segment. Furchtlos, neugierig, experimentierfreudig. Angst vor der Technik muss auf Twitter niemand haben, und wo die Wendigkeit des Körpers langsam nachlässt, sind derjenigen des Geistes weltweit keine Grenzen gesetzt. Und dann ist Yoko Ono auch noch eine Frau, und die Zahl twitternder Frauen nimmt im Vergleich zu Twitter-Männern noch eine kleine Spur schneller zu.

Von den Internetnutzern weltweit sind heute 21 Prozent auf Twitter so richtig aktiv, das macht gegen 500 Millionen Menschen. Fast jeder Hundertste von ihnen folgt Yoko Ono. Und dabei ist sie weder ein Hollywood- noch ein Popnoch ein Reality-TV-Star, sondern eine ganz ernsthafte, nicht leicht zu konsumierende Künstlerin.

John Lennon ist schon lange tot. Ihre eigenen Skandalkunstjahre liegen ein halbes Jahrhundert zurück, aber auf Twitter, da blüht das Universum der Yoko Ono, da fliegen ihr die Herzen zu, das ist ihr neues Haus, dessen Türen sie im Rahmen der mit 140 Zeichen karg begrenzten Twitter-Möglichkeiten immer wieder weit aufreisst, ihr neuer Kunstraum. «Frühling ist wieder da. Dein Herzschlag ruft mich», schreibt sie mitten im Juli, es handelt sich da wohl nicht erst um ihren dritten oder fünften, sondern eher hundertfünfundzwanzigsten Frühling. Oder: «Mein Herz sinnt über deine süssen Worte nach, während meine Hand Vögel erwürgt.» Romantik, die sich in Grausamkeit erbricht. Und etwas gegenwartsnäher: «Menschen sind Planeten, ihre Seelen sind Sonnen, kreisend auf dem Dancefloor unseres kosmischen Clubs.»

Ab und an flackert eine Referenz an John Lennon und andere verflossene Tanzpartner auf, die Yoko Ono einst auf den Dancefloor führten: «Mondstrahlen, ihre Flügel ausbreitend, meine Ringe bescheinend, die ich von meinen drei Ehemännern erhalten hab, die mich alle ans Haus fesselten.»

Yoko Ono ist die Meisterin

Yoko Ono twittert poetische Haikus, Kürzestgedichte, manchmal evoziert sie ihre legendären Perfomances, etwa ihr «Morning Piece» von 1964/65, als sie in New York auf einem Dach sass und den Leuten Glasscherben verkaufte, von denen jede einen bestimmten Morgenmoment symbolisierte. Sehr oft ist nämlich vom Licht die Rede und vom Himmel, die alles Menschliche transzendieren, davon, sich die Architektur wegzudenken und einzig auf Dächern den Vögeln zu lauschen.

Und dann ist da wieder ein Foto, Yoko Ono mit ihrem schwarzen Hut, wie sie in einem Backstage-Raum sitzt und weisse Kühlschränke anstarrt, und onstage spielt gerade ihre gute alte Freundin Marianne Faithfull, die mit 66 auch nicht mehr gerade ein Spring Chicken ist. Den Rest muss man sich vorstellen, wie es die beiden Frauen, von denen die eine mit dem Beatles-, die andere mit dem Stones-Chef liiert war, miteinander lustig haben. Denn so weit geht Yoko Ono in der Berichterstattung aus ihrem Innersten nicht. Sie macht Kunst, nicht Klatsch. Sie ist die Meisterin. Und Twitter ist ihr Euphorisierungs-, nicht ihr Empörungsmedium. Sie hat schon immer multimedial gearbeitet. Das wendige junge Medium ist für die hyperaktive alte Frau bloss eine logische Erweiterung ihrer kreativen Möglichkeiten. Sie war früher schon Avantgarde, jetzt ist sie es wieder.

Die nächstjüngere im Old-Ladys-Club auf Twitter, die auffällt, ist eine, deren Bücher in den letzten Jahren nicht mehr aufgefallen sind, die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates, 75. Sie hat erst 60 000 Follower – alle drei Tage sind es geschätzte 1000 mehr –, das ist noch verschwindend wenig, und manchmal hat sie Ärger, denn sie ist eine Instinkt-Twitterin, die am liebsten politische Kommentare abfeuert, Dutzende pro Tag. Manchmal geht einer daneben, etwa, wenn sie sich zu sehr aufregt über die Diskriminierung von Frauen im Islam. Sie kippt dann selbst ins Fundamentalistische, gelegentlich auch ins Rassistische.

Joyce Carol Oates ist eine Altlinke und Altfeministin, und deshalb musste sie sich vor vielen Jahren von Gore Vidal einmal den Satz gefallen lassen: «Die drei traurigsten Worte der englischen Sprache sind Joyce Carol Oates.» Es dürfte der erste Shitstorm gewesen sein, der damals auf Joyce Carol Oates niederprasselte. Sie lässt sich nicht beirren: «Wenn meine Twitter-Welt die reale Welt wäre, so wäre die Gesellschaft ein sehr liberaler nach links neigender Hafen für Tiere und Dichter. Wenn!»

Gelegentlich wird sie privat und ihre Sprache persönlich, dann ärgert sie sich über den Film «Lone Ranger», schreibt, wie sie als Studentin bei Prüfungen Gedichte von Emily Dickinson im Ärmel versteckte und dass ihr ganzes gärtnerisches Engagement diesen Sommer erst zwei mickrige Tomätchen hervorgebracht habe. Das sind kleine Hausbesuche bei einer Dichterin, die impulsiv und gelegentlich naiv mit einem Medium umgeht, das so gar nicht zu ihr zu passen scheint. Zu der Frau, die sich mit jedem Jahr noch ätherischer und noch erdenferner inszeniert. Aber der Charme ihrer privaten Tweets, der sitzt.

Drei eifrige Twitter-Damen knapp jenseits des Pensionierungsalters sind die Schauspielerin Mia Farrow, 68 (über 120 600 Follower), die Entertainerin Bette Midler, 67 (448 100 Follower), und schliesslich Cher, ebenfalls 67 (1,6 Millionen Follower). Wie Joyce Carol Oates sind derzeit alle drei ausser sich über den Freispruch von George Zimmerman, der den schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss. Politisch forsch, aber im Vergleich zu den andern am zurückhaltendsten ist Bette Midler, regelmässig inszeniert sie sich als häusliche Gemütswurzel, schreibt über Tomatensalat und Pesto und postet gerne Fotos von fülligen Blumen und fetten Hunden.

Cher dagegen, die man bisher ausserhalb ihres Engagements für Homosexuelle nicht als grosse Politaktivistin wahrgenommen hat, kriegt sich aktuell nicht mehr ein über den Kampf der Abtreibungsgegner in Texas: «Frauen aus Texas! Legt eure Beine übereinander! Fickt diese verdammten, frauenfeindlichen Idioten! Nein! Fickt sie nicht! Macht das Gegenteil! Sperrt sie aus! Steht auf und macht den Laden zu!», schreibt und schreit sie in Grossbuchstaben über ihre Twitter-Seite, eine Frau ganz ohne Ladehemmung.

Zarte, zähe Mia Farrow

Das humanitäre Engagement von Mia Farrow wiederum ist bekannt, da erstaunt es nicht, dass ihre Tweets den breitesten Fächer an politischen Kommentaren bieten. Jeder Krisenherd der Welt liegt ihr am Herzen, ihr Wissen ist erstaunlich, und für ihr unermüdliches Verlinken von internationalen Newsmeldungen und Zeitungsartikeln müsste sie eigentlich Geld verlangen. Was für eine Frau, was für ein Service, man folgt ihr und staunt, auch sie wäre so eine, die ganz ruhig ihre eigene Legende geniessen und konservieren könnte. Mia Farrow, die fragile Rosemary aus «Rosemary’s Baby», die neurotische Daisy aus «The Great Gatsby» mit Robert Redford, die Ex von Frank Sinatra, die Ex von Woody Allen, die Fee von Hollywood, die ihre Zartheit in Zähheit umzuwandeln weiss.

Das Twitter-Land der Mia Farrow ist ein einziger News-Erguss, oft ohne Fokus, doch wenn sie sich einmal in einem festgebissen hat, dann geht das stundenlang. Live konnte man an ihrer Seite den 13-stündigen Stunt der Wendy Davis in der Abstimmungsnacht über das Abtreibungsgesetz in Texas mitverfolgen, die Aufregung, die Erschöpfung, den Triumph, das ganze Fieber eben. Selten gewährt einem Twitter so lebendige Momente wie mit Mia Farrow.

Ein Korb voll Niedlichkeit

Und dazwischen kommt von ihr immer mal wieder was ganz anderes: Etwa die Empfehlung der Nachrichten-Bündelungs-App Flipboard an die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood, 73 (412 700 Follower), deren twitterndes Augenmerk diesen Sommer ganz auf der Rettung von Bienen liegt. Oder die Beobachtung: «Prinzessin Catherine scheint seit 15 Monaten schwanger zu sein. Ist das möglich?» In ihren Fotos schliesslich wird Mia Farrow zärtlich, zeigt sich selbst bei einem intimen Dinner mit Philip Roth, zeigt viele von ihren 15 Kindern, einen Korb voll neugeborener Kätzchen («Heute brauch ich einen ganzen Korb voll Niedlichkeit!») oder auch einfach mal ein schönes Pferd. Sie ist in diesem Fotoalbum herzig omahaft.

Das Herz von Twitter, das ist gross, reif und weiblich. Es heisst Yoko, Mia oder Cher. Die älteren Damen haben sich da ganz ohne Verpflichtung zu irgendeiner Mode gefunden, doch ihre Welten sind sich ähnlich: engagiert und kreativ, stets voller Charme und inhaltlicher Substanz, stets überquellend, voll mit Kunst, mit Informationen, mit Wissens-, Welt- und Lebensfülle. Und manchmal auch mit ungenierter, rabiater und sehr jugendlicher Wut.

Erstellt: 23.07.2013, 09:42 Uhr

Alle drei Tage geschätzte 1000 Follower mehr: Schriftstellerin Joyce Carol Oates. (Bild: Keystone )

67 Jahre, 1.6 Millionen Follower: Sängerin Cher. (Bild: Keystone )

Für ihr humanitäres Engagement bekannt: Mia Farrow liegt jeder Krisenherd der Welt am Herzen. (Bild: Keystone )

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