Jörg Kachelmann steht zu seinem «Unwort des Jahres»

In einem Interview sprach der Wettermoderator davon, Frauen hätten in Vergewaltigungsprozessen ein «Opfer-Abo». Diesen Ausdruck tadelt die «Unwort»-Jury. Kachelmann sieht die politische Unkorrektheit anderswo.

Habe Frauen «pauschal und in inakzeptabler Weise» verunglimpft: Jörg Kachelmann.

Habe Frauen «pauschal und in inakzeptabler Weise» verunglimpft: Jörg Kachelmann. Bild: Keystone

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«Opfer-Abo» ist in Deutschland das «Unwort des Jahres 2012». Der Wettermoderator Jörg Kachelmann habe in mehreren Interviews davon gesprochen, dass Frauen in der Gesellschaft ein «Opfer-Abo» hätten, erklärte die Jury in Darmstadt.

Das Wort stelle in diesem Zusammenhang «Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.» Die Sprachforscher betonten zugleich, sie urteilten damit nicht über den Fall Kachelmann. Der Wettermoderator war im Mai 2011 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden.

Pro und Contra

Alice Schwarzer gratulierte der «Unwort des Jahres«-Jury. Die Jury habe «ein bedeutendes Zeichen dafür gesetzt, dass die Verunglimpfung und Einschüchterung der Opfer sexueller Gewalt nicht so einfach durchgeht», schrieb Schwarzer in ihrer Zeitschrift «Emma».

Jörg Kachelmann hingegen reagierte mit Spott auf die Wahl des von ihm mitgeprägten Unworts. «Hui, das Unwort des Jahres. Wer hats erfunden? Leider ist es die Wahrheit, die manchmal politisch unkorrekt ist», schreibt der Wettermoderator auf seinem Twitter-Account.

Originär stamme «Opfer-Abo» von seiner Frau Miriam, liess Kachelmann verlauten. Die 26-Jährige sagte auf Anfrage, es gebe natürlich Frauen, die sexuelle Gewalt erfinden. «Die Wahl zum Unwort des Jahres bestätigt somit eindrucksvoll die tatsächliche Existenz des Opfer-Abos», betonte sie.

Begriff «Opfer-Abo» wurde nur einmal eingereicht

Dagegen bewertete der Opferhilfeverein Weisser Ring die Wahl als «zweischneidiges Schwert». Das Problem mit dem Begriff «Opfer-Abo» sei dessen Erklärungsbedürftigkeit, sagte Sprecher Helmut Rüster. Fehle die Erklärung, bestehe die Gefahr, dass das Wort jetzt erst populär werde und die Meinungen «Ewiggestriger» bediene.

Auch der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) reagierte überrascht. Erst nach dem Lesen der Jury-Begründung verstehe er, was mit der Abstimmung kritisiert werde, sagte Ludwig Eichinger im dapd-Gespräch. «Es ist zweifellos ein sehr unfreundliches Wort», sagte Eichinger. Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, die Jury hätte sich auf ein bekannteres Wort geeinigt, merkte der Mannheimer Sprachprofessor kritisch an.

Jury-Sprecherin Janich hingegen erläuterte, nicht die Häufigkeit der Nennung eines Worts sei ausschlaggebend. So sei «Opfer-Abo» nur einmal vorgeschlagen worden, «Schlecker-Frauen» 163 Mal. Die zentralen Unwort-Kriterien seien inhaltlicher Natur – etwa dass eine Bezeichnung Gruppen diffamiere oder einen Sachverhalt verschleiere, erläuterte die 43-jährige Linguistin. 2012 gingen bei der Aktion insgesamt 2241 Einsendungen mit 1019 verschiedenen Vorschlägen ein. Im Vorjahr war der in Zusammenhang mit der neonazistischen Mordserie verwendete Begriff «Döner-Morde» zum Unwort gekürt worden. Es war seinerzeit auch am häufigsten vorgeschlagen worden.

«Pleite-Griechen» auf Platz zwei

Im Sprachgebrauch der Deutschen offenbar etabliert hat sich die Euro-Krise. Die «Pleite-Griechen» landeten auf Platz zwei der Unwörter. Die im Kontext der Euro-Stabilitätsdebatte geprägte Formulierung diffamiere ein ganzes Volk, kritisierten die Sprachexperten. Bereits bei der Wahl zum Wort des Jahres 2012 im Dezember hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) den Begriff «Rettungsroutine» zum Sieger gekürt.

Dem schlossen sich übrigens auch die Börsianer an. Zum Börsen-Unwort 2012 bestimmten Wertpapierhändler und Analysten an der Börse Düsseldorf «freiwilliger Schuldenschnitt». Das Vertrauen der Investoren sei Anfang des Jahres durch den als freiwillig deklarierten Schuldenschnitt Griechenlands erschüttert worden, dabei handele es sich für alle Privatanleger doch eher um eine Enteignung.

Auf den dritten Platz bei der Wahl des Unworts 2012 schaffte es letztlich die Formulierung «Lebensleistungsrente». Die Bezeichnung sei sachlich unangemessen und zynisch, weil mit ihr die «Lebensleistung» von Menschen auf die für diese Rente vorgegebenen Bedingungen reduziert werde, begründete die Jury.

Bio Unwort in der Schweiz

Das «Unwort des Jahres» wird seit 2003 auch in der Schweiz gewählt. Das «Unwort 2012» wurde von der Jury Anfang Dezember bekannt gegeben und heisst «Bio». Durch den inflationären und oft missbräuchlichen Gebrauch des Begriffs im Detailhandel sei die Bevölkerung dessen überdrüssig geworden, hiess es in der Begründung. (phz/mw/sda)

Erstellt: 15.01.2013, 12:47 Uhr

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