Kann menschliche Schönheit auf dem Operationstisch entstehen?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen in unserer Sommer-Serie Fragen zum Thema Schönheit.

Chirurgisch geschönt: TV-Berühmtheit Kim Kardashian. (24. Juni 2016)

Chirurgisch geschönt: TV-Berühmtheit Kim Kardashian. (24. Juni 2016) Bild: Lionel Cironneau/Keystone

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Die kosmetische Chirurgie hat in den vergangenen Jahren auch in der Schweiz mehr und mehr Zulauf erfahren. Folgt man einem Eintrag aus dem Daten-Blog des Tages-Anzeiger von 2014, darf sich die Schweiz gar zum «Schönheits-OP-Weltmeister» krönen: So wurden in der Eidgenossenschaft im Jahr 2011 mehr Schönheitsoperationen pro Kopf als in jedem anderen Land ausgeführt – nämlich 59 je 10.000 Einwohnern. Menschliche Schönheit boomt also. Aber kann sie auch auf dem Operationstisch entstehen? Und sollte sie überhaupt dort entstehen?

Beide Fragen zielen auf Verschiedenes und sind doch miteinander verbunden: Wenn die «wahre» oder «eigentliche» Schönheit keine Sache von Botox & Skalpell ist, erhalten wir einen entscheidenden Grund, sie nicht über medizinische Eingriffe zu suchen. Stellt sich umgekehrt heraus, dass Schönheit sehr wohl auch unter der Hand des kundigen Chirurgen gedeihen kann, gibt es vielleicht dennoch andere, moralische Gründe, die eigene Schönheit nicht dessen Geschick zu überlassen. Können kosmetisch-medizinische Eingriffe menschliche Schönheit verbessern, erhalten oder gar erst erschaffen? Sicherlich gilt das nur für einige wenige ihrer Formen: Die Schönheit eines zerfurchten Gesichtes, in dem sich jahrzehntelange Erfahrungen spiegeln, lässt sich nicht einfach herstellen, aber auch nicht die Schönheit eines Säuglings oder auch nur eines Lächelns. Tatsächlich können wir sehr viele Arten körperlicher Formen und Weisen körperlichen Ausdrucks unter wechselnden Kriterien schön nennen; nur die allerwenigsten davon finden sich im Behandlungskatalog einer Schönheitsklinik.

Wird im Bereich der ästhetischen Chirurgie von Schönheit gesprochen, ist oft Attraktivität gemeint: Von vielen Menschen als anziehend empfundene, vornehmlich visuell erfassbare Merkmale wie jugendlich glatte Haut, wohlgeformte Lippen, Nasen und andere Gesichts- und Körperteile sind Gegenstand der meisten rein ästhetisch indizierten Behandlungen. Ob jegliche Steigerung der Attraktivität auch bereits mit einer Steigerung der Schönheit einhergeht, mag bezweifelt werden: Erliegt man nicht von vornherein der Versuchung, alles, was sinnlich irgendwie anziehend wirkt, auch als «schön» einzustufen, dürften etwa die übergrossen Brüste diverser Erotik-Models dem geneigten Konsumenten vielleicht als attraktiv, aber deshalb eben noch lange nicht als schön erscheinen.

Davon unbeschadet könnten natürlich einige Weisen, die Attraktivität zu erhöhen, auch mit einer Steigerung der Schönheit einhergehen. Jedoch scheint letztere – das legt bereits ihre Abgrenzung zur Attraktivität nahe – sich in einem höheren Masse als jene durch einen ganzheitlichen Charakter auszuzeichnen: Selbst das oben erwähnte «schöne Lächeln» ist in seinem Wert von seiner Einbindung in das es umgebende Gesicht abhängig; eingefasst in ein anderes Gesicht mag sein ästhetischer Wert sich verändern oder gar umkehren.

Mit gestrafften Gesichtszügen: Sängerin Cher. (23. September 2013)

Entscheidend für die Schönheit eines Menschen erweisen sich dabei nicht allein körperliche Eigenschaften. Seine Art, sein Charakter und anderes mehr, das seine Existenz als Mensch wesentlich mitprägt, gehen darin ebenso ein. In deren Zusammenspiel dürfte nicht zuletzt dem Wert der Authentizität, also der Echtheit und Eigenständigkeit des Einzelnen, eine Schlüsselrolle für die Bestimmung von Schönheit zukommen. Dies ersieht sich besonders eindringlich im Bereich der Schönheit von Artefakten aus der Differenz zwischen Kunst und Kitsch: So fehlt beispielsweise billigen Nachahmungen antiker Skulpturen im häuslichen Garten jedweder eigenständiger Ausdruck oder auch nur das Bemühen darum; eben dies macht sie zu Kitsch. Wenngleich diese Überlegungen die Möglichkeit, mittels kosmetischer Operationen menschliche Schönheit zu gestalten, selbst über den damit verbundenen Zuwachs an Attraktivität an weitere Bedingungen knüpfen, machen sie das doch nicht unmöglich. Und vielleicht war der Anspruch menschlicher Schönheit im hier erörterten Sinn von vornherein zu hoch gegriffen: Will der einschlägige Interessent solcher Operationen nicht einfach nur seine Attraktivität erhöhen? Ist sein Wunsch nach Schönheit nicht schlicht so zu begreifen, dass er sein Aussehen in einer Weise verbessern möchte, die seinen eigenen Standards oder denen anderer genügt – gleich ob diese den hier vorgeschlagenen Vorgaben menschlicher Schönheit auch nur nahekommen?

Schönheits-OP in der Zürcher Klinik Pyramide am See. (Juni 2008)

Kommen wir daher zur zweiten Frage: Selbst wenn menschliche Schönheit auf dem Operationstisch entstehen kann – sollte sie dort auch entstehen? Versucht man, das eigene Aussehen einem von anderen Personen vorgegebenen Ideal anzugleichen – gefragt ist schlicht, was andere für schön erklären – ergibt sich, erstens, die Gefahr eines von fremden Interessen diktierten Verhaltens: man handelt nicht mehr so, wie man selbst das eigentlich – authentischerweise – will. Mit Bezug auf gängige Schönheitsvorstellungen der westlichen Welt entstehen so Nachfragen nach der Quelle vermeintlicher Idealmasse: Sind etwa männliche Vorstellungen weiblicher Schönheit für die angesprochenen Personen tatsächlich erstrebenswert oder doch nicht eher erzwungene Belastung und Belästigung? Sind darin artikulierte Vorstellungen unter Umständen nicht einem archaischen Frauenbild geschuldet, das ein bestimmtes Aussehen mit vorurteilsgesättigten Ansichten darüber verknüpft, «wie Frauen zu sein haben»?

Zur Infragestellung des in Schönheitskliniken vorherrschenden Menschenbilds tritt im Falle vieler dort durchgeführter Massnahmen zweitens deren reduzierte Umkehrbarkeit: Im Gegensatz zu Schminke und Kleidung lassen sich Faltenbehandlungen ebenso wie Nasen-, Ohren- und Lippenkorrekturen nicht einfach ablegen oder abwischen. Je grösser oder zentraler die anvisierte Änderung im wahrgenommenen Erscheinungsbild, desto schwieriger dürfte es sein, eine konkrete Vorstellung vom «Danach» zu entwickeln, die alle sich daraus ergebenden Folgen, etwa auch in punkto Körpergefühl, angemessen berücksichtigt. So scheint es geboten, gerade in diesen Fällen für hinreichende Aufklärung zu sorgen, um darüber die Selbstbestimmtheit der sich für derlei Massnahmen entscheidende Patienten sicherzustellen.

Drittens lassen sich, wie auch bei anderen Formen von Enhancement, also der künstlichen Verbesserung geistiger und körperlicher Fähigkeiten, Gerechtigkeitsfragen stellen. Zum einen sind viele hochwertige chirurgisch-ästhetische Eingriffe immer noch mit einem nicht eben niedrigen Preisschild versehen: So werden sie primär von denjenigen nachgefragt, die in finanzieller Hinsicht ohnehin bereits über Vorteile im Erklettern der sozialen Leiter verfügen. Zum zweiten suggerieren viele erfolgreiche Ergebnisse dieser Eingriffe Sachverhalte, die streng genommen nicht vorliegen: So kann etwa eine Liposuktion nebst Brustverkleinerung beim Mann einen falschen Anschein von Fitness und Disziplin erwecken. Diejenigen, die unbeschadet aller Bemühungen mittels Laufband und Hanteln keine auch nur annähernd so glanzvollen Ergebnisse erzielen, mögen dies als «Schummelei» empfinden und den Eindruck haben, hier würden «unfaire Abkürzungen» genommen.

Diese Überlegungen zeigen nun nicht, dass Schönheit im Getümmel des (An-)Schneidens, (Ein-)Spritzens & (Ab-)Saugens der ästhetischen Chirurgie zwangsläufig auf der Strecke bleibt. Es bleibt jedoch fraglich, ob die so zu Tage geförderten Ergebnisse das Etikett «Schönheit» in der grossen Überzahl der Fälle verdienen. Ebenso sind mit Bezug auf Überlegungen zur Selbstbestimmung der Patienten und zur Fairness gegenüber anderen moralische Hürden auszumachen, die die «Operation (an der) Schönheit» ethisch auch von allseits bekannten Schönheits-Förderern wie Hygiene, Make-Up oder Kleidung abheben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2016, 11:29 Uhr

Die Sommer-Serie

Wie beeinflussen ästhetische Fragen das Leben? Wann gefällt uns etwas? Werden wir unvernünftig, wenn es um schöne Dinge geht?

In unserer Sommerserie beschäftigen sich Philosophen mit dem Thema Schönheit. Zwischen dem 18. und dem 27. Juli lesen Sie auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet werktäglich einen Text hiesiger Philosophen dazu. Die Fragen stammen teils von Lesern, teils von der Kulturredaktion, teils von den Autoren selber.

Die Serie ist in einer Kooperation mit dem Schweizer Online-Portal für Philosophie, Philosophie.ch, entstanden. Das Portal hat kostenlose Dossiers zu grossen, aber auch alltäglichen Themen erstellt – so etwa zu Mensch, Gesundheit oder Zukunft. (lsch)

Sebastian Muders arbeitet als promovierter Philosoph an der Universität Zürich. (Bild: zVg)

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