Essay

Katholische und protestantische Kühe

Der Niedergang der traditionellen Religiosität hängt eng mit dem der traditionellen Landwirtschaft zusammen. Bis in die 60er-Jahre bildeten Hof und Kirche eine Symbiose.

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Im Freiämter Bauerndorf, in dem ich aufgewachsen bin, waren alle Menschen katholisch und alle Kühe braun. Da der Glauben und der Hof in unserem Denken und Handeln zusammengehörten, ging ich als Kind selbstverständlich davon aus, dass katholische Kühe braun und braune Kühe katholisch waren.

Der einzige Ausflug, der mich mit meiner autolosen und fernsehfreien Familie über die nähere Umgebung hinaus zu führen pflegte, war der Besuch bei den Rindern, die auf einer Alp im Entlebuch gesömmert wurden. Einmal sagte mir der Vater: «Dort oben ist die Grenze zwischen Luzernbiet und Bernbiet.» Da ich wusste, dass die Berner Protestanten waren, rannte ich – so schnell ich konnte – den Hügel hinauf, um zu erfahren, wie denn protestantische Kühe aussehen. Zu meiner grossen Erleichterung waren sie nicht braun, sondern rot gefleckt.

Meinen jüngsten Geschwistern, die in den 70er-Jahren zu Jugendlichen wurden, wäre es nie und nimmer in den Sinn gekommen, zwischen Katholizismus und Braunvieh, zwischen Konfession und Viehrasse einen Zusammenhang herzustellen. Innert eines Jahrzehnts, zwischen 1965 und 1975, hat sich eines der letzten katholischen Milieus, das im aargauischen «schwarzen Erdteil», aufgelöst, wurde die bäuerliche Kultur durch Automobilismus, Fernsehen und Bauboom ausgehöhlt.

Arbeit, Arbeit, Messe, Arbeit

In seinem Buch «Agrarische Religiosität» kritisiert der Barockspezialist Peter Hersche, in der «Geschichtswissenschaft» sei der «Zusammenhang» zwischen dem «Untergang der traditionellen Landwirtschaft und der traditionellen Religiosität» zu «wenig beachtet» worden. Wer die Symbiose von Hof und Kirche erlebt und gelebt hat, kann deren Ende besser nachvollziehen.

Die agrarische Religiosität hatte aus einem ganz praktischen Grund etwas Vereinnahmendes und Ausgrenzendes: Die Arbeit im Stall und auf dem Feld dauerte von Montag bis Samstag von früh bis spät. Den Grossteil der Freizeit, die blieb, füllte die Religion aus. Am Sonntag ging ein Teil der Bauernfamilie in die Frühmesse und der andere ins Hochamt, um dann ein paar Nachmittagsstunden freizuhaben, bevor die Kühe wieder gefüttert und gemolken werden mussten. Häufig fanden während der Woche, beispielsweise im Monat Mai, zusätzliche Abendandachten statt. Während ein paar Jahren übte ich für meinen kranken Grossonkel, der Kirchensigrist war, jene Funktionen aus, die seiner Frau verboten waren: Glocken läuten lassen, Pfarrer ein- und auskleiden, Osterkerze anzünden, Messwein vorbereiten, Ministranten betreuen, Geldopfer einsammeln. Pro Woche führte mich das in der kleinen Gemeinde mindestens ein Dutzend Mal in den Gottesdienst.

Dankeskreuz aus Heu

Das Leben und Arbeiten im Haus und auf dem Hof waren stark religiös geprägt. In den Räumen und Ställen hingen Efeublätter, die am Palmsonntag gesegnet worden waren. Beim Verlassen des Hauses tunkte man den Zeigefinger in ein Weihwassergefäss, um sich dann zu bekreuzigen. Über den Stalltüren hingen Darstellungen des Bauernheiligen Wendelin, der auch Patron der Dorfkirche (und mein Zweitname) ist. In der «alten» und in der «guten» Stube wie auch in den Schlafzimmern hingen eingerahmte Bilder der Muttergottes mit Jesuskind und verschiedener Heiligen.

Die Kirchenglocken läuteten viermal am Tag. Morgens um fünf Uhr weckten sie die Bauern fürs Melken. Um elf Uhr forderte der «englische Gruss» zu einer kurzen Einkehr auf und machte auf das Mittagessen aufmerksam. Um vier Uhr nachmittags gaben die Glocken den Übergang von der Feld- zur Stallarbeit bekannt. Und um sieben Uhr abends riefen sie den Feierabend aus, was gleichzeitig eine Aufforderung zu gemeinsamer oder persönlicher Andacht war. Nachdem beim Heuen ein Feld abgeerntet worden war, wurde aus den liegen gebliebenen Resten ein Dankeskreuz gebildet.

Dass es bei den alltäglichen Ritualen alles andere als frömmlerisch zu und her ging, illustriert die Verrichtung des Tischgebets. Bei uns bestand dieses nach dem Mittagessen aus einem Vaterunser und einem «Gegrüsst seist du, Maria». Da der Grossvater die Wörter kaum mehr artikulierte, war er der Schnellste von allen. Der Vater, der bereits sieben Stunden Arbeit hinter sich hatte, kämpfte mit dem Schlaf, was sein Beten verlangsamte. Wir Kinder bildeten aus den beiden Tempi einen recht kunstvollen Kanon. Der Mutter oblag es, die grossfamiliäre Darbietung zu einem stimmigen Ende zu bringen.

Der erste Traktor fährt ein

In die damalige Zeit fällt die grösste Veränderung, welche die Landwirtschaft in der Geschichte des Bundesstaates erlebt hat: die Mechanisierung. Zwischen meiner Geburt 1954 und dem Auszug aus dem Elternhaus 1970 wurden alle Maschinen gekauft, die es auf einem gewöhnlichen Bauernhof gibt: Zuerst kam der einachsige Motormäher «Bauernkönig», der später durch den legendären «Aebi» abgelöst wurde. Es folgten der Occasionstraktor «Bührer», die Melkmaschine «Alfa Laval», der Auflader «Lanz», der «Agrar»-Ladewagen, das Heugebläse, die Heubelüftung und noch ein paar Ackergeräte.

Diesen technischen Fortschritt erlebte ich als Verbesserung der Lebensqualität, obwohl mir der Umgang mit den Tieren mehr lag als der mit den Maschinen. Die dramatischen Ernteszenen, in denen bei aufziehendem Gewitter die Pferde scheuten, die Männer schrien, der Heuwagen zu kippen drohte, gehörten der Vergangenheit an. Mit der gewachsenen Freizeit wurde der Sonntag vermehrt für Ausflüge und andere profane Vergnügungen benutzt. Allerdings zwang der höhere Finanzbedarf zu mehr Effizienz. Tätigkeiten wie das Zusammenrechen von Heuresten und damit die Gestaltung eines Kreuzes wurden aufgegeben.

Hersche sieht in dieser Modernisierung eine «Verlusterfahrung». Dabei macht er es sich hie und da zu einfach. Wenn die Bauern immer mehr dazu übergingen, getrocknetes Heu bei schlechten Wetterprognosen notfalls auch am Sonntag einzubringen, ging es ihnen nicht bloss um die «Rendite», welche die «Frömmigkeit» verdrängte. Verregnetes Heu bedeutete auch verrottete Nahrung, Neudeutsch: «foodwaste».

Der Himmel auf den Äckern

Die agrarische Prägung des Religiösen zeigte sich besonders in der Übereinstimmung von bäuerlichem und kirchlichem Jahreszyklus, im agroliturgischen Kalender. Das Frühlingserwachen der Natur fiel mit Ostern, Auffahrt, Pfingsten, Fronleichnam, den Prozessionen und Wallfahrten zusammen. Innerhalb unseres Dorfes gab es jährlich zwei Prozessionen, die auf die Monate Mai und Juni fielen. Die an Fronleichnam ging die Häuser entlang und war eine Demonstration kirchlicher Autorität und Macht. Die andere ging über die Felder. Auch hier bewegte sich der Pfarrer unter einem von vier Männern getragenen Baldachin, den man «Himmel» nannte, und segnete die Äcker und Wiesen.

Ich fragte mal den Grossvater, der als Viehhändler viele Kontakte mit Andersgläubigen hatte, was denn die Protestanten tun würden, damit das Gras besser wachse. «Das Gleiche wie wir: Sie düngen!», lautete seine profane Antwort. Als aufgrund des Zweiten Vatikanischen Konzils Mitte der 60er-Jahre etliche Prozessionen und Wallfahrten abgeschafft wurden, hatten die meisten Bauern den Glauben in deren produktive Wirkung bereits verloren.

Die arbeitsintensivste Zeit der Heu-, Getreide-, Emd-, Rüben- und Obsternten war die liturgisch passivste. Ab Allerheiligen bis in den Juni stand wieder die Kirche im Mittelpunkt. Selbst die Fasnacht setzten wir für religiöse Zwecke ein. Mit unseren Blasinstrumenten und einem «Nicknegerlein» zogen wir von Haus zu Haus, um für die Missionen jeweils ein paar Hundert Franken zu sammeln. Da für die Taufe eines «Heidenkindes» etwa 15 Franken einzuberechnen waren, wussten wir ziemlich genau, wie viele Seelen unsere Sammelaktion zu retten vermochte. Da das gute Werk auch dem eigenen Seelenheil nützte, waren wir zusätzlich motiviert.

Die Seelen, die wir dank Fasnacht für die Kirche gewonnen hatten, vermochten bei weitem nicht die Verluste aufzuwiegen, welche sie diesem Anlass anlastete. Die klerikale Besessenheit für das sechste Gebot fand beim Karneval seinen Höhepunkt. Was Hersche in seinem Buch über die Kantone Appenzell Innerrhoden und Obwalden berichtet, dass nämlich «genuss- und gefallsüchtige» Mädchen auf der Kanzel blossgestellt wurden, habe ich selber nicht erlebt. Aber es passte zum Feindbild, wie es in den Predigten und Zeitschriften gezeichnet wurde. Es hatte geschminkte Lippen, rauchte Zigaretten, trug kurze Röcke oder noch schlimmer: Hosen. Beim Beichten sah ich mich angesichts der klerikalen Fokussierung auf das Sexuelle veranlasst, zusätzliche Verfehlungen gegen andere Gebote zu erfinden, um den Pfarrer von meinen scheinbar schwerwiegendsten etwas abzulenken.

Die sexual- und frauenfeindliche Haltung der Kirche, die sich 1968 mit dem päpstlichen Pillenverbot noch verschärfte, dürfte in den katholischen Bauerndörfern mehr zur Säkularisierung beigetragen haben, als es die Mechanisierung der Landwirtschaft getan hat. Bauernkindern, die dabei waren, wenn Stier und Kuh zusammengeführt wurden und wenn ein Kälbchen auf die Welt kam, musste man nicht mit dem Storch kommen. In keiner Frage wurden sich die Kirche und ihre bäuerliche Kernbasis derart fremd wie in der sexuellen.

Der Barock hat keine Zukunft

Für den gleichzeitigen Untergang von traditioneller Landwirtschaft und Religiosität findet Hersche im Kapitel über das Ende des barocken Prunks ein schönes Bild. Er erklärt den Rückgang der Fronleichnam-Prozessionen unter anderem mit dem Verschwinden des «früheren Reichtums an farbigen Blumenwiesen». Damit sei der «gewohnte Schmuck» verloren gegangen.

Es gibt allerdings einen Unterschied: In der Landwirtschaft lässt sich mit ihrer Ökologisierung etwas vom Verlorenen zurückgewinnen. Aus Fettwiesen lassen sich wieder Magerwiesen machen. Im Religiösen hat der Barock keine Zukunft, auch weil dessen Hauptverteidiger zum Leidwesen Hersches reaktionäre Nostalgiker sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2013, 08:39 Uhr

Der Politiker und Historiker wurde 1954 in Aristau AG als ältestes von acht Kindern geboren. Zu seinen Themenschwerpunkten gehört die Katholizismusforschung. Jo Lang war Mitbegründer der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA). Von 2003 bis 2011 sass er für den Kanton Zug im Nationalrat; dort war er Mitglied der Grünen Fraktion. 2012 wurde er ins vierköpfige Vizepräsidium der Grünen Partei der Schweiz gewählt.

Peter Hersche: Agrarische Religiosität. Landbevölkerung und traditioneller Katholizismus in der voralpinen Schweiz 1945–1960. Hier + Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte. Baden 2013. 399 S., ca. 54 Fr.

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