Documenta Natura hat ausgeknipst

Die Stiftung Documenta Natura macht seit 20 Jahren den Wandel der Schweizer Landschaft auf Vorher-/Nachher-Bildern sichtbar. Nun ist die Stiftung wegen Geldsorgen am Ende.

Das Dörfchen Castasegna vor und nach dem Ausbau der Strasse auf den Maloja.

Das Dörfchen Castasegna vor und nach dem Ausbau der Strasse auf den Maloja. Bild: Documenta Natura

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Eine gute Idee? Davon waren alle überzeugt. «Unser Echo in der Öffentlichkeit war immer positiv», sagt Roger Huber, Fotograf, Geschäftsführer und einziger Angestellter von Documenta Natura. Vom Bundesamt für Raumentwicklung und vom Amt für Landestopografie bekam die Stiftung tadellose Empfehlungen, vom Kanton Bern einen Kultur- und von der Zürcher Schule für Gestaltung einen Leistungspreis. Und als der Bundesrat vom Nationalrat gebeten wurde, die Finanzierung langfristig zu sichern, nachdem er Documenta Natura seit der Gründung 1987 unterstützt hatte, da sprach auch er davon, ihre Arbeit sei von «öffentlichem Interesse».

Das war 2002. Jetzt, 2010, ist die Stiftung am Ende. Und das, obwohl der Bundesrat seinerzeit erklärt hatte, er habe «die längerfristige Zusammenarbeit mit Documenta Natura geregelt» und damit das Postulat aus dem Nationalrat erfüllt.

Zwei Jahre lang verhandelt

Tatsächlich bekam die Stiftung zunächst noch rund 90'000 Franken jährlich vom Bundesamt für Umwelt (Bafu, damals Buwal). Damit bestritt sie die eine Hälfte ihres Budgets, die andere mit Aufträgen von Firmen und Ämtern. Treue Kunden waren etwa die SBB: Documenta Natura hielt fest, wie Neat und Bahn 2000 die Landschaft veränderten; über die Dokumentation hinaus dienten die Bildserien als Grundlage für die Renaturierung.

«Wir haben zwei Jahre lang Gespräche geführt», sagt Huber, «und zwei Jahre lang hat uns die Nationalbibliothek glauben lassen, sie sei an dieser Lösung interessiert.» Wie unsicher die Partie war, erfuhr die Stiftung erst diesen Frühling: «Nicht denkbar» – mehr steht nicht zum Thema Übernahme des Geschäftsführers in einer Aktennotiz der Nationalbibliothek. «Wir haben letzten Herbst ein Gesuch eingereicht, doch eine ordentliche Absage ist man uns bis heute schuldig geblieben», so Huber.

Bekenntnis vom Bundesrat gefordert

BAK-Direktor Jean-Frédéric Jauslin bedauert das Ende von Documenta Natura – und sagt, die Beiträge seines Amts seien stets nur «punktuelle Nothilfe» gewesen. Documenta Natura ist nicht die einzige Kulturinstitution, der vom Bund finanzielle Hilfe gestrichen wurde: Das Alpine Museum in Bern stand 2009 vor der Schliessung. Auch hier war es das Bundesamt für Umwelt, das seine Gelder strich; das Bundesamt für Kultur signalisierte Unterstützung, wollte dann aber nichts mehr davon wissen. Vorläufig gerettet wurde das Museum im Parlament, das gegen den Willen des Bundesrats das Bafu-Budget zugunsten des Museums aufstockte.

Auch im Fall Documenta Natura regt sich die Politik. Hängig ist eine Motion von Alec von Graffenried, Stiftungspräsident und Nationalrat der Grünen: Sie fordert vom Bundesrat dasselbe wie der Vorstoss von 2002 – ein Bekenntnis zu Documenta Natura. In seiner Antwort weist der Bundesrat nun jeden Anspruch zurück. «Aus finanziellen Gründen» komme es nicht infrage, dass sich der Bund wieder engagiere.

Archiv zieht in ETH-Bibliothek um

Egal, wie der Nationalrat darauf reagieren wird: «Die Sache ist gelaufen.» So sagt es Roger Huber, der sich eine neue Stelle suchen muss. Documenta Natura bestritt das Jahr 2009 noch mit Aushilfsbeiträgen verschiedener Organisationen, doch dieses Geld ist aufgebraucht, und neue Finanzierungsmöglichkeiten sieht die Stiftung keine. Im Juli wird die Geschäftsstelle aufgelöst und das Büro an der Berner Muesmattstrasse geräumt.

Bis dann macht Huber auch das Archiv mit den fast 50 000 Bildern reisefertig, die seit 1987 entstanden sind: Es wird von der ETH-Bibliothek in Zürich übernommen. Fortgeführt wird die Dokumentation auch dort nicht. «Aber», so Huber, «das Archivierungsangebot der ETH war besser als das der Nationalbibliothek.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2010, 07:16 Uhr

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