Konzerte statt Kalaschnikows

Soziale Konflikte, in den Drogenhandel verstrickte Polizisten und Rufe nach der Armee: Die südfranzösische Hafenstadt Marseille hofft, dass ihr Jahr als europäische Kulturhauptstadt Besserung bringt.

Auftakt zum Jahr als Kulturhauptstadt Europas: Lichtshow am Hafen von Marseille. (12. Januar 2013)

Auftakt zum Jahr als Kulturhauptstadt Europas: Lichtshow am Hafen von Marseille. (12. Januar 2013) Bild: AFP

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Lichtershows, Konzerte in den Strassen und ein grosses Feuerwerk: Marseille zeigt sich dieses Wochenend von seiner besten Seite. Die südfranzösische Hafenstadt hat den Auftakt zum Jahr als Europas Kulturhauptstadt 2013 gefeiert. Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault eröffnete die Feierlichkeiten in Vertretung von Staatschef François Hollande, der wegen eines Krisentreffens zur Lage in Mali kurzfristig abgesagt hatte.

Der Startschuss für die Veranstaltungen als europäische Kulturhauptstadt 2013 markiert den Auftakt eines Jahres, in das die Bewohner der südfranzösischen Hafenstadt grosse Hoffnungen setzen. Denn in den Medien taucht Marseille vor allem als Ort eines blutigen Bandenkrieges zwischen Drogengangs auf, der auf offener Strasse mit Kalaschnikows ausgetragen wird – und als Ort von Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen.

«Ein anderes Image»

«Marseille braucht etwas Romantisches und muss sich von dem befreien, was in letzter Zeit über die Stadt erzählt wird», sagt die Projektleiterin der Eröffnungsfeier, Fanny Broyelle. Die Chefin des Tourismusbüros der Stadt, Dominique Vlasto, sieht das ganz ähnlich: «Wir erwarten ein anderes Image und einen Entwicklungsbeschleuniger.»

Denn Marseille sorgte 2012 für Negativschlagzeilen am laufenden Band. Bei Abrechnungen im Drogenmilieu wurden in der Region im vergangenen Jahr 24 Menschen getötet, viele von ihnen mit Schnellfeuergewehren vom Typ Kalaschnikow. Nach Angaben von Innenminister Manuel Valls von Ende November gab es in den vergangenen fünf Jahren 75 Tote in dem Bandenkrieg, insgesamt wurden in dem Zeitraum 245 Morde gezählt.

Forderung nach Armee

Angesichts der Gewalt und der offenbaren Machtlosigkeit der Polizei wurden sogar Forderungen laut, die Armee in die Problemvierteln im Norden der Stadt einmarschieren zu lassen. Die sozialistische Regierung lehnte dies ab, erarbeitete im September aber einen Aktionsplan für die Verbrechensbekämpfung in der Stadt und stockte unter anderem die Zahl der Polizisten auf.

Im Herbst sorgten Ermittlungen gegen Angehörige einer Spezialeinheit der Polizei für Wirbel, die eifrig im Drogengeschäft mitgemischt haben sollen. Der Fall warf erneut ein schlechtes Licht auf die Polizei der Stadt, die schon zwei Jahre zuvor von einem Skandal um Verbindungen von Beamten in die Unterwelt erschüttert worden war.

Soziale Konflikte

Aber nicht nur Kriminalität, auch soziale Konflikte gehören zum Alltag von Marseille. Die Vorstädte gelten als Horte der Hoffnungslosigkeit, die Stadt leidet unter der hohen Arbeitslosigkeit, auch wenn die mit zwölf Prozent im Grossraum Marseille nur leicht über dem landesweiten Schnitt liegt.

Das Jahr als europäische Kulturhauptstadt soll daher auch wichtige wirtschaftliche Impulse geben. 660 Millionen Euro wurden investiert, der alte Hafen saniert, Museen auf Vordermann gebracht oder neu gebaut. Die Handelskammer rechnet damit, dass im direkten Zusammenhang mit dem Jahr als Kulturhauptstadt Europas rund eine Milliarde Euro in die Stadt fliessen wird, die Stadtverwaltung hofft auf zwei bis drei Millionen zusätzliche Besucher und 20 Prozent mehr Jobs im Tourismussektor.

Vorstädte sollen profitieren

Auch die Vorstädte von Marseille sollen von den Touristen profitieren. Bereits 2011 wurde für das Jahr als europäische Kulturhauptstadt das Projekt «Kreative Stadtteile» lanciert, bei dem Künstler in benachteiligte Gegenden ziehen und dort mit den Bewohnern Kunst entwerfen. Bei den Planungen für das Kulturjahr seien die Belange der Bevölkerung besonders berücksichtigt worden, versichert die Kultursoziologin Sylvia Girel.

Jean-Luc Gosse, Chef eines örtlichen Kleinhändlerverbandes, befürchtet trotzdem, dass von dem erwarteten Besucherstrom vor allem die grossen Kultureinrichtungen profitieren werden. Dabei müssten «so viele Touristen wie möglich von den üblichen Pfaden abweichen» und in die Vorstädte kommen. «Hier leben nicht nur Gauner», beteuert Gosse. (mw/AFP)

Erstellt: 12.01.2013, 21:28 Uhr

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