Hintergrund

Krüppel und Kindermörder

Nach der Identifizierung seines Skeletts wird diskutiert: Wer war der von Shakespeare verewigte König Richard III. wirklich? Eine Annäherung.

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«Ich bin entschlossen, mich als Schurke zu erweisen, und die eitlen Vergnügungen dieser Tage zu hassen.» Mit diesen Worten eröffnet Richard, Duke of Gloucester, in William Shakespeares Drama «Richard III.» die Handlung und sein Komplott, das ihn an die Spitze des Königreichs bringt. Als sein Bruder Edward IV. überraschend stirbt, sieht er seine Chance gekommen: Die minderjährigen Söhne werden für illegitim erklärt und verschwinden im Tower. Am Ende des 3. Aktes wird Richard zum König gekrönt.

Doch die Freude währt nicht lange: Zwei Akte später – zwei Jahre in der Realität – verliert er in der Schlacht bei Bosworth Leib und Leben mit dem geflügelten Wort: «Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!» Richards entfernter Verwandter Heinrich VII. wird König von England. Sein Konkurrent wird dämonisiert, auch bei Shakespeare, der sein Stück schreibt, als Elizabeth I., Enkelin von Heinrich VII., auf dem Thron sitzt.

Ein buckliger Bösewicht

Richards körperliche Missbildungen werden dabei absichtlich übertrieben, weil sie als Beleg für schlechten Charakter und eine verdorbene Seele gelten. Zumindest das zeigt das Skelett: Die Missbildungen sind viel geringer als behauptet. Nun haben die Archäologen und Techniker ihre Aufgabe getan, den Historikern neues Material für ihre Untersuchungen und Interpretationen geliefert, und für grosse Aufregung in England gesorgt. Neben Diskussionen über seinen Akzent und sein rekonstruiertes Gesicht steht vor allem seine Rolle in der Geschichte Englands zur Debatte.

War Richard III. wirklich der bucklige Bösewicht, als der ihn die Tudor-Propaganda inklusive Shakespeare darstellt? Oder bloss ein begabter Intrigant, nicht schlimmer als ein durchschnittlicher mittelalterlicher König? «Euer Gnaden mag nach Belieben handeln», sagt bei Shakespeare ein Vertrauter zu Richard. Dabei hatte der König gerade in England keine absolute Macht und konnte nicht ohne Unterstützung der Adligen regieren. Richards Tod war gleichzeitig das Ende der 100 Jahre dauernden Rosenkriege, in denen meist innerhalb der gleichen Familie um den englischen Thron gekämpft wurde.

Der Untergang des Hauses Plantagenet

Richard III. war der letzte König aus dem Hause Plantagenet, das von 1154 an regierte und von Wilhelm dem Eroberer abstammte. Richard Löwenherz war einer der ersten Könige aus diesem Geschlecht – vom Ruf her das Gegenteil seines Namensvetters, ein edler Ritter und gütiger König. Er war allerdings kaum im Lande, sondern meist unterwegs auf Kreuzzügen. Sein Bruder Johann Ohneland regierte für ihn. Er hat ähnlich wie Richard III. ein schlechtes Image (vor allem wegen der Geschichte mit Robin Hood), doch immerhin wurde in seiner Regierungszeit die berühmte Magna Charta erlassen, eine zentrale Schrift der europäischen Rechtsgeschichte.

Als schlimmste Tat von Richard III. gilt der Mord an den Söhnen seines Bruders Edward IV., dem elfjährigen Edward V. und dem neunjährigen Richard. Beide standen in der Thronfolge vor ihm. Doch nicht nur Richard hatte ein Interesse am Verschwinden der beiden, sondern auch sein Widersacher Henry Tudor. Oder war es ein anderer Adliger mit Hoffnungen auf den Thron? Die Skelette der Kinder liegen immer noch im Tower begraben, wobei unsicher ist, ob es wirklich jene der beiden Brüder sind. Die Kirche lehnt es ab, die Särge ein weiteres Mal zu öffnen. Bereits 1933 wurde dies getan – ohne Ergebnisse. «Soll ich offen sein? Ich wünsche die Bastarde tot; und ich möchte, dass es schnell geschieht», sagte Shakespeares Richard. Ob er es auch in der Wirklichkeit war, wird wohl immer ungeklärt bleiben.

Von der Politik in die Klatschspalten

Das hauptsächlich in den Klatschspalten präsente englische Königshaus von heute hat dagegen nichts mehr zu tun mit den Tudors oder Plantagenets. Nach Elisabeth I., Tochter von Heinrich VIII. – ein anderer angeblicher Bösewicht auf dem Thron – und Enkelin von Richards Bezwinger Heinrich VII., folgte ein König aus dem Hause Stuart. Als diese Linie ausstarb, kamen entfernte deutsche Verwandte aus dem Königshaus Hannover auf den Thron, das sich unter Königin Victoria mit dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha vereinigte und bis heute regiert. Im Ersten Weltkrieg wurde wegen der deutschfeindlichen Stimmung der Name in das englische Windsor geändert.

Erstellt: 06.02.2013, 13:51 Uhr

Städte streiten um Gebeine

Die englischen Städte York und Leicester streiten sich um die erst vor kurzem identifizierten Gebeine von König Richard III. Anfang der Woche hatten Forscher der Universität Leicester erklärt, ein im vergangenen Jahr unter einem Parkplatz ausgegrabenes Skelett sei das des im Jahr 1485 gefallenen Herrschers.

Zunächst hatte es geheissen, die sterblichen Überreste sollten nun in der Kathedrale von Leicester beigesetzt werden. Am Mittwoch meldete jedoch die nordenglische Stadt York Ansprüche an: Richard III. war ein Spross des Adelshauses von York und sei «einer der berühmtesten und beliebtesten Söhne der Stadt», wie der Stadtrat an die britische Königin Elisabeth II. schrieb. Deshalb solle er in York begraben werden.

Richard III. ist der bisher letzte englische König, der in einer Schlacht ums Leben kam. William Shakespeare hatte ihn als buckligen Thronräuber dargestellt, der über Leichen ging. Viele Historiker halten das Bild für überholt und schreiben es einem Propagandafeldzug seiner Nachfolger aus dem Hause Tudor zu. Inzwischen gilt Richard manchen sogar als Reformer, der das Strafrecht liberalisierte und Beschränkungen im Buchdruck aufhob. (sda)

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