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Kaum ein Mensch hat so vielen Tod­geweihten ins Gesicht blicken müssen: Wilhelm Brasse war Lagerfotograf in Auschwitz.

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Die Lehre als Fotograf hatte er noch vor dem Krieg gemacht, im Porträtstudio seiner Tante im polnischen Kattowitz, und das war der Beruf, der ihm das Leben retten sollte: Wilhelm Brasse, ­geboren am 3. Dezember 1917, ­gestorben am 23. Oktober 2012, Sohn eines Österreichers und einer Polin, wurde 1940 von den Deutschen bei seiner Flucht aus Polen an der Grenze zu Ungarn erwischt und ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. Brasse war kein Jude, aber auch für Insassen wie ihn betrug die Lebenserwartung hier nur drei Monate.

Brasse begann als Strassenbauarbeiter und Leichenträger, er lernte die Prügel kennen, den Hunger, die Verzweiflung; doch dann suchten die Nazis einen ­fähigen Fotografen für ihren «­Erkennungsdienst»: Wilhelm Brasse musste fortan die ankommenden Häftlinge für die Lagerkartei fotografieren, und zwar im Akkord – Profil, frontal, Halbprofil mit Mütze; zudem markiert mit Nummer und einem Kürzel für die Häftlingskategorie, alles akkurat gemäss der Bürokratie der Vernichtung.

Brasses Studio in Block 26 war ausgestattet mit zwei 500-Watt-Lampen, Zellophanpapier, ­einem kleinen Reflektor und ­einem verstellbaren Drehstuhl mit einer halbrunden Kopfstütze; fotografiert hat er mit ­einer grossformatigen Holzkastenkamera. Aufgestellt in einer Reihe, warteten die Insassen auf seine Anweisungen; bis zu hundert waren es täglich, und drei bis vier Minuten hatte Wilhelm Brasse für jeden Zeit. «Sie mussten alle zu mir kommen», hat er später erzählt. «Ich habe die Angst in ihren Augen gesehen. Es war nur schrecklich, ich wusste ja, dass sie sterben würden.»

Negative gerettet

Aber an Befehlsverweigerung war nicht zu denken; mehr als mitunter ein Stück Brot oder eine Zigarette konnte ihnen Brasse nicht geben. Gegen fünfzig­tausend Todgeweihte, so seine Schätzung, nahm er bis 1945 in Auschwitz auf. Dazu kamen die Ergebnisse der Menschen­versuche von Josef Mengele und anderen KZ-Ärzten, die er ebenfalls zu dokumentieren hatte.

Dass fast vierzigtausend von Brasses Dreifachporträts erhalten geblieben sind, auch das verdankt die Welt diesem Mann. Als die Deutschen das KZ auflösten und die Häftlinge auf Todes­märschen nach Westen trieben, widersetzte er sich seinem Vorgesetzten und holte die Negative heimlich zurück aus dem Ofen. Heute sind die Fotos in Auschwitz und in Yad Vashem in Jerusalem ausgestellt, wo sie die Erinnerung an die Opfer des Holocausts wachhalten, Gesicht um Gesicht um Gesicht.

Vor siebzig Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die sowje­tische Armee das KZ. Doch für Wilhelm Brasse gab es kein Fotografieren nach Auschwitz. Er wollte wieder auf seinem Beruf arbeiten, konnte aber durch keinen Sucher einer Kamera mehr blicken, ohne hinter den Lebenden die Toten zu sehen.

Erstellt: 24.01.2015, 08:50 Uhr

Wilhelm Brasse

Häftling Nr. 3444 in Auschwitz.

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