Interview

«Lieberherrs Rede war die einzige mit unmittelbarer Wirkung»

Zehn berühmte Schweizer Reden hat Felix Münger analysiert. Im Interview verrät der Historiker, welche ihn am meisten berührt hat – und welche besser nicht gehalten worden wäre.

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Herr Münger, was fasziniert Sie an alten Reden?
Bei meiner Arbeit als Radiojournalist bin ich verschiedentlich auf Archivmaterial von Reden gestossen, die in der Schweiz oder auch im Ausland gehalten worden sind. Manche dieser Reden sind mir dermassen unter die Haut gegangen, dass die Idee zum Buch entstand. Dabei interessierte mich weniger die einer Rede innewohnende rhetorische Kunst, sondern das historische Umfeld, in dem die Rede entstand, welche Konflikte sie aufgriff, für welche Machtgruppen sie stand. Oft stand hinter den Reden auch eine menschliche Tragik, die mich faszinierte – etwa die berühmte Rücktrittsrede der ersten Schweizer Bundesrätin Elisabeth Kopp.

Welche Rede hat Sie besonders beeindruckt?
Die Rede von Emilie Lieberherr, welche die Zürcher Frauenrechtlerin 1969 während einer Grossdemonstration für das Frauenstimmrecht auf dem Berner Bundesplatz gehalten hat. Die in einen roten Mantel gehüllte Lieberherr forderte in einer bisher nicht gekannten Vehemenz die politische Gleichberechtigung der Frauen und beschleunigte durch ihre Furchtlosigkeit zweifelsohne die politische Gleichstellung der Geschlechter 1971. Jede der Reden ist in dem Sinn meine Lieblingsrede, als ich überzeugt bin, dass sie alle wichtige Problemfelder aufgreifen, welche die Schweiz im 20. Jahrhundert stark geprägt haben. In allen Reden dringt etwas tiefer Liegendes an die Oberfläche.

Zum Beispiel?
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges etwa ermahnt der Schriftsteller Carl Spitteler seine Landsleute, im Inneren zusammenzuhalten und nach aussen die Neutralität zu wahren. Spittelers Rede ist ein eindringliches Zeugnis für die damalige innere Zerrissenheit des Landes. Deutschschweizer und Romands waren ob unterschiedlicher Parteinahme für das Deutsche Reich beziehungsweise für Frankreich völlig zerstritten, und dies in einem Mass, dass viele Zeitgenossen befürchteten, das Land breche auseinander. Ähnlich aufschlussreich sind etwa auch Robert Grimms Rede während des Generalstreiks 1918, Eduard von Steigers während des Zweiten Weltkriegs vor Jugendlichen gehaltene Ansprache zur Grenzschliessung gegenüber jüdischen Flüchtlingen oder Friedrich Dürrenmatts Wort vom «Gefängnis Schweiz» 1990. Alle diese Reden greifen – parteiisch – virulente Fragen ihrer Zeit auf.

Welche Rede erzielte die grösste Wirkung?
Emilie Lieberherrs Rede war wohl die einzige der von mir ausgewählten zehn Reden, bei denen sich eine unmittelbare Wirkung erkennen lässt. Die anderen Reden haben den Gang der Geschichte wohl kaum verändert. Allein durch das Wort ändert sich die Geschichte wohl eher selten. Diese Reden sind deshalb jedoch nicht von geringerem Wert: Sie bieten aus heutiger Sicht erstklassige Schaufenster, um vergangene Zeiten zu erleben – die Sorgen und Nöte, aber natürlich auch die Freuden.

Ist auch eine Rede darunter, die – aus Sicht des Redners – besser nicht gehalten worden wäre?
Sicherlich diejenige, welche 1940 der damalige Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz hielt. Nachdem die Hilter-Armeen Frankreich in einem Blitzkrieg besiegt hatten, stand die Schweiz unter Schock. Man war praktisch rundherum von faschistischen Diktaturen umzingelt. Pilet-Golaz hielt am 25. Juni eine Radioansprache. Aus Angst, ein falsches Wort würde die Nazis provozieren, verzichtete er darauf, von Widerstand zu sprechen. Auch sprach er mit keinem Wort von Freiheit und Demokratie – Kernaspekten des Schweizer Selbstverständnisses. In seltsamer Unklarheit fabulierte er davon, dass man sich auf die neue Zeit einstellen müsse und dass der Bundesrat nun handeln müsse, ohne dass er alle seine Entscheidungen würde erklären können. Der «Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt» sei gekommen. Pilet-Golaz setzte sich mit dieser Rede dem Verdacht aus, er sei ein heimlicher «Anpasser» an Hitler-Deutschland – ein Ruf, den er zeit seines Lebens nicht mehr loswurde und der ihn letztlich politisch zerstörte.

Die jüngste Rede, die Sie untersucht haben, ist Blochers Rede zur EWR-Abstimmung. Gab es danach keine nennenswerten politischen Reden mehr?
Doch, doch, selbstverständlich schon. Der Zeitrahmen, den ich mir in meinem Buch selbst gesetzt habe, ist jedoch das von vielen Historikern als Zeitrahmen verwendete sogenannte kurze 20. Jahrhundert, das mit der Katastrophe des Ersten Weltkrieges 1914 einsetzte und zu Beginn der Neunzigerjahre mit dem Zerfall der Sowjetunion endete. In der Zeit danach gab es zahlreiche herausragende Reden, deren Studium sich lohnen würde, man denke nur etwa an die viel beachteten Reden, die Moritz Leuenberger hielt.

Erstellt: 10.03.2014, 13:12 Uhr

Vom 10. bis 14. März 2014 präsentiert Radio SRF 1 jeweils zwischen 14.00 und 15.00 Uhr historische Reden der Schweiz im 20. Jahrhundert. Von Carl Spittelers Neutralitätsrede (1914) hin zu Christoph Blochers Rede über die bevorstehende EWR-Abstimmung (1992). SRF-Redaktor und Historiker Felix Münger hat das Buch «Reden, die Geschichte schrieben» geschrieben. Es erscheint begleitend zur Radioserie.

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