Linke Intellektuelle unter #MeToo-Verdacht

Gegen die US-Professorin Avital Ronell läuft ein Verfahren wegen möglichen sexualisierten Machtmissbrauchs – das lässt ihre konservativen Gegner jubilieren.

Avital Ronells Seminare haben Kultstatus – auf Youtube gibt es zahlreiche Videos. Quelle: Screenshot Youtube, Deutsches Haus

Avital Ronells Seminare haben Kultstatus – auf Youtube gibt es zahlreiche Videos. Quelle: Screenshot Youtube, Deutsches Haus

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Die angelsächsische Intelligenzija hat den ersten #MeToo-Fall in den eigenen Reihen. Unter Verdacht steht die Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell, Professorin für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der renommierten New York University. Und obwohl abzusehen war, dass sexualisierter Machtmissbrauch auch an Hochschulen ein Thema ist, bringt die Causa Ronell die linke Intellektuellenszene der USA in eine unerwartet unbequeme Lage.

Gegen Ronell, 1952 als Tochter eines israelischen Diplomaten geboren, läuft derzeit ein Title-IX-Verfahren, eine disziplinarrechtliche Untersuchung, angestrengt offenbar von einem anonymen Studierenden, der israelischen Zeitung «Haaretz» zufolge angeblich ein 30-jähriger Doktorand, der als «M» zitiert wird. Title IX, ein US-Bundesgesetz, schützt vor sexueller Diskriminierung in Bildungseinrichtungen, es deckt Fälle von körperlichen Übergriffen bis zu zweideutigen Bemerkungen ab. Was genau Ronell vorgeworfen wird, weiss derzeit offenbar nicht einmal ihr Anwalt.

Bekannt wurde der Fall überhaupt nur, weil dem Wissenschafts-Blog «Leiter Reports» ein Unterstützerbrief für Ronell zugespielt wurde, der seitdem hohe Wellen schlägt: In dem Brief drücken international bekannte Intellektuelle ihre Bewunderung für die Literaturwissenschaftlerin aus und fordern die Einstellung des Verfahrens. Zu den 51 Unterzeichnern gehören die Adorno-Preisträgerin Judith Butler, der Philosoph Slavoj Žižek, aber auch deutsche Professoren wie Anselm Haverkamp und Barbara Vinken. Ihr Brief legt nahe, dass es sich bei den Vorwürfen um bösartige Verleumdung handle, und sie verteidigen die Kollegin, die zu den Lichtgestalten des akademischen Betriebs gehöre.

Fraglich ist, ob sie ihr mit dem Schreiben einen Gefallen erwiesen haben. Auf «Leiter Reports» folgte die Antwort prompt: «Das Opfer zu beschuldigen, ist offenbar in Ordnung, wenn die Beschuldigte eines Title-IX-Verfahrens eine feministische Literaturwissenschaftlerin ist.» Und die rechte Website «Breitbart» stimmt ein: Die Unterzeichnerinnen seien «Architekten der Frauenbewegung», hielten aber offenbar ihre eigenen Standards nicht ein, wenn es um eine der ihren gehe. Auf der Suche nach Indizien werden anonyme Studierende zitiert, die von einer «sexuell und erotisch aufgeladenen» Atmosphäre in Ronells Seminaren berichten, die Studenten unter Druck setze.

Die Ungewissheit facht den Streit weiter an

Wer Avital Ronell erlebt, bekommt eine Vorstellung davon, was mit dieser Beschreibung gemeint sein könnte. Ronell ist eine zierliche Frau, oft tritt sie mit Sonnenbrille und Tüchern im kurzen, dunklen Haar auf. Sie wirkt schräg, irgendwie fragil, zugleich hochintelligent. Vor ihrem akademischen Leben war sie Performancekünstlerin. Ihr mitunter frivoles Auftreten sticht heraus aus dem üblichen Hochschulbetrieb, sie pflegt einen unkonventionellen Umgang mit Studierenden, flucht auch mal in ihren Seminaren. Auf manche mag das einschüchternd wirken, andere scharen sich wie Jünger um sie. Ronell gilt als zentrale Theoretikerin des Dekonstruktivismus, sie hat in Princeton und bei Jacques Derrida in Paris studiert.

Zu ihren Forschungsgebieten gehören Trauma und Gewalt, aber sie hat auch Bücher über das Telefon und über Dummheit verfasst; Letzteres vielleicht auch um des Gags willen, dass Dummheit zu ihren Interessen gehöre. Ihre oft ironischen Wortspiele verstünden manche Studierende nicht mehr, vermuten Ronells Verteidiger. Doch auch sie wissen nicht, ob und was Ronell sich eigentlich vorwerfen lassen muss. Das Title-IX-Verfahren sieht vor, dass die Inhalte unter Verschluss bleiben.

Gerade diese Ungewissheit facht den Streit an: Während die einen überzeugt sind, dass dies eine «Hexenjagd» sei, freuen sich konservative Professoren, dass sich das ihnen so verhasste Title-IX-Gesetz nun gegen eine ihrer Gegnerinnen wendet. Ob sie sich zu Recht oder zu früh freuen, wird sich zeigen. Das Verfahren läuft. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.07.2018, 17:07 Uhr

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