Lügen erzählen, um die Wahrheit zu sagen

Die Romane von Julian Barnes sind formal kühn, voller aufregender Ideen und ein Lesevergnügen dazu. Das neue Buch «Vom Ende einer Geschichte» hat den renommierten Booker-Preis 2011 gewonnen.

Preisgekrönter Autor, der aufregendes Lesevergnügen schafft: Julian Barnes.

Preisgekrönter Autor, der aufregendes Lesevergnügen schafft: Julian Barnes. Bild: Keystone

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Schon mit den ersten Sätzen weckt er unsere Neugier. Denn Julian Barnes’ neuster Roman beginnt mit schnappschussartigen Erinnerungen des Icherzählers. Hier die ersten drei:

– die schimmernde Innenseite eines Handgelenks;

– aufsteigender Dampf aus einem Spülbecken, in das lachend eine heisse Bratpfanne geworfen wird;

– Spermaflatschen, die um ein Abflussloch in einem hohen Haus kreisen und dann ganz hinuntergespült werden.

Wäre «Vom Ende einer Geschichte» (englisch: «The Sense of an Ending») eine Sinfonie, würden wir diesen Anfang als Ouvertüre bezeichnen. Was passen würde, denn musikalisch ist auch der ganze Roman aufgebaut. Im ersten Teil lässt Barnes kurz verschiedene Themen anklingen, die er im zweiten Teil kraftvoll ausgestaltet. Und es macht Spass, während der Lektüre zur ersten Seite zurückzublättern und festzustellen: Ach, so ist die Sache mit der schimmernden Innenseite eines Handgelenks gemeint!

Stichwort Spass: Für «The Sense of an Ending» hat Julian Barnes den Man-Booker-Preis 2011 erhalten. Und wie jedes Jahr gab es im Vorfeld der Vergabe dieses wichtigsten britischen Literaturpreises Stunk: Stella Rimington, Vorsitzende der Jury und ehemalige Leiterin des britischen Geheimdienstes, hatte verlauten lassen, man suche Bücher, die «readable and enjoyable» seien, also Bücher, die lesbar seien und die man geniessen könne. Prompt meldeten Kritiker, damit sei klar, dass es beim Man Booker Prize nur noch um Spassliteratur gehe, und es wurde eine Art Anti-Booker-Preis ins Leben gerufen.

Darauf angesprochen, meinte Barnes zu einem amerikanischen Kultursender: «Man hat getan, als sei ‹lesbar› gleichbedeutend mit ‹etwas für die Doofen›. Das ist Blödsinn, denn alle grossen Bücher sind lesbar. Dickens ist lesbar, Jane Austen ist lesbar, John Updike ist lesbar.»

Barnes eigenartiger Ruf

Dieses Bekenntnis zur «Lesbarkeit» ist umso bemerkenswerter, als sie von einem Autor kommt, der im Rufe stand, ein Schwerintellektueller zu sein. Grund dafür ist das Buch, das Julian Barnes international berühmt machte (und ihm die erste Nomination für den Booker-Preis einbrachte): «Flauberts Papagei», erschienen 1984. Wobei vor allem der Titel «schuld» war. Denn viele dachten: Flaubert? Irgend so ein Franzose, den ich nicht kenne. Dann kann ich das Buch von diesem Barnes sowieso nicht lesen. Tatsächlich kann man Barnes’ Buch geniessen, ohne eine Zeile von Flaubert gelesen zu haben, denn es geht darin auch um Fragen wie den Einfluss des Eisenbahnwesens auf den ausserehelichen Geschlechtsverkehr oder die Farbe von Johannisbeerkonfitüre im 19. Jahrhundert. Danach wird man allerdings Flauberts Bücher lesen wollen – und jene von Barnes sowieso.

Julian Barnes, geboren 1946 in Leicester, gehört zur selben Generation englischer Schriftsteller wie Martin Amis (*1949) und Ian McEwan (*1948). Doch während sich Letztere zu Beginn ihrer Karrieren als eine Art «Punk-Literaten» gebärdeten und ihre Leserschaft gern mit Schockeffekten traktierten, interessierte sich Barnes mehr für Probleme der Form: Zwar sind Themen wie Sex, Kunst oder Tod seit seinem Erstling «Metroland» (1980) stetig in seinem Werk präsent – formal aber ist jeder seiner Romane völlig anders gestaltet.

Mit «Vom Ende einer Geschichte», seinem elften Roman, knüpft er in mancher Hinsicht an den Erstling an. Auch hier haben wir es mit einem Icherzähler zu tun, der intelligent, aber im Umgang mit Frauen eher ungeschickt ist. Tony Webster heisst er, und auch er führt uns zurück in seine Zeit am Gymnasium. Doch während «Metroland» nur einen Zeitraum von 14 Jahren umfasst, versucht Tony sich an Dinge zu erinnern, die 40 Jahre her sind.

Da war zum Beispiel die Sache mit Veronica. Tony lernte sie während seines Geschichtsstudiums in Bristol kennen, sie war fünf Monate älter als er, mokierte sich über seine Plattensammlung, mochte nicht mit ihm ins Bett gehen, nahm ihn aber trotzdem mit zu ihren Eltern. Nachdem sie und Tony sich getrennt hatten, tat sich Veronica ausgerechnet mit Adrian zusammen, dem Jungen, den Tony schon auf dem Gymnasium bewundert hatte, weil er nicht nur der Klügste war, sondern als Einziger aus sogenannten «zerrütteten Verhältnissen» stammte: Seine Mutter hatte ihren Mann vor Jahren schon verlassen – was Adrian in Tonys Augen die Aura eines existenzialistischen Helden verlieh. Ausserdem zitierte Adrian gern den Satz von Camus, dass Selbstmord die einzig wahre philosophische Frage sei.

Dass Veronica und Adrian sich zusammengetan hatten, quittierte Tony zunächst mit einer sarkastischen Postkarte, dann schickte er ihnen noch einen Brief, und einige Zeit später brachte sich Adrian um.

Der Leser leidet mit dem Helden

40 Jahre später wird Tony, der es sich in einem Leben als friedlich Geschiedener und Pensionierter bequem gemacht hat, mit den Geschehnissen von damals konfrontiert, und er muss feststellen, dass seine Erinnerungen gelinde gesagt selektiv sind. «Vom Ende einer Geschichte» sei ein Buch über Zeit und Erinnerung, hat Barnes gesagt, respektive über die Löcher in Tonys Erinnerung. Genau das macht das Buch so spannend, denn sehr vieles von dem, was Tony und wir Leser gern wüssten, bleibt unerklärt und rätselhaft. Doch das, was Tony zum Schluss seiner Geschichte herausfindet, ist so verblüffend, dass wir das Buch gleich ein zweites Mal lesen wollen.

Der Zweck von Belletristik, hat Barnes einmal gesagt, sei, «schöne, exakte, gut konstruierte Lügen zu erzählen, die harte, schimmernde Wahrheiten bergen». «Vom Ende einer Geschichte» leistet genau das. Der Roman gehört zu Barnes’ besten Büchern und ist ein guter Einstieg in sein Werk: Perfekt ist die Balance zwischen gewichtigen philosophischen Ideen und Figuren, die so lebendig sind, dass das Buch nicht zum Traktat verkommt. Und dann ist da dieser spezifisch Barnes’sche ironische Grundton, den die deutsche Übersetzerin Gertraude Krueger einmal mehr bewundernswert gut getroffen hat.

PS: Nun möchten Sie sicher noch wissen, was es mit dieser «schimmernden Innenseite eines Handgelenks» auf sich hat. Die hat vereinfacht gesagt mit sonderbaren erotischen Praktiken zu tun. Mehr sei hier aber nicht verraten. Das müssen Sie schon selber lesen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2011, 13:53 Uhr

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte. Aus dem Englischen übersetzt von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 192 S., ca. 28 Fr.

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