«Macht euch von den US-Servern los!»

Helen Nissenbaum hatte massgeblichen Einfluss auf den neuen US-Verfassungsartikel zum Schutz von Verbraucherdaten. Doch dieser reicht ihr nicht.

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Via Internet kann man massenhaft private Daten abgreifen – und die NSA hat genau das getan, vom Merkel-Handy bis zum deutschen Informatikstudenten. Sind Privatsphäre und Datenschutz tot?
Die Antwort ist ein klares Jein. Einerseits unterschätzt die Bevölkerung oft komplett, wie gläsern der Einzelne tatsächlich geworden ist, egal, ob er mit der Kreditkarte bezahlt, mit dem Smartphone telefoniert oder im Internet surft. Er hinterlässt eine riesige Datenspur, die ohne Ende gespeichert, verkauft und genutzt wird. Andererseits ist das Konzept von Privatheit nichts Statisches, keine feste Grösse, sondern wandelt sich im Laufe der Zeit und je nach Kultur und Umfeld. Es ist kontextabhängig.

Das zeigt Ihr Standardwerk «Privacy in Context». Es hatte grossen Einfluss. 2012 führte das Weisse Haus ein Grundrecht ein auf «Consumer Data Privacy in a networked world», das sich auf Ihr Stichwort «Kontext» stützt.
Privatheit bedeutet eben nicht «Geheimnis» im Sinne von: Keiner darf es wissen. Oder andersherum gesagt: Geheimnisse sind relativ. Im alten Amerika hätte keiner verraten, dass er schwul ist. Heute aber ist diese Information in den USA, anders als etwa in Russland, kein Problem mehr – zumindest in vielen Kontexten nicht. Manche Menschen möchte man vielleicht über sogar die eigene sexuelle Orientierung informieren, in andern Kontexten spielt es keine Rolle, nur manchmal käme diese Information nicht gut an. Offline sind die sozialen Standards und Kommunikationsregeln meist unumstritten. Schon die Eltern bringen uns bei, was man nicht weitersagt oder wann man etwas nicht sagt: Beim Essen erzählt man beispielsweise nicht über unappetitliche Krankheitssymptome, beim Arzt schon. Der Kontext zählt.

Was ist der Kontext des Internets?
Das ist der Knackpunkt! Die Gesellschaft funktioniert nur über Informationsaustausch und Kommunikation; und das Internet ist da ein grosser Gewinn. Wenn man sieht, was die Leute dort alles anderen Menschen mitteilen oder meinen, mitteilen zu müssen, wird einem erst so richtig klar, wie immens das Bedürfnis nach Austausch ist. Nur – und das ist das Problem – das Internet bietet keinen eindeutigen reziproken Fluss, also keinen «Austausch», der kontrollierbar wäre. Man kann nicht wissen, ob die sozialen Normen, die offline den Fluss der Informationen mehr oder minder kanalisieren, online funktionieren. Der technologische Fortschritt unterläuft da historisch aufgebaute Erwartungen.

Gehört zu diesen Erwartungen, dass der Staat nicht die private Kommunikation überwacht?
In der Tat. Die Spannung zwischen dem staatlichen Recht auf Geheimhaltung und jenem des einzelnen Bürgers existiert jedoch schon lang.

Denken Sie an den britischen Skandal von 1844? Die Regierung liess private Briefe des italienischen Unabhängigkeitskämpfers Guiseppe Mazzini öffnen, und er merkte es.
Es kam zum öffentlichen Aufruhr, und die Viktorianer diskutierten in der Folge – und vielleicht erstmals auf diese Weise – über Privatheit, über die Rechte des Staates und ob der Staat zumindest deklarieren muss, dass er private Briefe geöffnet hat und warum. Dass er das tut, wurde vorher selten problematisiert. Es gibt allerdings im Judentum seit rund 1000 Jahren das Verbot, fremde private Post zu lesen: Der Erlass stammt von Rabbi Gerschom ben Judah aus Mainz, und hatte, ironischerweise, auch mit dem Wunsch nach Handelsgeheimnissen zu tun; war quasi pro-Business gedacht.

Edward Snowden hat wie Mazzini den Schnüffelstaat auffliegen lassen. War das richtig?
(zögert) Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich sitze im Beirat des Electronic Privacy Information Center; und im Juni haben wir ihm einen Preis verliehen. Das ist korrekt so. Summa summarum haben wir alle sehr von ihm profitiert. Aber legitimiert der Zweck die Mittel? Die Ehrung für ihn ist richtig; aber ich denke auch, dass er bestraft werden müsste in den USA. Er hat keinem geschadet, es gibt mildernde Umstände, Gefängnis wäre völlig unangemessen. Trotzdem: Er hat Gesetze gebrochen.

Der neue NSA-Direktor Michael Rogers sagte jüngst, dass Snowdens Eröffnungen keineswegs «den Himmel einstürzen» liessen. Die NSA könne nahezu ungehindert weitermachen. Ist das der Himmel?
Ich begreife die NSA nicht, kenne sie ja auch nicht von innen. Wieso sie unverdächtige Bürger anderer Länder ausspioniert, ist mir ein Rätsel. Aber das wirft die Frage auf: Womit müssen wir rechnen? Es gibt einen angemessenen Fluss der Information, ohne den – machen wir uns nichts vor – gar nichts geht; Handy wegwerfen ist keine Lösung. Und es gibt einen unangemessenen Fluss, der Einfluss haben kann auf dein ganzes Leben. Der Informationsfluss ist so janusgesichtig wie Facebook. Du bewirbst dich um eine Stelle, eine Wohnung, willst ein Auto oder ein Flugticket kaufen oder eine Krankenversicherung abschliessen – was, wenn die jeweilige Firma quasi Big Data über dich besorgen kann? Und das kann sie. In den USA zumindest: Da hat die Gesetzgebung viele Schlupflöcher. Du hast keine Kontrolle darüber, was Dritte über dich in Erfahrung bringen können, und zwar im grossen Stil.

In den USA ist die Datensammlung erlaubt, basiert aber auf «Transparenz und Zustimmung». Den Menschen muss gesagt werden, wenn ihre Daten ausserhalb des «erwartbaren Interaktionskontextes» genutzt werden. Geht das?
Nicht wirklich. Ich nenne dies das «Transparenz-Paradox». In den AGB einer Onlinevereinbarung, etwa bei einem Internetkauf, mag drinstehen, wohin die Daten alle fliessen oder fliessen könnten. Aber es ist nicht realistisch, dass man das im Detail lesen oder gar verstehen kann. Und selbst wenn: Damit entkommt man dem Problem ja nicht, aus­ser man schaltet sich selbst aus dem kommunikativen Raum aus. Es gibt zahllose Data-Tracker, die auf Websites zugreifen. Auch die «Huffington Post» und die «New York Times» nutzen sie.

Beim TA gibt es rund sechs Tracker, die den Onlineweg der Leser festhalten, und Programme, die die Daten auswerten.
Eben. Aber am schlimmsten ist Google. Und die Werbung, die dich online verfolgt, sobald du dir einen Sessel angeschaut hast oder eine Kaffeekanne, ist noch nicht mal das eigentliche Problem. Problematisch sind die Kenntnisse, die Google so über dich sammelt. Welche Krankheiten du recherchiert hast, welche Chatrooms du besucht hast, alles ist erfasst. Was nützt es da, wenn diese Erfassung im Kleingedruckten steht? Und dann ist da die Acxiom Corporation, diese «grösste Firma, von der man nie hört», wie sie genannt wird. Sie sammelt und analysiert Kundeninformationen auf vier Kontinenten und bereitet sie wiederum für ihre Kunden auf, Versicherungen, Marketing, Finanzwesen, Medien und und und.

Google wurden ja jetzt von Gerichts wegen Beschränkungen auferlegt.
Ich glaube nicht, dass Google unschöne Treffer einfach verschwinden lassen kann, wie das jetzt als «Recht vergessen zu werden» gefordert wird: Die Sachen sind ja im Netz. Zudem: Fänden Sie als Journalistin es in Ordnung, wenn Ihre Recherchen einfach «verschwinden»? Das waren ja Informationen, die von Anfang an für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Aber davon mal abgesehen, gilt ganz grundsätzlich: Im System von «Transparenz und Zustimmung» fehlt das, worauf die Offlinekommunikation baut – Vertrauen. Also die erfahrungsgestützte Vermutung, dass der Informationsfluss in angemessenen Bahnen läuft.

Was können wir tun?
Wie gesagt, es gibt juristische Schlupflöcher. Die sollte man stopfen. Ein Beispiel: In den USA sollten Autoversicherungen gegenseitig keine Finanzinformationen über ihre Kunden austauschen dürfen. Was geschah? Sie erfanden eine zentrale, offiziell neutrale Körperschaft, die Dossiers über potenzielle Kunden anlegt und Fragen über sie beantwortet. Diese Firma wurde mittlerweile von einer anderen aufgekauft. Oder die NSA: Sie benutzt Computer, also Maschinen und nicht Menschen, um verdächtige Worte aus Gesprächen herauszufiltern, und umgeht so das Verbot, massenhaft total unverdächtige Gespräche zu überwachen. Facebook – was ich nicht nutze – und Google sind extrem mächtig, und das Individuum ist zu schwach, um sich schützen zu können. Und wenn ein grosses Machtgefälle da ist, helfen nur Gesetze. Theoretisch sollte das Internet ähnlichen Restriktionen der Angemessenheit folgen wie die Welt draussen. Die Einschränkungen sollten fest verwurzelt sein.

Der amerikanische Philosoph Raymond Geuss verweist in seiner Studie über «Privatheit» auf Diogenes: Wahre Freiheit habe man erst ohne Geheimnisse. Diogenes hat darum auf dem Marktplatz onaniert.
Ich glaube, dass jede Kommunikation auf einem gewissen Grad von Unausgesprochenem basiert. Selbst wenn öffentliches Masturbieren die Norm wäre, bliebe doch auch Ungesagtes. Das gehört zu den Spielregeln des Austauschs unter Menschen und hat nicht per se etwas Unfreies. So galten an den Höfen der Adligen andere Regeln als in der Bourgeoisie. Oder wenn ich heute mit einem Autoverkäufer verhandeln gehe, weiss er, dass ich eine Limite habe – aber er kennt sie nicht. Genauso wie ich seinen Minimalpreis nicht kenne. Wir brauchen weder die absolute Offenheit noch die absolute Geheimhaltung; und beides gibt es auch gar nicht.

Was ist mit Anonymität im Netz?
Die Technologie ist so weit fortgeschritten, dass man keine Namen benötigt, um Leute zu identifizieren. Der Wert der Anonymität ist, dass man nicht belangbar, nicht auffindbar ist: Man kann sein Alkoholproblem oder seine Aidserkrankung besprechen, man kann wählen, ein Whistleblower sein usw. – und keiner kriegt einen dafür dran. Diesen Wert irgendwie aufrechtzuerhalten, obwohl durch ein Netz von Techniken fast jeder aufgespürt und dingfest gemacht werden kann, ist eine grosse, auch juristische Herausforderung.

Noch einmal die Frage: Was tun?
Ich baue mit Studierenden gerade ein eigenes soziales Netzwerk auf, das den ­Regeln des kontextabhängig angemessenen Informationsflusses folgt. Wir arbeiten mit den Normen der Offlinekommunikation: Privatheit ist nicht das Ende vom Teilen, nur vom unangemessenen Teilen. Allerdings müssen wir die Leute dazu bringen, solche alternativen Netzwerke auch zu nutzen. Dazu wäre ein Gesetz gut, das die Kontaktmöglichkeit zwischen Netzwerken erzwingt und die monopolistischen Mauern aufbricht. Für die Europäer hätte ich da eine ganz konkrete Empfehlung.

Welche?
Macht euch unabhängig! Ich weiss, es sieht so aus, als müsse man da sein, wo alle sind: bei Facebook, Whatsapp, Google. Aber macht euch von den US-Servern los, investiert in ein eigenes soziales Netzwerk, das sich an die Ethik des angemessenen Informationsflusses hält. Befreit euch!

Erstellt: 14.07.2014, 08:35 Uhr

Helen Nissenbaum

Geboren in Südafrika, ist sie Professorin für Media, Culture, Communication sowie für Computer Science an der N.Y. University und Direktorin des Information Law Institute.

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