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Männer in der Opferfalle

Linke wollen die Antifeminismus-Tagung verhindern - ein Fehler, findet Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktorin Michèle Binswanger.

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Fast scheint es, als folge die Posse um die erste internationale Anti-Feminismus-Tagung einem sorgfältig inszenierten Drehbuch. Nachdem diese doch eher obskure Gruppe ihre Pläne für ein erstes internationales Treffen publik gemacht hatte, regte sich bereits Unmut. Wirte weigerten sich, der Gruppe ihre Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, und die Zürcher Kantonalbank ZKB lehnte es ab, ein Konto für sie zu eröffnen. Doch nicht alle liessen es bei passivem Widerstand bewenden. Nachdem die Antifeministen mit dem Restaurant «Giardino Verde» in Uitikon endlich einen offiziellen Austragungsort gefunden hatten, sind nun mutmasslich linke Gruppen auf den Plan getreten: Bereits eine Woche vor dem Treffen wurde die Bauwand gegenüber der Sihlpost in Zürich mit Bildern, Symbolen und Texten beklebt, Flugblätter wurden verteilt, worin dazu aufgerufen wird, «den Chauvis vor den Latz zu hauen» und «Radau zu machen». In Uitikon wurden gestern zudem zahlreiche Liegenschaften mit Sprüchen und Logos besprayt. Das «Giardino Verde» hat die Antifeministen daraufhin wieder ausgeladen.

Verfilzte Emanzen

Der heftige Unmut gegen die Antifeministen mag in erster Linie am Aushängeschild der Gruppe liegen, als welches der bekannte SVP-Querulante René Kuhn dient. Ihm werden unter anderem Beteiligungen an Frauenhandel nachgesagt, vor allem aber hatte Kuhn mit abwertenden Bemerkungen über Frauen und Linke für Unmut gesorgt, die er als «ungepflegte, verlumpte, verfilzte Emanzen, die wie Vogelscheuchen rumlaufen» bezeichnet hatte.

Doch gerade wer mit Kuhn und seinen Antifeministen nicht einverstanden ist, kann sich über den aggressiven Widerstand der Anti-Antifeministen nicht freuen. Ganz abgesehen davon, dass solche Aktionen übermässige Aufmerksamkeit für eine an sich obskure Gruppe generieren, stecken dahinter zutiefst antidemokratische Reflexe – die gerade auch vor dem Hintergrund der Geschichte der Frauenbewegung antiquiert, ja lächerlich wirken.

Man mag das aus der Entwicklung der Frauenbefreiungsbewegung in der Schweiz erklären. Diese wurzelte nämlich in der Alternativbewegung und teilweise der Autonomiebewegung und griff zu radikalen Methoden, um ihren Anliegen zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Organisiert in unzähligen Selbsthilfe- und Arbeitsgruppen zu verschiedensten Themenbereichen, griffen sie auch immer wieder zu medienwirksamen Aktionen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. 1975 unterbrachen Aktivistinnen der FBB die Herbstsession des Nationalrates, rollten Transparente aus, warfen nasse Windeln auf die Ratsmitglieder, weil sich der Nationalrat in der Frage eines straflosen Schwangerschaftsabbruchs quer stellte.

Reaktionäre Antifeministen

Doch heute stehen wir an einem ganz anderen Punkt. Die Gleichberechtigung ist stetig vorangeschritten und es ist tatsächlich an der Zeit, dass man sich darüber Gedanken macht, inwiefern Frauen noch benachteiligt werden, oder ob es nicht auch Bereiche gibt, in denen eine Gegenemanzipation der Männer angezeigt wäre. Stichwort tiefere Lebenserwartung und höhere Selbstmordrate bei Männern, die härtere Beurteilung von Männern vor Gericht, ihre Benachteiligung in Familien- und Sorgerechtsfragen, Frauengewalt und Männerdiskriminierung.

Natürlich ist störend, dass die Antifeministen vom reaktionären Standpunkt aus argumentieren, ihre Opferperspektive in kämpferisch-verhärmtem Ton artikulieren und ziemlich humorlos wirken. Das, und dass sie die Zeit zurückdrehen und sich im Patriarchat wieder gemütlich einrichten wollen, sollte in der heutigen Zeit lächerlich genug wirken. Eine autonome Linke, die diesen Männern im Vorfeld Gewalt androht, ist da gar nicht nötig, ja, sie spielt einem René Kuhn tragischerweise sogar in die Hände. Erstens verleiht sie ihnen mehr Öffentlichkeit, als nötig wäre, zweitens bestätigt sie gerade die These von den aggressiven Feministen und Feministinnen. Kommt dazu, dass solche Aktionen natürlich genau so reaktionär und konservativ sind, wie die Positionen der Antifeministen selbst.

Besser würde man die Antifeministen ihre Veranstaltung abhalten lassen. Oder, um es mit dem kolumbianischen Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila zu sagen: «Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie.» Das trifft hier auf beide Seiten zu.

Erstellt: 26.10.2010, 15:16 Uhr

Kein Catering für die Antifeministen: Giardino-Verde-Werbetafel in Uitikon. (Bild: zVg)

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktorin Michèle Binswanger findet, die Antifeministen sollten sich selber demontieren.

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