«Man Muss Menschen Mögen»

André Blattmann schreibt unter dem Titel «Befehlsausgabe» eine Kolumne für den «Blick am Abend». Menschenfreundlicher hat ein Armeechef nie geschrieben.

Die zarteste Kolumne der Schweiz: Armeechef André Blattmann schreibt jede zweite Woche für den «Blick am Abend».

Die zarteste Kolumne der Schweiz: Armeechef André Blattmann schreibt jede zweite Woche für den «Blick am Abend». Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Gestern habe ich sämtliche «Befehlsausgaben» von André Blattmann gelesen. Es sind 73 Stück. Und ich darf sagen, dass das ein «feines Erlebnis» war, um mit den Worten unseres Armeechefs zu sprechen. Alle vierzehn Tage schreibt er nämlich eine Kolumne fürs Volk im «Blick am Abend». Um eine Befehlsausgabe, wie sie heisst, handelt es sich aber nicht – bis auf eine Ausnahme. Blattmann ist ein freundlicher Mann, geradezu sanft. Er denkt nicht daran, uns Leser herumzukommandieren, nein, er erzählt vielmehr aus seinem Leben, hält allerhand gute Wünsche bereit und bedankt sich gern.

Nach Ostern fragt er etwa: «Haben Sie die letzten Wochen das herrliche Wetter auch ein wenig geniessen können?» Er selbst war an einem Eishockey-Match. Ein andermal hat er gerade am Murtenlauf teilgenommen (immerhin 17.45 Kilometer) und in seiner Kategorie M55 den 307. Rang belegt. Dann wieder war er an der GV der Tessiner Offiziersgesellschaft. «Sie wissen vielleicht, dass ich gerne in unserem südlichen Kanton bin», schreibt er. «Menschen, Landschaft, Kultur und Kulinarik der Sonnenstube» ... – aber nicht das hat ihm besonders gefallen, sondern die Ehrung junger Offiziere mit Handschlag und Medaille.

Leider, so Blattmann, sei es nicht mehr selbstverständlich, dass ausserordentliche Einsätze «so deutlich verdankt» werden. Blattmann dankt gern und viel, in jeder Kolumne: Den Organisatoren des Murtenlaufs, Vereinsmitgliedern aller Art, Rekruten, ja allen Menschen, die im entferntesten Sinne freiwillig irgendeinen Einsatz leisten. 19. Juni 2012: «Bei uns zu Hause wird derzeit der Garten umgestaltet. Die Landschaftsgärtner leisten wirklich ausgezeichnete Arbeit.» Trotz Regen habe keiner geklagt. 22. Oktober 2013: Traditionelles Pistolenschiessen auf dem Rütli, «straff geführt, diszipliniert, verantwortungsbewusst». Die Schützen bringen Spezialitäten aus ihren Kantonen mit: «Für mich heisst das Salzbrezeli aus dem Sensebezirk, Waadtländer Raclette, Merlot aus dem Tessin, Kaffee und Baselbieter Kirsch.» Und natürlich: «Merci den Organisatoren!»

«Nicht nur auf Alltagsereignisse reagieren»

Nur eine Stelle in seinen Kolumnen kommt wie ein Befehl daher. Es ist das Herzstück in der bisherigen Sammlung. Blattmann schreibt von den sogenannten «4M». Der geheimnisvolle Code birgt seinen humanistischen Befehl: «Man Muss Menschen Mögen.» Alles andere ist freiwillig, wie die Schweizer Armee. Die Menschenliebe ist es nicht.

Blattmann reagiere in seiner Kolumne nur selten auf Aktualitäten. Und begründet: «Das mache ich bewusst so. Der Auftrag der Armee ist es, nicht nur auf Alltagsereignisse zu reagieren, sondern vorausschauend zu planen.» Feldherren haben mit Weitsicht und der Reitpeitsche in der Hand Landkarten abgetastet – in dieser Haltung tippt unser Friedensgeneral seine Kolumne. Manchmal erhebt er zaghaft den Finger und warnt. Vor «falschen Propheten», die die Armee abschaffen wollen. Oder er wehrt sich gegen das Bild einer rechtsradikalen Armee. Denn solcherlei, weiss Blattmann, kann nicht sein, denn schliesslich gelten die «4M»! Das Faszinierendste an Blattmanns Kolumnen ist aber, wie dieser nach abenteuerlichen Wortgefechten doch immer den gleichen Gegenstand trifft: die Schweizer Armee.

Kopf, Hand und Herz

Das geht so, Blattmann schreibt: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton konnte am WEF, von einigen Fotoanfragen abgesehen, unbehelligt in der Autobahnraststätte «Glarnerland» Pizza essen. «Glücklicherweise werde ich nicht fotografiert, wenn ich in ein Restaurant komme», schreibt Blattmann. Vor Kurzem jedoch habe er mit seiner Frau in Zürich ein Geschäft betreten und sei mit einem fröhlichen «Sali zäme!» begrüsst worden. – Die beiden Geschichten würden zeigen, wie sicher das Leben in der Schweiz sei, «auch dank der Leistungen der Armee». Nach den zig Geschichten, die ich über Blattmann gelesen habe, nahm es mich plötzlich wunder, ob es denn tatsächlich der oberste Offizier ist, der diese Kolumne schreibt.

Es sei gewiss Blattmanns Kolumne, meint dessen Kommunikationsstelle, der Armeechef würde die Vorgaben machen und die Endredaktion. Geschrieben jedoch werde sie von jemand anderem. Wir lesen noch einmal: «Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal gefragt, was ich in meiner Freizeit mache. Gerne verrate ich es Ihnen: kochen! Es braucht Kopf, Hand und Herz, man kann kreativ sein. Und das beste ist: Ich kann selbst oder zusammen mit meiner Frau Doris etwas Feines auf den Tisch zaubern.» Das Wissen, dass diese Zeilen nicht Blattmann selbst geschrieben hat, kommt zwar einer Entzauberung gleich. Die Vorstellung aber, dass das jemand anderes geschrieben hat, ist auch vergnüglich. Schliessen wir mit unserem Armeechef: Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und ein schönes Wochenende!

Erstellt: 01.11.2013, 11:13 Uhr

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