«Man tötet uns – und als Antwort wird gezeichnet»

Faro, Comickünstler und Pressezeichner aus Nizza, findet die Solidarität in der Stadt tröstlich. Zeichnen will er zum Anschlag nicht.

Nach dem Attentat auf das Pariser Satiremagazin «Charlie Hebdo» ehrte Faro die Opfer mit dieser Zeichnung. Heute würde er das so nicht mehr tun. Bild: Faro

Nach dem Attentat auf das Pariser Satiremagazin «Charlie Hebdo» ehrte Faro die Opfer mit dieser Zeichnung. Heute würde er das so nicht mehr tun. Bild: Faro

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Sie leben mit Ihrer Familie in Spanien. Wann haben Sie von dem Anschlag gehört?
Noch in der Nacht des 14. Juli, es war kurz nach 23 Uhr! Ich las auf Twitter, dass ein Lastwagen in die Menge auf der Promenade des Anglais gerast war, und wusste sofort: Das muss vom Ausmass her wie der Anschlag auf «Charlie Hebdo» sein oder wie die Nacht von Bataclan im vergangenen November. Anfangs sass ich dann da wie betäubt. Aber Schritt für Schritt realisiert man, was geschehen ist, analysiert die Lage – und leidet noch mehr. Besonders dann, wenn man, so wie ich, als Kind und auch später noch häufig den 14. Juli an genau diesem Ort gefeiert hat: nämlich entweder auf den Hügeln in der Umgebung, um das Feuerwerk von der Höhe aus zu geniessen, oder eben direkt auf der Promenade am Meer, um ganz in die Atmosphäre einzutauchen. Wobei mir selber immer das Fest auf «meiner Prom» die sympathischere Art war.

Waren Ihre Angehörigen heuer auch dort?
Meine Verwandten leben ja bis heute in Nizza – und es ist pures Glück, dass sich keiner von ihnen in der unmittelbaren Nähe befand, als der Lastwagen auf der Promenade fuhr. Was mich jetzt, in diesen Tagen nach dem Attentat, beeindruckt, ist dieses neue Gefühl der Einigkeit, das aufgekommen ist und mit dem sich die Bevölkerung dem Schrecken widersetzt. Man ist Niçois, man hält zusammen, es herrscht Solidarität. Das berührt, und es tröstet auch.

War für Sie ein Anschlag in Nizza überhaupt vorstellbar gewesen?
Wissen Sie, leider ist uns sehr bewusst, dass eine derartige Gewalttat im Moment – und wohl auch in der nahen Zukunft – überall geschehen kann. Wegen der Fussball-Europameisterschaft habe ich einen Monat in Paris verbracht – ich mache Illustrationen zur Sportberichterstattung –, und da gab es so viele Diskussionen über die Möglichkeit eines Anschlags! Trotzdem sind alle gekommen. Die ganze Welt hat sich komplett geändert. Wir müssen diese omnipräsenten Gefahren mit allen Mitteln bekämpfen – und das, ohne zu wissen, wo sie lauern.

Haben Immigranten aus Nordafrika es sehr schwer, sich in Frankreich zu integrieren?
Leider ja, und das schmerzt mich und tut mir leid für sie. Nicht nur in Nizza, sondern in ganz Frankreich ist es schwierig für sie. Es scheint allzu einfach und allzu verführerisch, alle nordafrikastämmigen Einwanderer in einen Topf zu werfen. Aber dies zu tun, ist ein grosser Fehler, moralisch und taktisch, und ein massives Risiko für unsere Zukunft! Nizza war immer rechtslastig. Und es könnte gut sein, dass diese Neigung nun durch den Anschlag sehr schnell noch deutlich heftiger wird; ich weiss es nicht. Was aber sicher ist: Diese ganze Thematik spielt eine viel grössere Rolle als etwa zu Zeiten von Bürgermeister Jacques Médecin, der von 1965 bis 1990 regierte – also in jenen Jahren, als ich in Nizza aufwuchs.

Hat François Hollande, dessen Präsidentschaft Sie in einem zweibändigen Werk karikieren, Frankreich geschadet?
Na ja, ich zweifle daran, dass er der richtige Mann am richtigen Ort ist. Andererseits scheint mir, dass es schon seit langem nicht mehr die Politiker sind, die das Land lenken. Frankreich hat sich zum Schlimmeren gewendet, das ist keine Frage. Aber weniger gewiss ist, ob François Hollande als Einziger die Schuld an diesem Prozess hat. So oder so allerdings: Er trägt dazu bei, dass wir Tag für Tag weiter ins Weniger-Gute ­hineinrutschen.

Haben Sie Angst, mit Ihrer Tochter und Ihrem Sohn, die beide im Primarschulalter sind, in Ihre alte Heimat zu reisen?
Man darf keine Angst haben. Ausserdem kann so ein Terrorakt, wie gesagt, mittlerweile überall geschehen. Ausblenden kann man die Bedrohung jedoch nicht: Das Wissen darum, dass es einen selbst oder die eigenen Lieben jederzeit treffen kann, hockt irgendwo festgekrallt in einer Ecke meines Kopfes und geht von da auch nicht wieder weg.

Sie sind Mitglied des internationalen Künstlernetzwerks Cartooning for Peace, das auch in Genf einen Sitz hat. Kann die Kultur, kann der Cartoon gegen das Klima der Angst und des Schreckens ankämpfen?
Über das Netzwerk Cartooning for Peace organisieren Zeichner aus aller Welt Veranstaltungen wie beispielsweise Ausstellungen, die eine Botschaft des Friedens vermitteln sollen. Ausgangspunkt für die Gründung war der Aufruhr nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im dänischen Blatt «Jyllands-Posten» im Jahr 2005. 2006 kam es zur ersten «Peace»-Ausstellung. Aber ich masse mir keineswegs an, mit meinen Zeichnungen die Welt umstülpen oder die Angst zum Verschwinden bringen zu können. Für mich sind Zeichnungen ein Mittel zu kommunizieren; sie sind Teil des Arsenals, über das wir verfügen, um vor allem die jungen Generationen anzusprechen, sie zur Toleranz hinzuführen und ihnen ein Verständnis für die Welt, in der wir leben, zu vermitteln. Aber eine Lösung haben wir – habe ich – genauso wenig wie alle anderen. Was tun, wenn man weiss, dass es reicht, einen Lastwagen zu mieten, um ein solches Blutbad anzurichten? Wen bekämpfen, wenn man weiss, dass diese Kranken von überallher herauskriechen können? Wir sind mit einer noch nie da gewesenen Situation konfrontiert.

Werden Sie zum Attentat in Nizza etwas zeichnen?
Nein, eben gerade nicht! Im Gegenteil, ich habe in der «Huffington Post» erklärt, warum ich zu diesem Ereignis nicht zeichnen werde. Ich gebe zu: Ich kann es nicht, und ich will es nicht. Ich finde sogar, langsam wird es ein wenig grotesk: Man tötet uns – und als Antwort auf das Gemetzel wird gezeichnet. Mir reichts mit all diesen weinenden Stiften und blutenden Fahnen.

Sie haben selber auch solche Zeichnungen geschaffen – damals, nach dem Attentat auf das Magazin «Charlie Hebdo».
Ich verleugne keine meiner Arbeiten. Aber was ich sage, ist, dass mich die Fadheit dieser Post-Attentat-Zeichnungen irritiert, dass sie mich abstösst. Und vielleicht habe ich ja seinerzeit zu diesem «Genre» meinen Teil beigetragen.

In Ihrer Stellungnahme in der «Huffington Post» zweifeln Sie daran, ob Ihre Mitbürger aus Nizza die «Jeremiaden auf Papier» wohl ein weiteres Mal zu schätzen wüssten. Und ob sie wirklich eine Hommage an die Toten sind.
Das ist in der Tat fragwürdig. Wenn jemand etwas zu sagen hat, so soll er es sagen, aber bitte in einer dem Sujet würdigen und angemessenen Form. Eine Pressezeichnung hat doch eigentlich eine andere Funktion. Nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» – ein Satiremagazin – war die Ehrung der Toten durch Zeichnungen spontan und legitim und bewegend. Heute ist sie das – für mich persönlich jedenfalls und als Niçois – nicht mehr. Ach, in Nizza war ich einst ein sorgloses Kind; später brauste ich da mit meiner Moto durch die Sommernächte. Jetzt stehen wir in Nizza gemeinsam der Barbarei gegenüber und sind vereint im Leid.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2016, 20:39 Uhr

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Faro

Witze für den Frieden

Faro wurde als Christophe Faraut 1969 in Nizza geboren, wo er lange lebte und als Pressezeichner und Comic­künstler arbeitete, bevor er der Liebe wegen nach Spanien zog. Die letzten Buchpublikationen waren sein zweiter satirischer Band über François Hollande: «Moi, Président, ma vie quotidienne à l’Elysée – Jusqu’ici tout va bien!» (2014, Editions Jungle) und «Qu’est-ce qui fait courir . . . Tapie?» (2015, Editions Jungle) über den französischen Tycoon und ehemaligen Skandalminister Bernard Tapie. Faro ist Mitglied des internationalen Netzwerks Cartooning for Peace. (ked)

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