«Manche Leute meinen, ich sei Kommunist»

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ist ein Mann mit einer Mission: Wir sollen im Internet nicht nur shoppen, sondern Antworten finden.

Hätte Jimmy Wales seine Wikipedia an die Börse gebracht, wäre er heute Milliardär.

Hätte Jimmy Wales seine Wikipedia an die Börse gebracht, wäre er heute Milliardär. Bild: Reto Oeschger

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Herr Wales, derzeit reden alle über den Facebook-Film. Kommt bald der Wikipedia-Film über Sie?
Das wäre ziemlich öd. Ich bin eine recht langweilige Person.

Wer müsste Sie spielen?
Man sagt mir oft, Kevin Costner und ich glichen uns. Doch Costner ist zu alt. Kevin Spacey vielleicht.

Mit dem Wikileaks-Gründer Julian Assange hat Sie noch niemand verwechselt? Die Namen Wikipedia und Wikileaks tönen ja sehr ähnlich.
Anfangs waren wir besorgt, es könnte Verwechslungen geben. Zum Glück unterschied die Presse das immer klar. Ich habe Wikileaks ja kritisiert: Die vollständige Veröffentlichung geheimer US-Militärdokumente etwa fand ich verantwortungslos.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von Wikileaks hörten?
Das liegt Jahre zurück. Sie nannten sich «das Wikipedia der Geheimnisse», darüber waren wir gar nicht glücklich.

Wie reagierten Sie?
Ich bat sie per E-Mail, das zu unterlassen. Das haben sie dann auch gemacht.

Macht uns Wikipedia schlauer?
Nehmen Sie die Frontschlagzeile Ihrer Zeitung hier auf dem Tisch. Da kommt Ägyptens Präsident Mubarak vor. Wenn Sie mehr über ihn wissen möchten als die News des Artikels, dann finden Sie diese Hintergrundinformationen heute sehr einfach bei Wikipedia.

Wikipedia ist eine gute Anlaufstelle für Informationen. Für die meisten endet damit die Suche nach Antworten – das wiederum ist schade.
Wir bieten wenn immer möglich weiterführende Links an.

Jüngst haben Sie Interneteinrichtungen wie Apples App Store kritisiert: Sie seien nicht offen genug.
Ich finde den App Store toll, ich habe selber ein iPad. Was mich stört, ist, dass er die einzige, exklusive App-Bezugsquelle ist und Apple kontrolliert, welche Apps zugelassen sind.

Den Anwendern ist es doch egal, ob ein System offen ist oder nicht, solange sie finden, was sie suchen.
Wir müssen einen Diskurs darüber führen, wer kontrolliert, was wir auf unsern Geräten machen dürfen und was nicht.

Stichwort Kontrolle – wie läuft es für Wikipedia derzeit in China?
Man kann uns weitgehend lesen, einzelne Seiten sind gesperrt, etwa über Taiwan. Wir selbst filtern oder zensurieren nichts. Ich traf mich mehrmals mit dem Informationsminister, er gibt nicht nach und wir auch nicht. Langfristig wird sich der Informationsfluss nicht mehr so kontrollieren lassen wie heute. Das ist Chinas Regierung bewusst.

Was halten Sie von Googles halbherziger Haltung gegenüber China?
Sie haben die Server nach Hongkong verschoben, okay. Es zählt doch aber einzig, ob sie aktiv an der Zensur teilnehmen. Und das tun sie nicht.

Wieso unterstützt Google Sie?
Letztes Jahr hat Google 2 Millionen Dollar gespendet, ohne Bedingungen. Uns verbindet die Mission, die Informationen der Welt zu ordnen. Für Google ist es wertvoll, dass die Leute im Internet nicht nur shoppen, sondern auch Wissen suchen. Wir bei Wikipedia machen, dass das Internet nicht nervt. Davon profitiert auch Google.

Sie haben Wikipedia zu einer nicht gewinnorientierten Einrichtung gemacht. Wikipedia wäre aber 3 Milliarden wert, schätzten Sie einst.
Es war wirklich nur eine Schätzung. Heute sind wir übrigens viel grösser, und der Internetmarkt läuft gut – der Wert ist wohl noch gestiegen.

Hätten Sie Wikipedia an die Börse geführt, wären Sie heute Milliardär.
Ja. Vermutlich.

Aber Sie sind es nicht. Reue?
Ich wäre dann im eigenen Jet nach Zürich gekommen. Aber daran liegt mir nichts. Manche Leute meinen, ich sei Kommunist und hasste die Reichen. Blödsinn. Es ist nur einfach so, dass mich der Job mehr begeistert als Geld.

Wikipedias viele Freiwillige würden wohl nicht so viel Zeit und Energie investieren, wenn am Schluss Jimmy Wales abkassieren würde.
Wobei viele Sites wie etwa Youtube doch von Leuten mit Gratismaterial bedient werden, obwohl sie kommerziell sind und Inserate einrücken. Bei uns sehen die Leute ihren Einsatz als Dienst an der Allgemeinheit, das prägt alle. Wir sind eine kostenlose Enzyklopädie für alle Menschen auf diesem Planeten in ihrer eigenen Sprache. Das ist die Mission.

Wie weit sind Sie dabei?
Wir eröffnen dieses Jahr ein Büro in Indien. Da gibt es viele Probleme zu lösen. Wir stellen zum Beispiel fest, dass die Leute dort sich schwertun, in ihrer Sprache zu tippen. Hindi tippen auf einer englischen Tastatur ist mühsam. Dann gibt es in vielen Gegenden ein Problem mit dem Internetzugang. Heute braucht es bis zu 30 Sekunden, um eine Wikipedia-Seite in Indien zu sichern. Wir müssen unsere Server also strategisch richtig platzieren. Und dann gibts in Indien diese sehr kleinen Sprachen, in denen manchmal nur ein, zwei Leute für Wikipedia aktiv sind. Wenn es zehn oder zwanzig Leute sind, haben sie mehr Spass. Dann explodiert die Zahl der Einträge, 100, 1000, 2000, und plötzlich kann man die Zeitung anrufen: Hey, wir haben 10'000 Einträge in unserer Sprache! Bei solchen Klein-Communitys müssen wir Anschubhilfe leisten.

Bücher sind über Jahrhunderte haltbar. Wie stellen Sie sicher, dass es Wikipedia in 100 Jahren gibt?
Wikipedia-Kopien kann man jederzeit runterladen. Die sind überall und werden nicht verschwinden. Etwas anderes beschäftigt mich mehr: das Geld. Wir müssen schauen, dass die Enzyklopädie in den nächsten Jahrzehnten stabil arbeiten kann. Mein Traum wäre eine Stiftung mit viel Kapital; die Zinsen würden die Hauptbereiche von Wikipedia finanzieren: Server, Bandweite, Kernpersonal.

Was würde das kosten?
Keine Ahnung, wir haben das noch nicht ernsthaft berechnet. Vielleicht 100 Millionen mit ein paar Millionen Zinsertrag pro Jahr?

Erstellt: 27.01.2011, 08:09 Uhr

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