Mehr Chanel als Coco

Eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt die Mode Coco Chanels und die Genese des Mythos Chanel. Die Mode ist stilprägend bis heute, die Frau dahinter verborgen.

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Ein überdimensioniertes Porträt steht am Anfang: In eleganter Pose sitzt Coco Chanel auf einem Hocker, die Hände in den Taschen des schlichten Kleides, Ketten, Armreifen in rauen Mengen, eine Zigarette im Mund. Das schwarze Kleid, der Schmuck, bei dem sich Echtes mit Unechtem mischt, auch das berühmte, oft kopierte Chanel-Kostüm und die eleganten Abendkleider – sie alle werden in der Hamburger Schau umfassend gewürdigt. Die junge Frau mit kurzen Haaren und dunklen Augen hingegen bleibt eine Leerstelle: ausser einer tabellarischen Biografie verweist nichts in der Ausstellung auf ihr wechselhaftes Leben hinter dem selbst und fremd erschaffenen Mythos Chanel.

Zunächst aber die Kleider, der Schmuck: Der Hauptraum präsentiert eine Auswahl von beidem. Ein magentarotes Tageskleid und ein Cocktailkleid aus schwarzem Seidencrêpe, beides aus den Sechzigern. Ein rosa-beiges Ensemble aus Wolltweed, Abend- und Tageskleider der 20er-, 30er-, 40er-Jahre, schlicht, elegant und ornamentlos – ganz anders als der bisweilen an bunte Orden erinnernde Schmuck.

In der «Epoche der Dummheit»

Dazu, im Hintergrund, dann doch ein Fernsehinterview, das Coco Chanel 1969 gab: immerhin ein Schnappschuss der damals 86-Jährigen, die elegant und eloquent war, aber auch ziemlich verbittert. Frankreich sei auf dem Weg in die «grosse Stillosigkeit». Eine Epoche der Belanglosigkeit und Dummheit habe begonnen, und dies nicht nur in modischer Hinsicht. Wer um 20 Uhr zum Essen eingeladen sei, komme um 22 Uhr, geredet werde nur Oberflächliches, und auf dem Mond zu landen, sei ohnehin die dümmste aller Ideen. Dass sie auch die Hosen für Frauen verdammt – sie würden darin «watscheln» – verweist auf eine der vielen Paradoxien dieser Frau, die doch die Damenhose einst überhaupt erst salonfähig gemacht hatte. Hier zeigt sich eine Tragik, die am Ende vielleicht einfach jene des Alterns ist: Aus der radikal modernen Frau, die nicht nur modisch gegen Konventionen verstiess, ist eine alte Frau geworden, die den eigenen Verfall auf die Gesellschaft projiziert.

Immer noch umwerfend hingegen ist ihr kleines Schwarzes: Ihm allein ist der zweite Raum der Ausstellung gewidmet. Wie neu in den 20-ern die Farbwahl war, macht ein Werbeplakat von damals deutlich. «Schwarze Stoffe für Mäntel! Schwarze Stoffe für Kleider!», ist da zu lesen. «Und nicht etwa nur für die Damen reiferen Alters», sondern eben gerade für die Jugend, die mit «ausserordentlicher Schnelligkeit» begriffen habe, wie «kleidsam» diese Farbe sei. Gezeigt werden zahlreiche Adaptionen des kleinen Schwarzen von den 20ern bis heute, von Yves Saint Laurent über Issey Miyake und C&A, von puffärmeliger Ausstattung zu novizenhafter Strenge, die meisten Modelle so zeitlos, dass man sie heute, jetzt, sofort anziehen könnte.

Diese Zeitlosigkeit gilt auch fürs klassische Chanel-Kostüm: Es findet sich in vielen Variationen im dritten Raum. Mit der kastigen, kragenlosen Jacke und dem kontrastierenden Bortenbesatz hatte Chanel ein Kleidungsstück mit hohem Wiedererkennungswert geschaffen, das aufgrund eines toleranten Markenschutzes bis zu einem gewissen Grad kopiert werden durfte und darf: Dies, so Chanel, sei ja das ehrlichste Kompliment. Wie sehr es die Mode der letzten Jahrzehnte prägte, verdeutlichen die Titelbilder der Modezeitschriften: Auf vier Touch-Pads können die Besucher «le P’tit Chanel», wie man das Kostüm im Hause nennt, auf seiner Reise durch die modischen Wechselfälle des 20. Jahrhunderts verfolgen.

«Chanel nach Coco» ist das Thema des letzten Raumes. Hier finden sich vor allem Modelle des seit 1983 für das Haus Chanel zuständigen Karl Lagerfeld, der die Marke neu und modern gestaltete – und doch mittels der typischen Versatzstücke (Kontrastborten, die Zahl fünf, die Kamelie) eine Verbindung zu den Ursprüngen behielt. Er habe der «Chanel-Lehre eine Prise Humor» beigesellt, erklärt er selbst ­seinen Erfolg.

Ein bewegtes Leben

All das ist unterhaltsam präsentiert, in vielem einem Schaufensterbummel ähnlich, bei dem die Marke Chanel als Ikone besichtigt werden kann. Was zu kurz kommt, ist das Leben der Frau ­hinter der Mode, das Leben hinter, eben, dem Mythos. Ein Leben voller Kontraste: als Gabrielle Bonheur Chanel 1883 in ärmlichste Verhältnisse geboren, nach dem Tod der Mutter im Waisenhaus – ein Umstand, den sie zeitlebens verschwieg –, als Chansonnière gescheitert, Mätresse eines wohlhabenden Pferdezüchters (und später vieler andrer schwerreicher Männer), ab den 20er-Jahren als Designerin erfolgreich, befreundet mit Picasso, Visconti, Cocteau, Churchill und Strawinsky. Während des Zweiten Weltkriegs der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt, was ihr nach dem Krieg die Ächtung ihrer Landsleute einbrachte. Dann ein Comeback im hohen Alter.

Von all dem – wie von ihrer Einsamkeit, die dazu führte, dass sie fast 40 Jahre lang im Hotel Ritz lebte – ist in der Ausstellung so gut wie nicht die Rede. Es hätte den Mythos Chanel nicht geschmälert, die Linien zu ziehen zwischen Leben und Werk. Im Gegenteil: Der Mythos wäre wahrhaftiger geworden, ein Zeugnis seiner Zeit.

Mythos Chanel. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Bis 18. Mai 2014. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2014, 08:19 Uhr

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