Mein Parkplatz gehört mir!

Gabriel Vetter über die Gemeinsamkeiten von Parkplätzen und Krippenplätzen. Und den Joe-Ackermann-Gedächtnis-Teint.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter. Bild: Hazel Brugger

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Die Biografie eines Menschen ist der Karriere eines Gebrauchtwagens nicht unähnlich. Der Mensch ist wie das Auto anfänglich Projektionsfläche für Sehnsüchte und Träume und Wünsche, aber die meiste Zeit steht er dann doch nur unbenutzt auf einem ungedeckten Abstellplatz, wird von Passanten zerkratzt und verliert unablässig an Wert. Bei Neuwagen gilt ja die Faustregel: Kaum hat man es vom Hof des Autohändlers gefahren, ist es nur noch die Hälfte wert. Das gilt für den heranwachsenden Menschen zumindest auf der sozialrezeptiven Ebene genauso. Gesellschaftlich gesehen stossen nigelnagelneue, also sich noch in der mütterlichen Originalverpackung befindliche Kinder auf erheblich mehr Toleranz als Kinder, die bereits aus der Garage gefahren wurden. Das ist nicht schön, aber hey, it’s the economy, stupid!

Mit einem Kleinkind ist es wie mit dem Auto: Schön, wenn man eins hat, aber man braucht es nicht die ganze Zeit. Ab und zu karrt man auch mal so ein Baby in die nächstbeste Ecke und denkt sich: Vielen Dank, aber für heute reichts. Nur ist damit das Baby selten einverstanden. Das ist ja eh das Komplizierte an diesem ganzen Konzept Nachwuchs: Kinder haben im Gegensatz zu Geländewagen eine Meinung, und selbst dann, wenn sie keine Meinung haben, tun sie sie kund. Der Geländewagen ist also, auf einer sehr abstrakten Ebene, sozial verträglicher als ein junger Mensch. Das ist sogar empirisch belegbar:

In der Schweiz gibt es viel mehr Parkplätze als Kinderkrippenplätze. Bei Parkplätzen gilt in Ballungsgebieten oft dieselbe Faustregel wie beim Baumbestand: Wird ein Parkplatz gefällt, muss woanders wieder einer gepflanzt werden. Bei Krippenplätzen ist das anders. Zwar kann in der Schweiz in Sachen Kinderbetreuung seit ein paar Jahren durchaus ein gewisser Wille zur Aufforstung beobachtet werden, aber, um es mit dem lustigen Sprücheklopfer Bertolt Brecht zu sagen: Was ist schon das Pflanzen eines Baumes gegen die Gründung einer Sägerei?

Von der Wirtschaft her miaut es grade in der Schweiz oft so: «Kinderbetreuung ist schön und gut, mimimi, aber wer soll das bezahlen, mimimi?» Das heisst, übersetzt, auch nichts anderes als: «Im Moment haben wir die schöne Situation, dass diese Arbeit unbezahlt erledigt wird – und warum Geld ausgeben für etwas, das wir gratis haben können?» Kurz: Der furibund grunzende Schweizer Wirtschaftsmotor basiert auf dem sozialromantisch aufgeladeneKnechttum der Frauen. Klingt komisch, ist es auch. Liebe Schweiz, du fragst, wer das bezahlen soll? Ich sag’ dir, wer für die Kinderbetreuung bereits bezahlt: deine Mutter.

Darum bin ich der Meinung, man müsste Parkplätze eine Zeit lang mit demselben sozialen Stigma behandeln wie Krippenplätze. Denn was sind Parkplätze anderes als öffentlich finanzierte Krippenplätze für Privatautos? Jedes Mal also, wenn so ein Econonomie-Suisse-Jünger mit seinem Joe-Ackermann-Gedächtnis-Teint seinen aufs Geschäftskonto laufenden Chlapf auf einem öffentlichen Parkplatz abstellt, müsste man mit dem Finger auf ihn zeigen und sagen: «Jaja, die hemmer gern! Erst ein Auto wollen, und es dann in die Obhut des Staates geben!? Sie müssen sich halt entscheiden, guter Mann: Auto oder Karriere. Früher hatten die Herren auch keine Audi-Kombis, und irgendwie ist es auch gegangen!» Ist doch wahr. Die Dudes von heute müssen lernen, dass man nicht immer alles haben kann. Und sowieso: Wie viele Parkmöglichkeiten es braucht in einer Stadt, und wie und ob ein Mann überhaupt ein Privatauto halten darf, würde ab sofort von Gremien bestimmt, die ausschliesslich aus linksgrün versifften, Velo fahrenden Frauen in Batiktüchern bestünden. Scham und Law und Order. Das wäre die Sprache, die die Buben verstehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2017, 11:43 Uhr

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