Mohammed gegen Christus tauschen

In Berlin bekehren sich Asylbewerber scharenweise zum Christentum. Sie erhoffen sich dadurch Schutz vor Abschiebung.

Weit über 300 Muslime getauft: Pastor Gottfried Martens.

Weit über 300 Muslime getauft: Pastor Gottfried Martens.

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Berlin-Steglitz am Sonntagmorgen, ein ruhiges Quartier, viel Grün, wenig Verkehr. Mittendrin in der Grossstadt-Idylle die Dreieinigkeitskirche, ein schmuckloses Gotteshaus aus den 20er-Jahren, das vor der Schliessung stand. Jetzt aber sorgt dessen Pfarrer Sonntag für Sonntag für eine volle Kirche und in missionarisch-christlichen Kreisen für Furore.

Pastor Gottfried Martens bittet einen Täufling nach dem anderen zum Taufstein: «So frage ich dich, lieber Bruder, sagst du dich los von Satan, seinen bösen Werken und seinem trügerischen Wesen? Sagst du dich los vom Islam?» Ein Täufling nach dem andern, dreizehn Iraner und zwei Afghanen, antworten: «Ja, ich sage mich los, ja, ich glaube.» Zuvor haben sie im Taufgottesdienst das Vaterunser auf Farsi gebetet. Unter ihnen Silas (25), der mit seiner «Patin» Marianne Bunyan nach Berlin gekommen ist, einer Hundezüchterin, die ehrenamtlich Flüchtlinge betreut, sie auch in Deutsch unterrichtet. Dank ihr kann Silas seine Odyssee in gebrochenem Deutsch erzählen.

Der Kurde hatte vor gut zwei Jahren seinen Wohnort Teheran verlassen, flüchtete zu Fuss in die Türkei, lebte dann zwei Jahre in Norwegen, ehe er an Ostern nach Deutschland kam. Im Asylbewerberheim von Gransee, 70 km ausserhalb von Berlin, wartet er auf seinen Asylentscheid. Früher politisch aktiv gegen das iranische Regime, kann er nicht mehr zurück in sein Heimatland. Erst recht nicht als getaufter Christ: «Abfall vom Glauben» ist in Staaten mit strenger Islam-Auslegung ein schweres Verbrechen. Die Taufe kann also ein Abschiebehinderungsgrund sein.

Mehrheitlich junge Männer

Wie Silas haben Hunderte Muslime in der Dreieinigkeitsgemeinde dem Islam abgeschworen und sich zum christlichen Glauben bekannt. Von den 800 Gemeindegliedern sind 450 Iraner und 100 Afghanen. Der 52-jährige Pastor Martens hat mittlerweile weit über 300 Muslime getauft, mehrheitlich junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren. Andere haben sich auf der Flucht oder schon im Iran taufen lassen. Pfarrer Martens zeigt sich überwältigt von der Konversionswelle und der «Kraft des Evangeliums, das Herzen von Menschen anzurühren und zu verändern vermag». Die christliche Erweckung im Iran bewirke, dass sein Missionsprojekt neuerdings zur selbständigen Gemeinde geworden sei und aus allen Nähten platze.

Iranische Glaubensflüchtlinge und Konvertiten sind ein neues Phänomen, das auch in Hamburg, Leipzig oder Hannover zunehmend sichtbar wird. Martens spricht von Schätzungen, wonach bereits 12'000 der 35'000 in Deutschland lebenden Iraner Christen geworden sind. Viele von Martens’ iranischen Schützlingen warten in Heimen in und um Berlin auf den Asylentscheid. Doch die Asylbehörden sind gerade bei schneller Taufbereitschaft skeptisch.

Dass Iraner sich taufen lassen, um nicht in ihr Heimatland abgeschoben zu werden, sind für Martens Ausnahmefälle. Schliesslich hätten sich viele seiner Gemeindeglieder schon im Iran taufen lassen. Zudem hätten es konvertierte Asylbewerber in Flüchtlingsheimen nicht leicht, seien bisweilen Bedrohungen und Gewalt von anderen muslimischen Flüchtlingen ausgesetzt. Mehrfach habe er interveniert, um schikanierte Christen in andere Heime zu verlegen.

Taufurkunde genügt nicht

Ausserdem blieben 90 Prozent der Konvertiten seiner Gemeinde auch nach der Taufe treu. So zum Beispiel ein junger Iraner, der, obwohl längst Deutscher, sich in der Gemeinde weiterhin engagiert. Von Teheran über Griechenland nach Deutschland geflohen, habe er aus politischen Gründen Asyl erhalten. «Hier habe ich die Freiheit, nicht aber das Paradies gefunden», sagt der Berufsfahrer.

Afghanistan und der Iran gehören zu den zehn Ländern, in denen Christen am stärksten verfolgt sind. Laut Martens genügt aber meist die Taufurkunde allein nicht, um Asyl zu erhalten. Zum Schutz von Flüchtlingen, die aus Deutschland abgeschoben werden sollen, bietet Martens auch Kirchenasyl an, derzeit sechs jungen Iranern und Afghanen. Der Pastor, mittlerweile Experte im Asylrecht, weiss, was Dublin-Abschiebungen schlimmstenfalls bedeuten können: in Ungarn Gefängnis, in Bulgarien gar Folter. Und in skandinavischen Ländern hätten christliche Muslime kaum Chancen, wegen ihres Glaubenswechsels als asylberechtigt anerkannt zu werden.

Gemeindeglieder und Glaubensflüchtlinge sind des Lobes voll für den engagierten Pastor. Auch die Medienleute, die zusehends seine Gottesdienste bevölkern, finden nur anerkennende Worte. Da ist es eher nebensächlich, dass Pastor und Gemeinde zur Selbständigen Evangelisch-lutherischen Kirche gehören, einer konservativen Freikirche, die missionarisch auftritt. Gemäss ihrer altkirchlichen Liturgie vollzieht Martens vor dem Taufgottesdienst ein 30-minütiges Ritual zur Lossprechung von den Sünden. Gleich dutzendfach spricht er von Sünde und Satan. Nur wer glaube, werde selig, wer nicht glaube, werde verdammt werden.

Erstellt: 19.05.2015, 12:11 Uhr

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