Toxische Göttlichkeit

Die #MeToo-Debatte ist im Latein-Unterricht angekommen.

Gott missbraucht Jungfrau: «Raub der Proserpina», Luca Giordano, 1686. Foto: BPK

Gott missbraucht Jungfrau: «Raub der Proserpina», Luca Giordano, 1686. Foto: BPK

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Catull war ein raffinierter Wortdrechsler, ein sensibler Beobachter – und ein Saukerl. Hörte er von Zeitgenossen, dass sie seine Literatur nicht mochten, wurde er in seinen Texten ausfällig, schimpfte die Kritiker «Tunte» oder «Schwuchtel» und drohte, sie allesamt zu vergewaltigen.

Catull, der vor 2100 Jahren lebte, ist heute wieder im Gespräch. Nun, da die #MeToo-Debatte auch im alten Fach Latein angekommen ist.

Ist Catull zumutbar? Soll man vor ihm warnen? Soll man ihn zensieren? Falls ja: mit welchen Konsequenzen? Zumal der Römer ja bei weitem nicht der einzige antike Schreiber ist, der obszön und gewalttätig, aus heutiger Sicht eindeutig sexistisch dichtete.

Zwölf Neue im Hauptfach

Der Lateinprofessor sagt: «Folium perspicuum». Ulrich Eigler, hochgewachsener Gelehrter im rustikalen Janker und ausgewiesener Experte der augusteischen Epoche, kommt gerade von der Uni Zürich. «Folium perspicuum» – Eigler hat den Begriff eigens für die Vorlesung komponiert, als Übersetzung für «Hellraumprojektor-Folie». Der Breisgauer hat eine kurze Rede auf Latein gehalten, sechzig Studierende hörten zu – darunter die zwölf Neuen, die Latein als Hauptfach Latein gewählt haben. Der Professor kennt seine Studentinnen und Studenten längst alle beim Namen. Er finde das schön, diese vertraute Atmosphäre, sagt Eigler.

Auch sonst wirkt der 60-jährige Philologe im Gespräch sehr heiter und gar nicht wie der Vertreter einer untergehenden Zunft. Eigler sieht gerade eine Chance, die Stoffe der Antike zurück ins Gespräch zu bringen, und damit den Lateinunterricht als solchen. Dazu gehöre auch eine Tragödie wie Senecas «Thyestes», in der eine Figur das eigene Kind verspeist. Das sei doch ein Stoff wie bei Tarantino, sagt Eigler, Schalk in den Augen. Spätestens jetzt ist klar, dass da einer die Kontroverse nicht meidet, sondern sucht.

Ulrich Eigler, Lateinprofessor der Uni Zürich. (zVg)

Auch die grossen Klassiker stehen plötzlich zur Disposition. Ovid etwa, dessen «Metamorphosen» zu jedem soliden Latein-Unterricht dazugehören. Der Dichter beschreibt darin, wie Gottessohn Tereus seine Schwägerin Philomela in den Wald lockt, um sie dort zu missbrauchen und zu verstümmeln. In den USA löste der Text heftigen Streit aus: Studentinnen forderten eine «Triggerwarnung», einen schriftlichen oder mündlichen Hinweis, bevor es explizit oder sexistisch wird. Andernorts wurde das Buch als «Handbuch der Vergewaltigung» bezeichnet – all dies bereits ein paar Jahre vor dem Weinstein-Skandal. Aber erst in jüngerer Vergangenheit kamen diese Forderungen mit Wucht in die Medien. Auslöser war, wie in vielen anderen Branchen und Bereichen auch, die #MeToo-Debatte.

Letzten Monat veröffentlichte die Basler Lateinprofessorin Katharina Wesselmann auf «Zeit online» den Artikel «Metamorphosen der Gewalt». Wesselmann stellt bei Ovid den «Male Gaze» fest, einen lüstern-machoiden Blick auf Frauen, und empfiehlt einen neuen, feministischen Blick auf die alten Texte.

Dass Wesselmanns Artikel online hundertfach kommentiert wurde, zeigt, dass es hier nicht um einen blossen Fachdiskurs geht. Sondern auch um den grundsätzlichen Umgang mit literarischen Klassikern und verstörenden Texten. Um die Frage, ob man den Kanon nun über den Haufen werfen, zensurieren, neu aufstellen muss.

Brauchts dafür eine Trigger-Warnung? Ovids «Metamorphosen».

Vielleicht ist diese intensive #MeToo-Debatte auf verquere Weise des Lateins letzte Chance. Denn der Allgemeinzustand ist trist, der Status erodiert. Die hiesigen Hochschulen setzen Kenntnisse immer seltener voraus: War Latein vor 50 Jahren sogar für Mediziner noch Pflicht, braucht man sie heute nicht mal mehr für Germanistik oder Kunstgeschichte. Auch an den Gymnasien wird zurückgebaut: Obwalden hob es jüngst als Schwerpunktfach auf, Luzern strich es als Teil des Untergymnasiums. 2018 schlossen schweizweit 721 Maturanden das Gymnasium mit Latein oder Griechisch als Hauptfach ab. 2008 waren es noch 1204 gewesen.

An der Uni Zürich, der grössten Schweizer Universität, studieren gerade noch 120 im Hauptfach. Das Interesse schwindet, Bildungspolitiker und Bildungsbürger wenden sich ab. «Das gebildete, städtische Milieu, das sein Flair fürs Latein über Generationen pflegte und uns traditionell immer zugeneigt war, gibt es nicht mehr», sagt Ulrich Eigler.

Daphne flieht vor Phöbus: Giuseppe Chiari, 1708. (Getty Images)

So wie bei Ovid sich die starre Statue Pygmalions in einen lebendigen Menschen verwandelt, hoffen die Latinisten nun auf eine Metamorphose ihrer Disziplin. Die Diskussion zeige, dass «antike Texte eine Wirkung auf moderne Leser haben können», sagt etwa Anne-Sophie Meyer, Latein-Dozentin der Uni Basel.

Dass Ovid mit seiner Ästhetisierung sexueller Gewalt verstöre, verstehe sie – deshalb müsse die Lektüre jeweils in einer konstruktiven Atmosphäre geschehen. Eine konkrete Triggerwarnung möchte sie jedoch nicht einführen. «Das Spannende an solchen Kunstwerken ist eben, dass sie oft mehrschichtig sind und mehrere Deutungen zulassen.» Auch Katharina Wesselmann sagt, Ovid sei zuweilen «grauenhaft». Aber zensurieren dürfe man ihn deswegen nicht. «Abscheu und Ekel dürfen formuliert werden. Es soll eine offene Diskussion möglich sein, in der sich niemand seiner Empfindlichkeiten schämen muss.»

Die Sonne bleibt stehen

Eigler, Meyer und Wesselmann erkunden gerade einen Mittelweg, der durchaus seine Risiken hat. Sie wollen die Wut und die Verstörung der Jungen zulassen und mit frischen Emotionen ihr Fach beleben. Andererseits wollen sie Sexismus selbstverständlich weder relativieren noch gar fördern.

Auch Ulrich Eigler hält explizite Warnungen vor den Dichtungen für unnötig. Ja, er glaubt, dass Selbstreflexionen bereits Teil der alten Schriften seien. «Wenn Seneca das schreckliche Abendessen des Thyestes kommentiert, indem er die Sonne am Himmel in ihrem Lauf einfach stehen lässt, weil sie derart schockiert ist vom Geschehen – ist das dann nicht der wirkungsvollste Hinweis, der sich denken lässt?»

Der Lateinprofessor hat Vertrauen in die Klassiker. In die Qualität von Texten, die Jahrtausende überlebt haben und letztlich noch immer eine Antwort parat hatten auf jede Frage, die ihnen gestellt worden war.

Erstellt: 14.10.2019, 15:37 Uhr

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