«Nein, ich glaube nicht an ein Jenseits»

Othmar Keel hat sich als Theologe intensiv mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt.

Passagiere besteigen eine Concorde Richtung Jenseits im Film «Heaven Can Wait» (1978). Bild: Paramount Pictures

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Ostern steht vor der Tür. Sie sind im Dezember 80 geworden, Sie leiden an Parkinson. Wie gehen Sie mit der Endlichkeit um?
Der Tod hat, wie fast alles, zwei Seiten. Negativ hat man keinen Anteil mehr an den freundlichen und schönen Seiten des Lebens. Positiv ist man die vielen täglichen ärgerlichen Dinge los. Vor allem ist man nicht mehr mit all den Gräueln konfrontiert, die Tag für Tag auf unserem Planeten geschehen.

Glauben Sie, im Jenseits Ihre Lieben wiederzusehen?
So interessant das wäre, meinen Eltern oder meinem 2011 verstorbenen Bruder Daniel Keel noch die eine oder andere Frage stellen zu können, ich glaube es nicht. Sie sind mir aber jetzt und hier häufig nah. Mein Vater ist mir nach seinem Tod sogar eher präsenter als zu Lebzeiten. Ich höre seine Bemerkungen und Kommentare zu wichtigen Fragen. Zu ihren Lebzeiten hat meine Mutter dominiert. Seit ihrem Tod ist sie etwas in den Hintergrund getreten. Ein Gedanke, der mich in letzter Zeit fasziniert, ist der, dass wir alle Ahnen haben, die bis zu den Primaten und weiter zurückreichen. Diese Ahnengalerie würde ich gern einmal sehen. Sie würde mit ihren Dimensionen veranschaulichen, einen wie kleinen Platz wir einnehmen.

Es ist ja sehr jüdisch, zu glauben, dass man in der Generationenfolge, in den Nachkommen, weiterlebt. Die frühen Israeliten kannten kein Leben nach dem Tod.
Beim alttestamentlichen Autor Jesus Sirach heisst es: Wir sind wie Blätter an einem Baum, jedes Jahr bildet er neue Blätter, und die alten fallen ab. Und für den Prediger Kohelet sind Mensch wie Tier aus Staub entstanden, und beide kehren zu Staub zurück. Es gibt keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Diese Bilder gefallen mir.

Sie glauben nicht an ein Jenseits?
Nein, eigentlich nicht, obwohl ich ein Gedicht von Hans Sahl sehr gerne mag: «Ich gehe langsam aus der Zeit heraus in eine Zukunft jenseits aller Sterne, und was ich war und bin und immer bleiben werde, geht mit mir ohne Ungeduld und Eile, als wär ich nie gewesen oder kaum.» Ich denke, ich werde im Tod in die Natur zurückkehren, wie bei Jesus Sirach, als absterbendes Blatt vom Baum fallen, von dem ich ein Teil bin. Das ist ja heute ein weit verbreiteter Gedanke, wenn man seine Asche unter einem Baum verstreut haben will.

So werden Sie Ihrem Beruf als Alttestamentler gerecht: Der jüdische Glaube ist diesseitig und existenziell orientiert.
Ich empfinde in der Tat sehr jüdisch und fühle mich den ersten tausend Jahren des Alten Testaments sehr verbunden. Im alten Judentum waren die Israeliten Bergler, Nomaden und Kleinbauern. Das Leben war stark von der Natur abhängig. Bei Hungersnöten mussten sie auswandern. Ihr karges, bodenständiges Leben erlaubte es ihnen nicht, wie die alten Ägypter spekulative Luftschlösser über das Leben nach dem Tod zu bauen.

Sie vergleichen sich mit den israelitischen Bauern?
Ich bin in Einsiedeln aufgewachsen und darum mit Kleinbauern und ihrem harten Leben vertraut. Ich war mit ihnen im Militär. Wenn sie am Morgen den «Blick» lasen, sagten sie: Was lügen die heute wieder? Sie haben gelesen, aber letztlich haben sie nicht viel geglaubt. Auch nicht in religiösen Belangen.

«Ostern ist ein Symbol dafür, dass das Gute, was Menschen tun, weiterlebt.»

Bringt einem der nahende Tod nicht doch dazu, ein Jenseits zu erhoffen?
Mich nicht. Am liebsten schlafe ich, das ist für mich das Schönste. Schlafen ist wie eine Einübung in den ewigen Schlaf. Der Schlaf ist des Todes Bruder. Ich hatte letzthin das Gefühl, ins Nirwana einzugehen, im Nichts aufzugehen. Das war ein Glückszustand.

Im berühmten altvorderasiatischen Epos sucht Gilgamesch vergeblich nach dem ewigen Leben. Dafür lebt er in seinen Heldentaten weiter. Othmar Keel wird in seinen Büchern und wissenschaftlichen Thesen weiterleben. Ein Trost für Sie?
Das ist sicher ein gewisser Trost. Es gibt ausser der Auferstehung verschiedene Möglichkeiten weiterzuleben – durch den Ruf, den man sich schafft, der aber nicht sehr lange dauert. Zweitens gibt es Kinder und Enkel, in denen man weiteleben kann. Es ist für mich wichtig, meine vier Enkelkinder aufwachsen zu sehen; sie sind sehr oft bei uns.

Und Ostern als Auferstehung von den Toten ist für Sie ein Symbol oder völlig sinnentleert?
Nein, Ostern ist ein Symbol dafür, dass das Gute, was Menschen tun, weiterlebt. Die Geschichten um den Auferstandenen im Neuen Testament sind ja ziemlich vage, Traumerlebnissen ähnlich, die sich einem Wunschdenken verdanken. Mich erinnern sie an die Begegnungen nach dem Tod mit meinem Vater oder Bruder, als mich das Gefühl überkam, sie zu hören oder beim Spazieren zu sehen.

Ab dem 2. Jahrhundert vor Christus haben sich auch die Juden zu einem Jenseits bekannt.
Es waren die Makkabäer, die bei ihrem Aufstand 167 vor Christus die Wende brachten. Es ging damals um den Märtyrertod junger Männer und um Gottes Gerechtigkeit. Starb einer alt und lebenssatt mit Kindern und Enkeln, war das kein Problem. Starb hingegen jemand wegen seiner Treue zur Thora jung und ohne Nachkommen, widersprach das der Gerechtigkeit Gottes. Darum musste es für diese Märtyrer ein Jenseits geben.

Wer hat sie dazu inspiriert?
Das jenseitsgläubige Judentum hat viel von den Ägyptern übernommen. Etwa das Totengericht. Die alte reiche ägyptische Kultur war ja die erste, die über das Jenseits spekulierte, ein strukturiertes Jenseits schuf. Im berühmten ägyptischen Totenbuch geht es wesentlich um die Bewältigung des Todes und die Erlangung eines glücklichen Jenseits.

Und das Christentum?
Zur Zeit Jesu wurde eifrig über die Auferstehung gestritten. Auch das Christentum übernahm über die Pharisäer vieles von den alten Ägyptern, etwa das Totengericht. Die Ägypter haben dieses rituell und magisch bewältigt. Im Totenbuch gibt es das negative Sündenbekenntnis, wo der Tote sagt: Ich habe diese und jene Tat nicht gemacht. Da hat man dem Toten einen Skarabäus auf das Herz gelegt, der bewirkte, dass das Herz nichts gegen seinen Besitzer aussagt. Auch im Christentum, vor allem im katholischen, hat man ja das Ethische unterlaufen – durch den Ablasshandel, mit dem man sich von den Sünden freikaufte.

Judentum wie Christentum sind also mehr von den Ägyptern beeinflusst als von der griechisch-platonischen Idee einer unsterblichen Seele?
Die Unsterblichkeit der Seele ist eine ganz und gar philosophische Idee. Im existenziell orientierten Judentum ist es schlicht nicht vorstellbar, dass sich im Tod der Körper von der Seele trennt. Im Judentum starb man mit dem Körper. Neurologen sagen heute noch: Wenn das Hirn tot ist, ist auch die «Seele» tot. Im 2. Makkabäerbuch werden dann die Märtyrer auferweckt, die anderen bleiben tot. Niemand wusste, wie das funktioniert; es wird immer als Mysterium geschildert. Auch bei Paulus ist das so.

Die Auferstehung als Geheimnis?
Die Auferstehung ist eine leib-seelische Angelegenheit, die sich ebenfalls an die Makkabäer anlehnt. Besser man spricht von Auferweckung, weil sie von Gott her geschieht. Diese bleibt aber im Neuen Testament ein Geheimnis, und bei Paulus hängt der ganze christliche Glaube am Auferstehungsglauben, ohne den alles leer und hohl ist. Ich halte das für eine Anmassung, wenn man meint, man müsse ewig leben. Das ist, wie wenn man meint, Gott kümmere sich um einen. Wenn man das Universum in seiner unermesslichen Grösse sieht – wie soll sich da Gott um den Einzelnen kümmern? Das scheint mir eine eitle Haltung zu sein: Man nimmt sich zu wichtig.

Dann beten Sie auch nicht?
Doch, trotz meines Agnostizismus bete ich jeden Tag. Unser Ich besteht ja stets aus mehreren Schichten, die nie ein kohärentes Ganzes bilden. Gewohnheiten bestimmen einen guten Teil unseres täglichen Lebens. Wenn ich Gott sage, meine ich das Schicksal oder die Natur.

Und für Menschen in Not beten Sie nicht?
Nein. Aber ich bin in Gedanken bei ihnen, zurzeit bei einem schwer krebskranken Freund.

Sie haben sich ein Leben lang mit Jenseitsvorstellungen befasst, ohne sich damit zu identifizieren. Also nur rein wissenschaftlich?
Ich identifiziere mich mit Vorstellungen, die kein Leben nach dem Tod kennen. Ich finde das intellektuell redlicher. Man kann natürlich spekulieren. Auch das grosse Rätsel, dass etwas ist und nicht nichts, beschäftigt mich sehr. Es braucht grosse Bescheidenheit, zuzugeben, dass man nicht weiss, was und warum etwas ist. Dazu wird man als Wissenschaftler gezwungen. Es führt zu einer «déformation professionelle», wenn man ein Leben lang wissenschaftlich geforscht hat und dabei immer gezwungen war, intellektuell redlich zu bleiben.

Ihre Theologen-Kollegen werden Ihnen Verrat vorwerfen.
Die sagen natürlich: Wie kann der nur!

Von der Kirche als Heilsanstalt haben Sie sich verabschiedet?
Ich war lange genug intensiv Teil der Kirche. Meiner Frau, die schon lange nicht mehr in die Kirche geht, pflegte ich zu sagen, man solle einer sterbenden Mutter nicht untreu werden, sondern sie begleiten, solange sie lebe. Jetzt aber habe ich mich pensioniert vom Dienst, in die Kirche zu gehen – es war ein Prozess.

Der schon während Ihrer Lehrtätigkeit angefangen hat?
Es hat ja niemand kontrolliert, ob ich zur Kirche ging. Ich war ja nicht Priester. Ich war weltweit einer der ersten Laienprofessoren an einer katholischen Fakultät.

Dann wünschen Sie auch keine kirchliche Beerdigung?
Wie meine Abdankungsfeier gestaltet wird, überlasse ich meinen Kindern und meiner Frau, wenn sie mich überlebt. Mein Wunsch ist, dass Musik eine Hauptrolle spielt. Meinen Körper habe ich schriftlich der Medizin zur Verfügung gestellt. Sie kann nehmen, was sie will, und damit machen, was sie will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2018, 20:24 Uhr

Othmar Keel

Ausgezeichneter Theologe

Othmar Keel war von 1977 bis 2002 Professor für alttestamentliche Exegese und biblische Umwelt an der katholisch-theologischen Fakultät Freiburg. Seine weltweite Kongress- und Lehrtätigkeit hat ihn berühmt gemacht. Seine Werke zur Erforschung der Bildwelt des Alten Orients haben teils ein neues Verständnis alttestamentlicher Texte ermöglicht. 2005 hat der Bruder des verstorbenen Diogenes-Verlegers Daniel Keel vom Bundesrat den Marcel-Benoist-Preis erhalten, den grossen schweizerischen Wissenschaftspreis. (mm.)

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