Neubauten störten die Schweizer Idylle 

Schon vor 200 Jahren warnten Landschaftsschützer vor der Zersiedelung. Einer davon war der Engländer John Ruskin.

Hier war die Natur noch weitgehend unberührt: «Aiguilles of Chamonix» am Fusse des Montblanc. Gemälde von John Ruskin aus dem Jahr 1849.

Hier war die Natur noch weitgehend unberührt: «Aiguilles of Chamonix» am Fusse des Montblanc. Gemälde von John Ruskin aus dem Jahr 1849.

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John Ruskin, Sohn eines wohlhabenden Weinhändlers, bestimmte mit seinen bahnbrechenden Werken «The Stones of Venice», «The Seven Lamps of Architecture» und «Modern Painters» den Kunstgeschmack im viktorianischen England. Der glühende Verehrer des genialen Landschaftsmalers William Turner reiste viel, beschäftigte sich mit künstlerischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen und litt, wohl infolge seiner rastlosen Aktivitäten, immer wieder an Depressionen. Ruskin starb am 20. Januar 1900 im englischen Lake District – erschöpft und geistig verwirrt.

Paradies auf Erden

Zwischen 1833 und 1888 besuchte er die Schweiz elfmal; bei seiner ersten Visite war er 14, bei seiner letzten 69 Jahre alt. Ruskin begeisterte sich für die Alpenwelt, betätigte sich als Geologe und Botaniker, wanderte im Gotthardgebiet auf den Spuren Turners, skizzierte, aquarellierte und notierte unermüdlich.

Zum ersten Mal erblickte er die Alpen im Sommer 1833 von Schaffhausen aus, wo er mit seinen Eltern auf dem Weg nach Italien einige Tage weilte. Er war überwältigt: «Wir blickten über das ganze offene Land im Süden und im Westen – plötzlich – siehe da – in der Ferne! Keiner von uns hegte auch nur für einen einzigen Augenblick die Idee, es seien bloss Wolken. Sie waren kristallklar, zeichneten sich scharf gegen den Himmel ab und waren durch die untergehende Sonne schon rosa gefärbt. Die Mauern des verlorenen Paradieses zu sehen, hätte nicht schöner sein können.» Von da an war Ruskin den Schweizer Bergen, Seen, Wasserfällen und Gletschern verfallen; für ihn bildeten sie seine «wirkliche Heimat in dieser Welt». Die Einheimischen, denen er begegnete, charakterisierte er als treuherzig, friedfertig und etwas stur; sparsam, aber stets zur Nachbarschaftshilfe bereit; bieder, aber mit ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit.

Früher Landschaftsschützer: John Ruskin (1819–1900). Foto: Getty

John Ruskin besuchte auch Bern, Thun, Interlaken, Freiburg, Genf und Luzern, wo er detaillierte Zeichnungen von Strassenzügen, Gebäuden und Befestigungen anfertigte – wichtige ­Dokumente über das Erscheinungsbild dieser Städte in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bei seinen letzten Besuchen in den 1870er- und 1880er-Jahren bemerkte Ruskin jedoch Veränderungen seiner geliebten Schweiz, die ihn betrübten, vor allem industrielle und bauliche Eingriffe, die seiner Ansicht nach die natürliche Schönheit des Landes ruinierten.

«Ihr habt eine Eisenbahnbrücke über die Schaffhauser Fälle gebaut. Ihr habt die Klippen von Luzern nahe der Tellskapelle untergraben; ihr habt das Ufer von Clarens am Genfersee zerstört. Das Land wird völlig verdorben durch Eisenbahnen, riesige Hotels und arbeitslose Architekten, welche die Behörden dazu überreden, die alten Mauern der historischen Städte einzureissen, nur damit sie etwas zu tun haben. Selbst die Alpen betrachtet ihr als eingeseifte Pfosten in einem Bärengraben, die ihr erklettert und unter Lustgeschrei wieder herunterrutscht.»

Fasziniert von Gotthelf

In Luzern überkam ihn eine prophetische Schreckensvision: «In ein paar Jahren wird die Stadt aus einer Reihe symmetrischer Hotels rund um den See bestehen, die alten Brücken zerstört... eine Akazienpromenade den See entlang, wo ein deutsches Orchester unter einem chinesischen Tempel spielt und die erleuchteten Reisenden, Repräsentanten der europäischen Zivilisation, im Angesicht der Alpen ihren modernen Totentanz aufführen werden.»

John Ruskin war aber nicht bloss Naturschwärmer, Kunstliebhaber und feinsinniger Ästhet, er besass auch einen scharfen Blick für den Schweizer Alltag. In den Werken Jeremias Gotthelfs, insbesondere im Roman «Ueli der Knecht», den er in französischer Übersetzung las und später ins Englische übertragen liess, hatte er eine ländliche Idylle vorgefunden, die er in den alpinen Dörfern vergeblich suchte. Er begegnete Bauern, die ein Dasein in bitterer Armut fristeten, oft an Kretinismus litten und gleichgültig vor sich hin zu leben schienen, ohne ihre Lage verbessern zu wollen.

Profitgier als tödliches Prinzip

Der Gegensatz zwischen erhabener Natur und menschlichem Elend schockierte ihn. Den Grund für diesen Zustand glaubte er in einer egoistischen Veranlagung der Schweizer zu erkennen; in ihrer Weigerung, mit anderen zusammenzuarbeiten. Diese Überzeugung, verbunden mit dem Ruskin vorschwebenden Ideal der gotthelfschen Welt und des in der Natur verwurzelten einfachen Lebens, veranlassten ihn, 1871 in England ein ehrgeiziges Projekt zu lancieren, das die landwirtschaftliche Nutzung brachliegender Felder durch freiwillige Gemeinschaftsarbeit zum Ziel hatte. In seinen «Letters to the Workmen and Labourers of Great Britain» verteidigte er zudem die Würde der Arbeiter und des ehrlichen Handwerks, dies in einer Zeit ungebremsten, oft mit Ausbeutung einhergehenden wirtschaftlichen Aufschwungs.

Er prangerte die Profitgier als tödliches Prinzip an und setzte sich gegen den wütenden Widerstand des Establishments für soziale Gerechtigkeit, humane Arbeitsbedingungen und ein nationales Erziehungssystem ein. Als leuchtendes Beispiel fügte er in einen dieser Briefe Gotthelfs Erzählung «Der Besenbinder von Rychiswyl» ein, in der redliche Arbeit und Bescheidenheit letztlich mit Glück und Wohlstand belohnt werden.

Förderer des Tourismus

John Ruskins enthusiastische Schilderungen der Alpenwelt sowie seine meisterhaften Aquarelle und Zeichnungen helvetischer Städte und Gebirgspanoramen haben wesentlich dazu beigetragen, englische Touristen in die Schweiz zu locken. 1870 besuchten rund 40'000 Viktorianer die Rigi; vier Jahre später waren es bereits über 100'000. (Gotthelf mokierte sich übrigens schon in seiner 1842 erschienenen Novelle «Die schwarze Spinne» über «abgejagte Lords» und «steifbeinichte Ladies», die «zu Tausenden durch die Schweiz rennen».)

Diesen von ihm mitverursachten Ansturm dürfte sich Ruskin, der die Einsamkeit liebte, kaum gewünscht haben, erfüllten ihn doch die Naturszenerien mit geradezu religiöser Inbrunst: «Meine Augen wurden geöffnet, und mein Herz damit, ein solches Königtum zu schauen und zu besitzen! So weit das Auge sehen konnte – dieses Land und seine sich bewegenden oder stillstehenden Gewässer, die Rhone und die Unendlichkeit ihres saphirblauen Sees. Und all dies verschmolz mit diesem Himmel voller Berge und Bergschnee.»

Ob sich John Ruskin als Warner vor den zerstörerischen Auswirkungen technischen Fortschritts in der heutigen Schweiz mit ihren Bergbahnen, Skiliften und Schneekanonen wohlfühlen würde, darf bezweifelt werden.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.02.2019, 19:06 Uhr

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