Interview

«Nicht besonders gelungen»

Das erste offizielle Porträt von Kate Middleton sorgte für Irritation – weil es die Herzogin alt und grau zeigt. Geschichtsprofessor Bernd Roeck gibt Auskunft über Funktion, Wandel und Wirkung von Herrscherporträts.

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Herr Roeck, was halten Sie vom Porträt von Herzogin Kate, das am Wochenende in der National Portrait Gallery enthüllt wurde?
Ich finde es nicht besonders gelungen. Sie sieht in Wirklichkeit hübscher aus. (lacht)

Kate Middleton, der das Bild offenbar gefiel, wollte natürlich rüberkommen und nicht als Herzogin. War das früher nicht gerade umgekehrt bei solchen Bildern?
Genau. Sehr lange wurden Männer und Frauen auf Herrscherporträts im Profil gezeigt – vermutlich, weil durch die Ähnlichkeit mit antiken Medaillen und Münzen die Würde des Dargestellten gesteigert werden sollte. En-face-Porträts, wie wir es hier vor uns haben, sind eine spätere Entwicklung. Was aber auf jeden Fall zum Ausdruck kommen muss bei Porträts von Königinnen und künftigen Herrschern, ist die Gravitas, also die Ernsthaftigkeit und damit die Bedeutung und Würde der Person. Sie werden in vormodernen Zeiten kaum eine lächelnde Herrscherin finden. Das ist an dem Porträt auch ungewöhnlich – nicht für heute, das machen ja fast alle – aber früher gab es keine lächelnden Könige, Dogen, Päpste.

Wozu wurden solche Bilder früher gebraucht? Wo wurden sie aufgehängt?
Vor allem in besonders privilegierten Räumen. Man hat dem Porträt fast dieselbe Ehre erwiesen wie dem Dargestellten. Das Porträt vertrat – ganz buchstäblich – die Person, manchmal musste man sich auch vor einem Bild des Königs verneigen. Heute würde niemand behaupten, dass Kate Middleton irgendwie in dem Bild drinsteckt. Allerdings: Wenn dann jemand ein Ei daraufwärfe, würde sich zeigen, dass es doch mehr ist als Farbe und Leinwand.

Was steckt alles darin?
Porträts haben immer die Absicht, mehr zu zeigen als das Äussere. Man kann natürlich darüber streiten, ob das überhaupt geht. Der Grund liegt in einer uralten naturphilosophischen Position, die finden Sie schon bei Aristoteles, dass nämlich das Gesicht etwas über die Seele verrate. Man weiss heute natürlich, dass ein dummes Gesicht noch lange nichts über die Intelligenz seines Besitzers aussagt, und umgekehrt.

Wie haben die Untertanen auf solche Porträts reagiert?
Oft hingen solche Porträts als Zeichen der Loyalität und der Verehrung in den bürgerlichen Wohnzimmern. Man weiss allerdings nicht allzu viel über die Urteile des Publikums. Warum zum Beispiel ein König auf eine Ofenkachel wandert und dann ein Zimmer schmückt, das ist eine Frage, die ist schwer zu beantworten. Wahrscheinlich ist es aber vergleichbar mit einem Starkult, wie er heute zum Beispiel um Lady Di gemacht wird. Die geforderten Akte der Ehrbezeugung vor Stellvertretern von Potentaten wurden teils auch verweigert – das berühmteste Beispiel ist hier der Gesslerhut, der zwar kein Porträt ist, aber auch ein stellvertretendes Symbol für den Herrscher.

Welchen Stellenwert hat das Porträt heute für Politiker? Deutsche Bundeskanzler werden zum Beispiel immer noch mit einem Porträt im Kanzleramt verewigt.
Es war in den 1960er-Jahren ein grosser Skandal, als Oskar Kokoschka den Kanzler Konrad Adenauer malte. Da fing das an, dass man nicht ein hergebrachtes, realistisches, langweiliges Porträt malen liess, eine Art gemaltes Foto, sondern interessante zeitgenössische Künstler holte. Auch das Willy-Brandt-Porträt von Georg Meistermann war sehr umstritten. Doch das war im Grunde nichts anderes als das, was die alten Herrscher auch gemacht haben; die haben natürlich nicht einen altmodischen Künstler genommen, sondern einen, der gut und auf der Höhe der Zeit war.

Heute geben sich Politiker eher nüchtern und bescheiden – ist das ein Zeichen der Demokratie?
Ich denke schon. Man sieht sehr unterschiedliche Strategien. Bundeskanzler Schröder etwa liess sich vor dem Hintergrund eines Gemäldes fotografieren. Das soll zeigen, ich bin nicht nur ein Mann der Macht, sondern auch ein Mann der Bildung. Solche Inszenierungsstrategien findet man immer wieder. Heute ist es auch viel leichter, Gemälde mit lächelnden Kanzlern oder Volksvertretern zu finden. Vor dem 20. Jahrhundert war das unmöglich, da musste man ernst sein und streng blicken und die Gravitas zum Ausdruck bringen.

Wann begann das Bürgertum, sich selber malen zu lassen?
Die Anfänge liegen in den Niederlanden im 16. Jahrhundert, da gibt es ungeheuer viele Porträts von Patriziern oder Kaufleuten, weil wir hier eine recht früh entwickelte bürgerliche Gesellschaft haben. Danach lässt sich das kaum noch zählen. Interessant ist, dass dann das Bürgertum oft Muster des Herrscherporträts nachahmt. Man lässt sich schön inszenieren, im Gehrock, mit Büchern im Hintergrund und auf einem schönen Stuhl. Das bürgerliche Porträt bedeutete auch ein Stück bürgerliches Selbstbewusstsein. Man zeigt sich mit dem, was man hat.

Offenbar lassen sich auch reiche Leute aus der Schweiz wieder vermehrt in Öl malen. Was könnte dahinterstecken?
Ich denke, es hat immer Ölporträts gegeben, weil sie einen höheren Wert und mehr Einzigartigkeit versprechen als Fotos. Allein schon das Medium ist eine Message. Man inszeniert sich, wie sich früher der Adel inszeniert hat. Man zeigt, dass man die Mittel und den Geschmack hat, freilich wird man eher selten avantgardistische Maler dafür anheuern. Aber das gehört auch zu den Selbstinszenierungsstrategien, die aus der Welt der Hocharistokratie kommen. Die machen das vor, und man macht das nach. Das ist ja bei vielem so: Man will sich immer besser machen, als man ist. Man zieht sich ja auch einen schicken Anzug an, wenn man fotografiert wird für den Pass.

Erstellt: 18.01.2013, 09:54 Uhr

Bernd Roeck

Bernd Roeck (*1953) ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich.

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