«Nur wenige können sich die cleveren Anwälte leisten»

U2-Sänger Bono wurde in den Paradise Papers entlarvt. Dazu ein langjähriger Kritiker.

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Bono ist Miteigentümer einer Briefkastenfirma auf Guernsey, die in ein litauisches Einkaufszentrum investiert hat, das zehn Jahre keine Steuern auf seine Gewinne bezahlt hat. Ist das wirklich so schlimm?
160 Milliarden US-Dollar gehen laut der Hilfsorganisation Christian Aid den Entwicklungsländern verloren wegen Steuertricks – jährlich. Namibia etwa hat eine gedeihende Fischindustrie, die zwei Drittel der Wirtschaftsleistung ausmacht, aber bloss 13 Prozent der Steuern einbringt. Viele, die in dieser Fischindustrie arbeiten, leben in schlimmer Armut. Die Paradise Papers haben gezeigt, dass die Gewinne der namibischen Fischindustrie ins Tiefsteuerland Mauritius verschoben wurden. Im Fall Bono geht es zwar nicht um ein Entwicklungsland, aber die Prozesse sind die gleichen: Ein Unternehmen wirtschaftet in einem armen Land und verbucht die Gewinne über ein Steuerkonstrukt in einem reichen Land. Und schädlich ist auch die Befeuerung des Steuerwettbewerbs, wie das Bono und U2 tun, wenn sie die Länder nach günstigen Konditionen abklappern. Weil das die anderen Länder unter Druck setzt, ihre Steuersätze nach unten drückt und so ihren fiskalischen Spielraum einengt.

Das Finanzkonstrukt könnte lokales litauisches Gesetz verletzen, sagt der «Guardian». Könnte.
Es gibt ja nicht nur die nackten Paragrafen. Es gibt auch den Geist, in dem ein Gesetz verfasst wurde – eine Absicht, die dahinter steht. Nur wenige können sich die cleveren Anwälte leisten, die die nackten Paragrafen optimal ausdeuten und den Geist des Gesetzes umgehen.

Bono zeigte sich in einem Statement überrascht – wie ein idealistischer Künstler, der die komplexen Mechanismen der Finanzwelt nicht versteht. Nehmen Sie ihm das ab?
Kann schon sein, dass er nicht weiss, was seine Finanzberater genau machen. Aber dann sollte er denen wenigstens deutlich machen, dass er nicht in problematische Steuervermeidungskonstrukte investieren möchte. Manche halten Bono für einen schrecklichen Heuchler, die britische Presse liebt es, ihm in den Hintern zu treten. Ich halte mich da zurück. Bono sagte öffentlich, nachdem U2 in die Niederlande gezogen sind, dass Steuerwettbewerb eine tolle Sache sei. Das sehe ich halt anders. Aber es geht mir nicht um Bono als Person. Vielleicht tut er ja tatsächlich gute karitative Dinge, seine Absichten scheinen jedenfalls hehr zu sein. Ich weiss nicht, ob er – wenn wir seine guten Taten gegen seine schlechten Taten aufwiegen – in die Hölle kommt oder in den Himmel. Viel wichtiger ist, dass wir unser Denken ändern.

Was stimmt Sie optimistisch? Bisher ist die Empörung in der Öffentlichkeit nicht gross genug, als dass sich wirklich etwas ändern würde.
Das sehe ich anders. Vor zehn Jahren waren die Steuervermeidungspraktiken noch gar kein Thema, heute stehen sie in allen Zeitungen. Und vor dreissig Jahren hätten Sie ein Interview führen und fragen können: «Bisher gibt es wenig Anzeichen dafür, dass die Öffentlichkeit Homosexuelle akzeptieren könnte.» Und dann änderte sich eben doch etwas im Verlauf der Zeit. Steuerbetrug muss peinlich sein. So wie es heute peinlich ist, wenn sich jemand rassistisch äussert.

Steueroasen böten einen Schutz gegen staatliche Übergriffe, gerade seitens autoritärer Regimes, sagen die Verteidiger.
Selbst wenn Steueroasen eine Hilfe gegen solche Regimes wären, müssten ihre enormen negativen Auswirkungen ausbalanciert werden. Schauen Sie, die heutige globale Wirtschaft ist kaputt. Nicht einmal gewöhnliche Leute in reichen Ländern profitieren noch vom System. In England funktionieren die Spitäler nicht mehr, weil das Geld fehlt, et cetera. Nein, Steueroasen helfen uns nicht weiter. Wir brauchen einen neuen globalen Vertrag zwischen den Ländern, ein neues Bretton Woods. Und die Ideen sind da, man denke an Thomas Pikettys Vorschläge, wie die EU zu reformieren sei. Oder Joseph Stiglitz’ Plan, eine global gültige Mindest-Unternehmenssteuer einzuführen. Oder die Idee, eine Weltfiskal-Organisation einzuführen, so wie es heute eine Welthandelsorganisation gibt. Oder die Robin-Hood-Steuer, die Finanztransaktionen besteuert. Und wenn die Leute merken, wie viel Geld da zu holen ist … dann kann das sehr wohl zu einem Gesinnungswandel führen.

Wer sich über Steueroasen aufregt, sollte besser linke Parteien wählen, richtig?
(lacht) Grundsätzlich stimmt das, ja. Die Frage ist halt, ob die Linken genügend tun und wirklich wissen, um was es hier geht. Ob sie eine globale Vision für die Wirtschaft haben. Und manche Konservative versuchen ja durchaus, Geldabflüsse ins Ausland zu verhindern. Ihnen ists halt einfach egal, wenn andere Länder unter dem Steuerwettbewerb leiden.

Sie erforschen die Folgen, die der Steuerwettbewerb für Entwicklungsländer hat. Sehen Sie eine Verbindung zur aktuellen Migrationskrise?
Die Menschen im Westen sehen heute nicht, wie sehr Steuertricks die Entwicklungsländer auslaugen. Es ist nicht so, dass es sie nicht kümmern würde. Sie sehen es einfach nicht und denken dafür an das karitative Engagement, das man verstärken oder verbessern könnte. Eine kausale Verbindung ist schwer herzustellen, der Bürgerkrieg in Syrien hat ja offensichtlich andere Ursachen. Aber wenn wir realisieren, wie die Wirtschaft der Entwicklungsländer leidet, bringen wir vielleicht etwas mehr Verständnis für die Flüchtlinge und ihre Nöte auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2017, 18:12 Uhr

Der Philosoph und Aktivist Philip Goff gehört zu Bonos härtesten Kritikern. 2011 liess er als Teil des Kollektivs Art Uncut am Glastonbury-Festival während eines U2-Konzerts einen Ballon steigen, auf dem «U PAY TAX 2?» stand. Jüngst publizierte er eine Abrechnung im «Guardian». Goff doziert an der Central European University in Budapest. (Bild: zVg)

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