Ordnung ist das halbe Leben

Sagt die Frau «Frühlingsputz», dann sagt der Mann «Tschüss» und verduftet in die Beiz. Dabei könnte er wenigstens wieder einmal seine Platten neu sortieren.

Gegen Schmutz und Unordnung hilft nur eines: Mopp, Flaumer und gründliches Schrubben.

Gegen Schmutz und Unordnung hilft nur eines: Mopp, Flaumer und gründliches Schrubben. Bild: Keystone

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Die meisten Kerle stehen ja nicht so auf diese Frühlingsputzsache. Das macht sie zwar nicht automatisch zu schlechteren Menschen, und doch fühlen sie sich oft leicht bedrückt, wenn die heimischen Böden plötzlich nach Meister Proper duften, oder wenn sie beim Blick durchs glasklare Küchenfenster baff feststellen, dass der Morgenhimmel ja gar nicht schmutzig, sondern blau ist. Logo, es ist das Gewissen, das nagt und beisst. Der monatliche Besuch der Altglassammelstelle reicht halt beim besten Willen nicht, um das Ehrenabzeichen «nützliche Haushaltshilfe» zu erhalten. Eigentlich weiss man(n) das ganz genau. Und doch reagiert man(n) auf den inneren Konflikt im Normalfall mit einem störrischen «Ach, was solls». Ruft die Jungs an, trifft sich zum Bier, das Problem ist gebodigt. Keine Glanzleistung, nein, aber das Leben geht weiter.

Stimmt. Doch im Sinn und Geist der maskulinen Emanzipation (wem das zu weit geht: auch aus purer Neugier) könnten wir Standardmänner unser Standardverhalten in diesem Frühling eigentlich mal auf den Kopf stellen und proaktiv am grossen Reinemachen partizipieren. Schliesslich, das hört man oft genug, sei Hygiene auch Psychohygiene, also mental durchaus gesund. Da putzen aber leider echt nicht geht – Mopp, Flaumer, Wedel: Allein schon die Namen der «Werkzeuge» sind spooky – und man uns das Waschen der Vorhänge kaum zutraut, müssen wir uns wohl oder übel dem Lieblingsmöbel widmen. Konkret: Wir verschaffen dem Plattenregal eine neue Ordnung. Den Damen, die jetzt verächtlich schnöden «Bubenzeugs, das hat doch nichts mit richtiger Hausarbeit zu tun», sagen wir: Abwarten, die harte Seite der Story, die kommt noch.

Jedes System hat seine Tücken

Beginnen wir mit dem Istzustand. Und der Tatsache, dass es Leute gibt, die ihre Schallplatten (CDs sind im Fall auch okay und hier stillschweigend mitgemeint) nach der Farbe der Hülle verräumt haben. Wegen des Feng-Shui-Gefühls. Oder weil das der Aufräumratgeber «Simplify Your Life» empfohlen hat. Pardon, aber das kann man nicht ernst nehmen.

Kommen wir also zu den richtigen Jägern und Sammlern. Für sie ist allein schon das Cover ein Artefakt, entsprechend behutsam behandeln und sortieren sie ihre Platten. Und doch stellt man auch bei den Ordnungsphilosophien dieser Liebhaber Qualitätsunterschiede fest. Ziemlich banal ist zum Beispiel die alphabetische Methode. Wird sie konsequent durchgezogen, stehen Abba-Alben neben jenen von AC/DC und Aerosmith. Das mag lustig aussehen, ist aber (musik)politisch höchst inkorrekt. Am besseren Ende der Skala entdeckt man dagegen Systeme von beinahe wissenschaftlicher Komplexität. So schrieb jüngst ein Nerd in einem Blog: «Also ich sortiere meine Alben immer nach der jeweiligen Serie, dann nach dem Land, wo sie gepresst wurden, dann nach Live (50s, 60s, 70s), dann nach Outtake, dann nach dem Label, dann nach Bootlegs, und dann noch Billig-CDs nach doppelten und so weiter.» Jäso, aha, alles klar.

Wie immer man es (oder die Platten) auch dreht und wendet, letztlich existiert nur eine wirklich geniale Verräummethode. Gross gemacht hat sie der Plattenladenbesitzer Rob Fleming in Nick Hornbys Roman «High Fidelity». Hornby liess seinem Held die Freundin davonlaufen, worauf der in eine tiefe Sinnkrise stürzte. Quasi als therapeutische Massnahme ordnete Rob dann seine ihm heilige Vinylsammlung neu, und zwar – passend zur Vergangenheitsbewältigung – autobiografisch! Damit man versteht, wie das System funktioniert, folgt hier ein Selbsterfahrungsbeispiel.

Martini bianco, Kondome und Toblerone

Es war an einem gewöhnlichen Mittwochabend. Ich stand vor dem Plattenregal, schloss die Augen, langte hinein. Was ich herausholte, war das Depeche-Mode-Album «A Broken Frame». Bald lag die Platte auf dem Teller, bald erklang «The Sun and the Rainfall». Und päng! war er da, der weiss Gott wo abgespeicherte Bildersturm zurück in den Oktober 1982 und in dieses Konfirmationslager im Unterengadiner Kaff S-charl, wo der melancholische Song via Kassettengerät manch aufwühlenden Moment untermalte. So jenen, als der Herr Pfarrer, der uns eigentlich seinen obersten Chef hatte näherbringen wollen, beim Frühstück mitteilte, er müsse den Rest der Woche eine einheimische Frau betreuen, deren Gatte über Nacht verstorben sei. Oder jenen, als wir von Klassenkameraden aus Zürich ein «verbotenes» Paket (Martini bianco, Kondome, Toblerone) bekommen hatten, abends heimlich aus dem Haus schlichen, um uns am Wermut zu laben, die Flasche jedoch vor lauter Ekstase fallen liessen und danach wie depperte Hunde versuchten, den Alkohol vom erdigen Boden zu lecken. Schliesslich jenen, als mir das Herz entzweiging, weil ich realisierte, dass meine Auserwählte (die allerdings nicht wusste, dass ich sie auserwählt hatte) einen anderen auserwählte – und das unmittelbar nach der Gruppenmeditation unter freiem Himmel . . . (Das war jetzt übrigens die angekündigte «harte Seite» dieser Geschichte.) So lief das ab. Als ich mich dann wieder beruhigt hatte, reihte ich das gute Stück unter «Oktober 82» ins Regal, und das Prozedere ging von vorne los. Als Nächstes erwischte ich «Nostalgia 77» von The Sleepwalking Society; das damit verbundene Intermezzo ist jedoch etwas zu intim, um es hier publik zu machen.

Es geht auch mit Pfannen

Die Vorteile dieser Sortiermethode sind offensichtlich: Man trainiert das Erinnerungsvermögen, durchlebt nochmals diverse persönliche Dramen und Highlights . . . und wenn erst mal alle rumstehenden Scheiben entsprechend geordnet sind (was zugegebenermassen ein Weilchen dauern kann), wird es platztechnisch total bequem: Der chronologischen Logik folgend, reiht man nämlich jede künftige Neuanschaffung (und das mit ihr verwobene Abenteuer) einfach hintenan. Auf den Punkt formuliert: Hatte das Bonmot «Ordnung ist das halbe Leben» jemals seine Richtigkeit, dann bei der autobiografischen Musikablage. Ach ja, noch ein kleiner, aber feiner Lifestyle-Tipp: Damit das frisch aufgeräumte Gestell möglichst «gebraucht» und cool aussieht, sollten einzelne Platten ein wenig hervorstehen. PS: Wer findet «moll, liest sich gut, aber Tonträger sind leider nicht so mein Ding», darf sich freuen: Die Sache funktioniert auch problemlos mit Schuhen, Pfannen und ausgestopften Haustieren.

Erstellt: 19.04.2011, 08:09 Uhr

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