Oscar Wildes weise Worte

Güzin Kar inspiziert kritisch das Regal mit Fertigweisheiten.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Zitate sind etwas Praktisches. Ohne den Umweg der Sprachwerdung des eigenen Gedankens kann man auf Sätze eines Vordenkers zurückgreifen, die präziser und geistreicher ausdrücken, was man meint. Da wabert und dümpelt eine Diskussion vor sich hin, bis einer den Bestseller von Winston Churchill hineinwirft: «Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance.» Auf einmal bekommt die Wortmasse Richtung, Geschmack und Konsistenz: der perfekte intellektuelle Saucenbinder.

Bis wir selbst die Überlegung so eingedampft und wortgepresst hätten, sässen wir mumifiziert am Tisch. Deshalb darf man ruhig ins Regal mit den Fertigweisheiten greifen, wo Namen wie Oscar Wilde locken. Dessen Hauptberuf war nicht Schriftsteller, sondern Zitateschleuder. Jedenfalls werden ca. 90 Prozent aller im Internet herumgereichten Bonmots ihm zugesprochen. Die verbleibenden 10 Prozent stammen von Mark Twain. Egal, ob Kunst, Gott, Glasharfe, Hund oder Frisur, Oscar und Mark wissen es, und die Wortlosen danken es ihnen.

So kommt es, dass auch Sätze zitiert werden, die nie als freistehender Sinnspruch gedacht, sondern Teil eines grösseren Werks waren, wie: «Die Kultur hängt von der Kochkunst ab» aus «Vera oder die Nihilisten». Einzeln herausgelöst, wirkt der Spruch etwas gönnerhaft, etwa so, wie wenn man dem erschöpften Pizzaboten in einem Anfall von mitfühlender Trostphilosophie zuraunt, das Leben sei doch ein einziger Pizzabelag: alles da, aber im falschen Mengenverhältnis. Sehen Sie, geht doch ganz flott.

Einer der Longtimeseller ist «Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden» von Mark Twain. Diesen Spruch gibt es sogar mitsamt Autorenname als Wandtattoo, Schwarz auf gelbem Grund mit Schmetterlingen, sodass man ihn jeden Tag als schriftliche Mahnung vor sich sieht, wenn es einem wieder nicht gelungen ist, den schönsten Tag seines Lebens zu leben.

Vielleicht wird man schon daran scheitern, das Tattoo fehlerfrei an die Wand zu kleben, denn «aus produktionstechnischen Gründen erhalten Sie die Schmetterlinge und den Schriftzug ‹Mark Twain› einzeln geliefert». Ich kann das einzeln gelieferte «Mark Twain» also auch anderswohin kleben, zum Beispiel unter die Hausordnung im Lift. Ich bin sicher, dass jemand das Ganze fotografieren und als ultimative Lebensregelsammlung ins Internet stellen würde mit dem Kommentar: «So true. Amazing.»

Überhaupt entfalten die meisten Zitate ihren Sinn erst mit dem Wissen um ihren Urheber. Der folgende Satz wirkt sanftmütig und edel wie der Dalai Lama: «Es mag gut sein, Macht zu besitzen, die auf Gewehren ruht, besser aber und beglückender ist es, das Herz eines Volkes zu gewinnen und es auch zu behalten.» So true. Amazing. Nur wurde er nie vom Dalai Lama gesprochen, sondern von Joseph Goebbels. «Das Leben ist wie ein Theaterstück. Zuerst spielt man die Hauptrolle, dann eine Nebenrolle, dann souffliert man den anderen, und schliesslich sieht man zu, wie der Vorhang fällt», hat weder Katherine Hepburn noch Marlene Dietrich gesagt, zu denen es vortrefflich passen würde, sondern Winston Churchill, von dem auch «Einige meiner besten Männer waren Hunde und Pferde» sein könnte. Passen würde dieses Zitat auch zu Attila dem Hunnenkönig. Es stammt hingegen von Liz Taylor. Das letzte Wort hat der Autor und Journalist Wolfgang Mocker: «Am Anfang war das Wort. Am Ende das Zitat.»

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch

Erstellt: 06.03.2015, 14:44 Uhr

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