Patient: Schweizer Film

Güzin Kar wundert sich über die vielseitigen Krankheiten, an denen der Schweizer Film leiden soll.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Eine meiner liebsten Filmszenen ist jene in Woody Allens «Annie Hall», die in der Warteschlange vor einer Kinokasse spielt. Zwei belesene Männer geraten sich ob der richtigen Auslegung der Arbeiten des Wissenschaftlers Marshall McLuhan dermassen in die Haare, dass einer von beiden McLuhan hinter einem Filmplakat hervorholt und als Zeuge seiner eigenen Ansichten zu Wort bittet. Schöner und lustiger kann ein intellektueller Penisvergleich kaum gezeigt werden.

Etwas Ähnliches spielt sich seit einigen Jahren in der Schweizer Filmlandschaft ab. Die Beteiligten sind mehrheitlich Experten, die sekundär mit Film zu tun haben, selber keine machen, aber trotzdem komfortabel von unserem Beruf leben können: Filmjournalisten, ehemalige Bundesfilmförderer, ältere Autorenfilmer, die sich übergangen fühlen. Es sind die Kreischstimmen einiger weniger Akteure, die die anderen, differenzierten, immer wieder zu übertönen vermögen mit der schmissigen Kernfrage: «Woran krankt der Schweizer Film?»

Die Diagnosen liefern sie gleich mit: Es gibt zu viele Schweizer Filme. Es gibt zu wenige Kinos. Es herrscht ein Mangel an Innovation. Wo sind die Schauspielerinnen über 40 oder unter 40? Die Drehbücher sind schlecht. Die Drehbücher sind gut, aber es ist schlecht, dass man sie immer fotokopieren muss. An den Solothurner Filmtagen gibt es zu wenig Diskussion und zu viele Frauen und Secondas. Früher war alles besser.

Mehr Mut oder doch mehr Swissness?

Mindestens genauso lustig lesen sich die Therapieempfehlungen: mehr Mut. Mehr Haltung. Mehr Xerox-Aktien. Weniger Fördergelder. Mehr Fördergelder, aber nicht für die Jungen. Mehr SVPler als Premierengäste. Natürlich ändert jeder so oft die Meinung, wie es ihm passt, ohne die 180-Grad-Wendung auch nur ansatzweise zu begründen. Aber ein echter Schwanzvergleich (Frauen mitgemeint) lebt ja auch nicht von Argumenten, sondern von Dreistigkeit. So kann ein Journalist, der eben noch mehr Swissness, Tradition und Schauspieler wie Walter Roderer in unseren Filmen forderte, auf einmal die mangelnde Internationalität unserer Werke und ihre fehlende Präsenz an grossen Festivals anprangern. Ein früherer Filmförderer wettert jetzt gegen Drehbücher, und beide zusammen fordern die Abschaffung der Solothurner Filmtage.

Und was sagen die Filmerinnen und Filmer? Ich erlaube mir, kurz hinterm Plakat hervorzutreten, auch wenn mich keiner zitiert hat. Ich mache seit 15 Jahren Filme und sass in der Bundesfilmförderung. Trotzdem spreche ich nicht für alle Kollegen, denke aber, dass wir einige Dinge gleich sehen. Wir alle wünschen uns, dass unsere Filme vom Publikum überrannt werden, wir wollen und können uns für den Erfolg aber nicht verbiegen. Dem Schweizer Film geht es bestens, er schafft es immer wieder an die grossen Festivals, daneben gibt es erfreulich viele Blockbuster an der Kinokasse. Für uns bedeutet Erfolg nicht immer dasselbe wie für euch.

Manchmal ist es schon ein Erfolg, wenn der Film überhaupt zustande kommt. Wenn er dann noch so wird, wie wir uns das vorgestellt haben, ist das oft mehr, als wir zu hoffen wagten. Die heftigsten Kritiker unserer Werke sind wir selber und unsere Berufskollegen. Wir wünschten uns, dass dies in den anderen Branchen auch so wäre. Bevor ich mich wieder hinter die Plakatwand begebe, nur noch dies: Wenn man unbedingt etwas abschaffen wollte, dann die Kinosessel. Denn masturbieren und Glieder vergleichen kann man auch im Stehen.

Erstellt: 30.01.2015, 15:53 Uhr

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