Hintergrund

Pink beruhigt böse Buben

Die süssliche Farbe hat eine famose Seite: Die Kantonspolizei Zürich beruhigt damit renitente Häftlinge, und sogar Hunde verstummen bei ihrem Anblick.

¨Cool Down Pink vom Boden bis zu den Gitterstäben: Beruhigungszelle auf dem Zürcher Kasernenareal.

¨Cool Down Pink vom Boden bis zu den Gitterstäben: Beruhigungszelle auf dem Zürcher Kasernenareal. Bild: Color Motion AG

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Wenn jemand einen rosa Pullover trägt, signalisiert das: Ich tu dir nichts! Ich bin ganz harmlos! Dieses Süsse, das so arglos daherkommt wie eine verzuckerte Torte, kann einem im Alltag gehörig auf den Zahn gehen. Keine andere Farbe polarisiert mehr als Rosa oder Pink, ihre vorlaute Schwester. Doch das ist nur die eine Seite der Wirklichkeit: Pink hat eine funktionale, fast therapeutische Seite: Es beruhigt. Auch wenn es noch kaum wissenschaftliche Studien gibt, lassen die zahlreichen positiven Erfahrungen nun auch jene aufhorchen, die bei Rosa bisher nur an Barbiepuppen dachten.

Beispiel Stadt Zürich, Polizeigefängnis auf dem Kasernenareal. Vor fünf Monaten sind dort zwei Einzelzellen, in denen renitente Häftlinge zur Beruhigung untergebracht werden, in einem kräftigen Rosa gestrichen worden, dem sogenannten Cool Down Pink. «Die Wirkung ist bisher positiv», sagt Fritz Marti, Chef Polizeigefängnisse. Keine Schmierereien mehr an der Wand, keine Angriffe aufs Personal, kein Schreien und Lärmen. Die Situation mit aggressiven Häftlingen scheine sich zu entschärfen, und die Aufenthaltsdauer in diesen «Beruhigungszellen» sei kürzer geworden. Interessant auch: Kein Insasse habe sich über die Farbe mokiert. Abschliessend werde man die Wirkung auf die Häftlinge jedoch erst in einem Jahr beurteilen können.

Auch andere Gefängnisse setzen auf Pink

Die ersten Erfahrungen in Zürich bestätigen Resultate, die schon seit einigen Jahren aus dem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Pfäffikon ZH vorliegen. Auch dort beruhigen sich die Insassen in den vier rosa gestrichenen Zellen jeweils rasch. Nie sei es zu Aggressionen gegenüber Aufsehern gekommen, und weder Boden noch Wände seien mit Fäkalien beschmutzt worden, wie dies sonst oft geschehe. Auch die Polizei Biel setzt auf Pink, ebenso das Zentralgefängnis Lenzburg, das kantonale Gefängnis Schaffhausen und die Therapieabteilung Justizvollzug der Klinik Rheinau.

Wunderwaffe gegen Aggression

Es scheint, als sei Cool Down Pink die Wunderwaffe gegen aggressives Verhalten, als liessen sich sogar schwere Jungs von der zarten Farbe milde stimmen. Die Schweizer Farbspezialistin Daniela Späth ist davon überzeugt, sie hat den Farbton kreiert und unter der cleveren Bezeichnung Cool Down Pink schützen lassen. «Erfunden habe ich das Rad aber nicht», sagt sie, «es ist eine wissenschaftlich fundierte Fortentwicklung der Idee des Baker Miller Pink, mit dem in Amerika bereits Ende der 70er-Jahre Gefängniszellen gestrichen wurden, um aufsässige Gewaltverbrecher zu beruhigen.»

Zusammen mit dem Paracelsus-Spital in Richterswil hat Späth eine Studie mit rund 800 Probanden durchgeführt, um die Wirkung der Farbe wissenschaftlich zu untermauern, denn auch in Architektenkreisen, so Späth, herrsche noch immer die Meinung, Farbpsychologie sei etwas Esoterisches und gehöre ins Reich der bunten Erzählungen und Märchen. Beim Versuch hielten sich die Beteiligten einige Minuten lang in acht farblich unterschiedlichen Kabinen auf, eine davon war in Pink gestrichen. Vorher und nachher wurden Blutdruck und Puls gemessen. Die mit Abstand stärksten Reaktionen – von «wunderbar relaxing» bis «ui nei, mir wird schwindlig!» – zeigten sich erwartungsgemäss in der pinkfarbenen Kabine, unabhängig von Geschlecht und Alter. Überraschend war jedoch: Bei 98 Prozent der Teilnehmer, die sich mit positiven Gefühlen in die Box setzten, sank der Blutdruck signifikant; der Puls hingegen veränderte sich kaum.

Unbewusster, vegetativer Prozess

Die aggressionshemmende Wirkung von Pink steht für Späth in direktem Zusammenhang mit dem Sinken des Blutdrucks: «Die Ursache dafür liegt in der physiologischen Wirkung der Farbstrahlung im Zwischenhirn.» Es geht also um einen unbewussten, vegetativen Prozess, der nicht rational beeinflusst werden kann. Pink reflektiert überwiegend langwelliges, beruhigendes Licht, hat aber auch einen geringfügigen Prozentsatz an hochenergetischen, kurzwelligen Lichtanteilen. Pink wirkt, bevor wir es merken.

Die Vorliebe von Kindern für Rosa führt Daniela Späth darauf zurück, dass ihnen die Farbe Ruhe verschaffe, solange ihre Reizfilter noch nicht vollständig ausgebildet seien. In ihrer Diplomarbeit über Vorzugs- und Ablehnungsfarben bei Klein- und Vorschulkindern hat die Farbexpertin nämlich herausgefunden, dass kleine Buben Rosa ebenso sehr mögen wie Mädchen. «Erst wenn sie in den Kindergarten kommen, lernen Buben, dass Rosa eine Mädchenfarbe ist.» Ein klarer Fall von sozialer Prägung. Späth plädiert in jedem Fall dafür, das Babyzimmer in Rosa zu gestalten, da es auf Babys einen beruhigenden Effekt habe.

Die Sache lässt sich natürlich weiterdenken, Daniela Späth spricht von Gewaltprävention im Städtebau, von Sicherheitszonen in Flughäfen, von Bereichen der Intensivmedizin und Schutzräumen des Katastrophenschutzes. Und unschwer lässt sich erahnen, dass eine solche Ausweitung von Cool Down Pink Daniela Späth zu finanziellen Höhenflügen verhelfen würde.

Keine Heile-Welt-Farbe

Eine Welt in Pink? Schlafzimmer in Pink, wo sich streitende Ehepaare zärtlich lieben? Rosa Hausfassaden wie Glacestängel, und alles wird gut? Späth winkt ab, «Pink ist keine Heile-Welt-Farbe», sagt sie, «aber man kann sie gezielt und funktional einsetzen.» Streitlustige Kinder jedenfalls zeigen Reaktionen: Seitdem im Hort Richterswil eine Ecke in kräftigem Rosa gestrichen wurde, wo es zuvor immer Krach gegeben habe, sei die Situation beruhigt, heisst es. Offen bleibt, ob der Streit nun nicht einfach in einer anderen Ecke ausbricht.

Zum Abschluss noch eine Meldung aus Jackie’s Hundehort in Wädenswil, wo zwei Boxen vor einem Monat in Cool Down Pink gestrichen wurden. «Nervöse Hunde beruhigen sich dort eindeutig», sagt die Inhaberin Jackie Ritter, «und auch das lästige Aufmerksamkeitskläffen hat nachgelassen.» Obwohl man ja wisse, dass Hunde Farben kaum sehen könnten. Logisch hat Farbspezialistin Daniela Späth dazu eine Antwort: «Die Photonen von Cool Down Pink übertragen den beruhigenden Effekt, und diese Energie spüren die Hunde.» Wenn das so weitergeht, müssen wir uns die alte Weisheit «Bellende Hunde beissen nicht» wohl ans Bein streichen. Neu heisst es dann: Hunde in Rosa bellen nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2011, 08:08 Uhr

Die Umdeutung von Rosa

Rot und Rosa waren ursprünglich Männerfarben

Heute gelten Rosa und Pink klar als Mädchenfarben, aber viele Jahrhunderte lang war das anders. Herrscher und Regenten trugen Purpur, die dynamische Farbe stand für ihren Machtanspruch, und die Prinzen trugen das «kleine Purpur», nämlich Rosa. Im alten Rom durften nur der Imperator und die Senatoren Purpur tragen – jenen teuren Farbstoff, der in einem komplizierten Verfahren aus dem Sekret von Meeresschnecken gewonnen wurde. Auf alten Bildern mit religiösen Motiven ist das Christuskind oft in rotes Tuch gewickelt, Maria hingegen trägt Blau.

Nach dem 1. Weltkrieg verblasste die männliche Bedeutung von Rot, aus den Uniformen verschwand Purpur als Herrscherfarbe. Somit war auch Rosa für Knaben nicht mehr logisch. Zudem konnten seit etwa 1920 Farben chemisch hergestellt werden, das Spielfeld der Farben war auch in der Kinderbekleidung eröffnet. Für Buben wurde der Matrosenstil in Blau der grosse Trend, und Arbeitskleidung wurde blau gefärbt. Blau bekam so seinen heutigen männlichen Aspekt, Rosa wurde zur weiblichen Gegenfarbe umgedeutet. Was auch dazu führte, dass sie negativ belegt und zur Farbe der Schwäche und Diskriminierung wurde. Homosexuelle mussten in Konzentrationslagern als Erkennungszeichen einen rosa Winkel an ihrer Kleidung tragen. Die moderne Schwulenbewegung setzt Rosa sehr bewusst als ihre Symbolfarbe ein.(uh)

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