«Plötzlich sind Inder top»

Der Soziologe Rohit Jain glaubt, dass sich Selbstwertgefühl und Aussenwahrnehmung der Secondos aus Indien seit den 70ern stark verändert haben – und dass die Schweiz aufwachen sollte.

«Ich mache mir schon Sorgen um die Schweiz, denn es ist auch meine Schweiz, mein Zuhause»: Rohit Jain. Foto: Sabina Bobst

«Ich mache mir schon Sorgen um die Schweiz, denn es ist auch meine Schweiz, mein Zuhause»: Rohit Jain. Foto: Sabina Bobst

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Sie forschen über die 2. Generation Inder in der Schweiz, die sich zwischen Assimilation, Exotik und indischer Moderne verorten muss. Wo sehen Sie sich selbst?
Ich bin ein indischer Secondo. Durch den Blick der Schweizer lernte ich schon als Kind, dass ich anders bin. Durch den Blick meiner Familie, einer indischen Mittelschichtsfamilie, in der die Eltern und Grosseltern Ingenieure und Akademiker gewesen waren, lernte ich, dass ich leistungsfähig sein muss. So kam beides ­zusammen: Ich war schulisch ein Overachiever, aber ich wollte unbedingt ­dazugehören, wehrte mich in der Pubertät gegen alles Indische, sprach nur noch Deutsch. Später begann ich über Indien zu lesen, das Land zu bereisen und über Rassismus zu forschen. Es war ein abwechslungsreicher, oft einsamer Weg, der in seinen Grundzügen nicht un­typisch für Secondobiografien ist.

Sie sprechen breites Berndeutsch und haben eine Schweizer Frau.
Herzig, nicht wahr? Meine Mutter fragte damals halb im Witz, halb enttäuscht, wem sie denn jetzt den traditionellen Goldschmuck geben solle, weil die Schweizerinnen kein Gold zu tragen wagten ... Aber im Ernst: Meine Eltern kamen 1968 in die Schweiz. Damals galt das Credo der Assimilation, und als 1970 die Schwarzenbach-Initiative kam, hatten alle Angst, glaubten, gleich wieder ausgeschafft zu werden. Das hat geprägt, keiner wollte auffallen. Nur einmal hat sich mein Vater gewehrt, als Nachbarn forderten, wir sollten die Fenster schliessen, weil das indische Essen stinke. Klar, bis heute ist es so, dass die dunkle Hautfarbe in der Schweiz Zeichen einer nur beschränkten Zugehörigkeit ist. Aber es hat sich doch einiges geändert seit den Zeiten der Schweizermacher.

Ist Assimilation Geschichte?
Die Assimilationsfantasie entstand in der Schweiz in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Bevor sie aufkam, galt: erst einbürgern, dann kommt die Anpassung. Plötzlich aber wurde die «nationale Eigenart» wichtiger als gesellschaftliche Teilhabe. Darum wurden die Herkunftsfamilien der Secondokinder noch in den 80er-Jahren auch als «Problem» gesehen, das die Kinder in ihrer Assimi­lation behindert. Der Keil, den so ein ­öffentliches Assimilationsdenken zwischen Eltern und Kinder treibt, ist fatal. Heute ist dieses Denken zwar immer noch stark, doch es gibt auch kosmo­politische Räume, in denen Mehrfach­zugehörigkeiten anerkannt sind.

Wie ordnete die Schweiz Indien ein?
Einerseits gab es die Idee vom Kastensystem und von den armen Kindern. Stichwort Slum, Mutter Teresa, Entwicklungsland. Andererseits träumte der Westen von Indien als Hort von Spiritualität und antiker Hochkultur, eine romantische, orientalistische Vision. «Arm, aber glücklich»: Diese Projektion reichte bis in die Hippie-Goa-Bewegung und darüber hinaus. Lang bemerkte man in der Schweiz gar nicht, dass sich Indien radikal verändert hatte.

Wie sieht denn die Realität aus?
Im Indien der Nehru-Dynastie gab es kein Coca-Cola, keinen Konsumismus, nur antikoloniale Staatswirtschaft. In den 90ern entwickelte sich mit der Liberalisierung der Märkte eine neue Mittelschicht, die sich über Konsum und Wachstum definierte. Das Selbstbild verschob sich in Richtung «reich und glücklich». Von Bollywood bis Harvard: Plötzlich sind Inder top in westlichen Disziplinen, strotzen vor Selbstbewusstsein, setzen sich vom Westen ab: «Wir haben noch Familienwerte, sind nicht so dekadent, können noch arbeiten.» Wer auswandert, fühlt sich nicht minderwertig, sondern versteht sich als Teil einer stolzen «Global Indian Family». In der Traumwelt von Bollywood verbinden sich die kapitalistischen Aspirationen und moralischen Überlegenheitsgefühle der Elite in der neuen Supermacht. Zugleich wird der Rassismus der Migrationsländer in Indien seit einem Jahrzehnt expliziter thematisiert. Das hat auch mit Erfahrungen im Westen, vor allem in den USA, zu tun. Aber eben auch mit dem neuen Selbstbewusstsein, sich wehren zu können.

Kam der Wandel in der Schweiz an?
Zuerst gar nicht. Zu stark war das Gefühl eurozentrischer Überlegenheit. Aber als zum Millenniumswechsel die Panik vor dem Computerchaos ausbrach und, zack, ganz viele IT-Inder gefragt waren, stellte man auch in der Schweiz fest, dass das paternalistische Indienbild überholt war. Plötzlich weibelten die Schweizer Behörden und Firmen um Zugang zu den neuen Märkten des «wilden Ostens»; und ärgerten sich über die selbstbewusste indische Interessenpolitik.

Wie begegnet man Indern heute?
Inzwischen spielen die Inder eher eine Rolle in der Antizuwanderungspropaganda: IT-Inder werden als Bedrohung stilisiert. Dass sich das Stereotyp vom bösen indischen Vergewaltiger so schnell hat etablieren können, halte ich für eine Reaktion auf diese Verschiebungen in den globalen Machtverhältnissen. Dass es in Indien brutale Verbrechen gibt wie anderswo und dass es dort, auch durch die starke Ungleichheit in der Gesellschaft und ihre überbordende Dynamik, zu Gewalt kommt, ist unbestritten. Aber wie die Schweizer Öffentlichkeit dies begierig aufsaugt, ist reine Selbstvergewisserung angesichts eines Indien, das die kulturelle und ökonomische Überlegenheit der Schweiz infrage stellt.

Was bedeutet dieses Unbehagen für die indischen Migranten hier?
Für die indischen Arbeitsmigranten der Mittelschicht und ihre Kinder eröffnen sich trotz der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit auch Chancen, wie auch meine Feldinterviews belegen. Indische Kinder begegnen im hiesigen Schul­system keinen negativen Erwartungen wie Kinder anderer Migrationsgruppen; oft im Gegenteil. Zudem hat sich ein kommerzieller Multikulturalismus durchgesetzt: Differenz ist nicht mehr nur verpönt, sondern auch chic und wertvoll. Indisches Essen, zweisprachige Erziehung, internationale Vernetzung: lauter Dinge, die früher misstrauisch beäugt wurden, sind jetzt auch Statussymbol, ja Assets im globalen Kapitalismus. Man kann heute viel besser mehrere Kulturen im eigenen Leben vereinen – wenn man Zugang zu den kosmopolitischen Milieus hat. Bildung ist der Schlüssel dazu. Und wenn man dort daheim ist, wird die Ablehnung in der Schweiz teils gar nicht mal wahrgenommen oder tangiert nicht.

Warum?
Weil viele der indischen Mittelklasse, etwa IT-Inder, wirklich nomadische und transnationale Lebenswelten und Karrieren haben. Die sind höchstens einige Jahre da und gehen wieder, nach Singapur, Indien oder in die USA. Die Schweiz ist ein Ort unter vielen anderen – und keineswegs der attraktivste. Die Schweiz ist zwar ein Bollywood-Traumziel, aber die Ablehnung in der Schweiz ist aus der Perspektive der globalen indischen Moderne nur eine Fussnote der Geschichte, nur ein weiteres Beispiel für die Doppelmoral des Westens. Und im Gegensatz zur Haltung der kolonialen Minderwertigkeit ihrer Eltern ist diese Klasse überzeugt, dass die Musik des dezentralen globalen Kapitalismus nicht nur im Westen spielt, sondern woanders. Die Schweiz wird sich mit diesem neuen Blick der anderen ernsthaft auseinandersetzen müssen.

Für welche Migranten ist es schwierig in der Schweiz?
Wehe, man gehört den Arbeitsmigranten aus der Unterschicht an – oder etwa muslimischen Minderheiten. Da drohen weiterhin institutionelle Diskriminierung und Assimilationsforderungen – auch wenn es heute «Integration» heisst. Der politische Multikulturalismus liegt in weiter Ferne, und die Ängste haben sich zum Backlash gebündelt, wie etwa in der Ablehnung der erleichterten Einbürgerung für die zweite und dritte ­Generation 2006 oder in der jüngsten Zuwanderungsabstimmung.

Wie erklären Sie die Angst?
Heute ist Schweizer zu sein per se noch keine Wohlstandsgarantie. Seit dem Ende des Kalten Krieges geht das Schweizer Modell von Neutralität, Wirtschaftsopportunismus und Wohlfahrtsstaat nicht mehr auf. Es drohen Umbrüche, und bis jetzt hat die Schweiz keine neue Rolle gefunden. Im postkolonialen Verteilungskampf geht es zunehmend darum, über Bildung in die internationale Mittelschicht, die Teppichetage hineinzukommen – egal, ob in der Schweiz, in Indien oder Moçambique. Leicht wird man abgehängt. Die Zuwanderungsinitiative oder die völkische Ecopop-Initiative sind Versuche, ein überholtes Modell zu bewahren, statt etwas Neues zu wagen – was eigentlich einmal eine Stärke der Gründerschweiz war. Ehrlich gesagt: Ich mache mir schon Sorgen um die Schweiz, ihre Modernität und vor allem um ihre Demokratie. Denn es ist auch meine Schweiz, mein Zuhause.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2014, 08:41 Uhr

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Der Soziologe und Sozialanthropologe Rohit Jain, 1978 in Wohlen geboren, schliesst am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich seine Dissertation über transnationale Biografien von indischen Secondos in der Schweiz ab. Jain lebt in Zürich. (TA)

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