Politporno am Büffet

Güzin Kar nervt es, ständig nach ihrer Gesinnung gefragt zu werden.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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«Ich bin Muslim und gegen den Isis-Terror», stand da, als vorgefertigte Sprüchetafel, wie sie gern auf Facebook gestellt werden, und darunter hatte die Userin selbst hinzugefügt: «Natürlich ist es eine Zumutung, dass ich mich von Verbrechern distanzieren soll, mit denen ich nicht das Geringste zu tun habe, aber weil es dauernd von mir verlangt wird – und dem Frieden zuliebe –, tue ich es eben immer wieder und distanziere mich öffentlich.»

Ist es keine Selbstverständlichkeit, dass demokratisch gesinnte Menschen, egal welcher Religion, die Machenschaften von Mördern verurteilen? Weshalb wird dann von unbescholtenen Bürgerinnen und Bürgern ein distanzierendes Statement verlangt? Das Phänomen des Gesinnungschecks ist leider nichts Neues, und ich selbst kenne es zur Genüge. Als Kurdistan für die hiesige Presse noch ein brennendes Thema war, wurde ich ständig gefragt, ob ich Kurdin oder Türkin sei. Menschen, die nicht einmal wussten, was Kurden oder Türken sind, verlangten eine persönliche Abstammungshistorie und ein klares Positionsbekenntnis. «Ich bin Schweizerin» wurde als Antwort nicht akzeptiert, man fand mich zickig, denn schliesslich wollte man ja bloss wissen, ob ich zu den Guten oder den Bösen gehörte. Gebürtige Schweizerinnen sind übrigens immer neutral, auch moralisch und genetisch.

Das Interesse an Kurden und Türken liess im selben Moment nach, als die Presseberichte verebbten. Doch kaum tobte der Syrienkrieg an der türkischen Grenze, hielt man mich an, mich von diversen Gruppierungen zu distanzieren, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört hatte. Der tägliche Konsum von Politporno verlangte nach Illustration, die man in mir gefunden zu haben hoffte. Inzwischen ist die verwirrende Lage im Nahen Osten vollends aus dem Ruder gelaufen, sodass man mich der Einfachheit halber nur noch fragt, was ich zur Verschleierung von Frauen meine. Andere haben es nicht so leicht. Meine jüdischen Freunde werden auf jeder Party über ihre Meinung zum Gazakonflikt ausgehorcht. Die Haltung von Araberinnen wird stillschweigend als bekannt vorausgesetzt, und man ist ja schon froh, wenn die nicht per Selbstmordattentat das Buffet sprengen. So wechselt man im Gespräch mit der hübschen ägyptischen Künstlerin gern zu privaten Themen und fragt, ob sie beschnitten sei. Oder wenigstens rasiert.

Aber weshalb verlieren einigermassen intelligente Menschen jegliche Hemmungen und fragen Dinge, die man in Drehbüchern in die Sterbebettszene schreiben würde? Was soll der ständige Gesinnungstest, liebe Freunde? Habt ihr ein Paninialbum zu Hause, in das ihr uns alle nach deklarierter Zugehörigkeit einklebt? Schmeckt euch der Prosecco besser, wenn ihr wisst, dass wir mit dem Besteck wirklich nur essen und nicht schächten? Oder kann es sein, dass ihr uns, den zugelaufenen und unreinen Schweizerinnen und Schweizern eintrichtern wollt: Egal, wie lange ihr hier lebt, ich kann euch jederzeit zurückschicken, dorthin, wo ihr hergekommen seid, und sei es nur im Geiste und für die Dauer eines Gesprächs.

«Warum lässt man mich nicht einfach eine ganz gewöhnliche Schweizerin sein?», klagte ich einmal gegenüber einem Freund, der einer jüdischen Familie entstammt. Und der sagte: «Ob wir Juden, Muslime, Türken, Albaner oder Schwarze sind, bestimmen nicht wir. Das bestimmen sie.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2014, 15:18 Uhr

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