SRF-Nachrichten fürs Missionars-Radio

Die SRG liefert neu Radionews an einen ultrachristlichen Sender, dessen Chef ein verurteilter Sexualstraftäter ist.

SRF-Nachrichten auf einem evangelikalen Sender, der gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung ist? Die SRG sah darin bisher kein Problem.

SRF-Nachrichten auf einem evangelikalen Sender, der gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung ist? Die SRG sah darin bisher kein Problem. Bild: Keystone

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«Jesus, das Wunder der Liebe (...), hat auch den Tod überwunden (...)»: Zum Gesang ertönen Gitarrenklänge, dann folgt ein Jingle. Eine Männerstimme meldet: «Bald ist es vier Uhr. Hier ist Radio Freundes-Dienst mit den Nachrichten. Wir schalten dafür live ins Nachrichtenstudio von SRF.» Nach längeren Klarinettenklängen passiert das tatsächlich. Ohne weitere Ansage. Es geht direkt um die Schweizerische Post.

Das ist keine Verwechslung, sondern eine der neuen Kooperationen der SRG mit einem Privatradio. Die Zusammenarbeit wurde gestern bekannt gegeben. Seit Anfang September übernehme das Radioprogramm Freundes-Dienst die Radionachrichtensendungen von SRF zeitgleich und in ungekürzter Form, schreibt die SRG in ihrer Mitteilung.

Bei Freundes-Dienst Schweiz handelt es sich um einen gemeinnützigen Verein mit Sitz in Riggisberg im Kanton Bern. Dieser betreibt seit 2016 ein beim Bakom gemeldetes, nationales, nicht kommerzielles Radioprogramm.

Kurz nach Bekanntgabe der Kooperation schaltete sich über Twitter ein Journalist von Tamedia ein. Er deckte auf: Radio Freundes-Dienst ist ein evangelikales, missionarisches Radio, einer der Betreiber ein mehrfach verurteilter Sexualstraftäter. Wusste die SRG vor der Kooperation vom zweifelhaften Hintergrund von Radio Freundes-Kreis, und wie kam es überhaupt zur Zusammenarbeit?

Man habe vor einem Jahr den privaten Radioveranstaltern angeboten, die stündlichen Radionachrichtensendungen zu übernehmen – «zur Stärkung des Medienplatzes Schweiz», so Edi Estermann, Leiter der Medienstelle SRG SSR, und gegen eine finanzielle Entschädigung, die sich an der Reichweite orientiert.

Die Standardvereinbarung zwischen der SRG und den Privatradios verlange, dass die Partner die übernommenen Sendungen deutlich vom eigenen Programm trennen und SRF/RTS als Quelle der Sendung angeben, jeweils unmittelbar vor der Sendung.

Das Angebot gelte für Schweizer Programme, die beim Bakom gemeldet sind. Und diese müssten sich an die Schweizer Rechtsordnung halten. Grundsätzlich gilt für Radio- und Fernsehprogramme, die beim Bakom gemeldet sind, das Bundesgesetz über Radio und Fernsehen (RTVG). Dieses schreibt unter anderem vor, dass Sendungen insbesondere die Menschenwürde zu achten haben und nicht diskriminierend sein dürfen (Artikel 4: Mindestanforderungen an den Programminhalt).

Ein Ausschnitt aus dem Programm von Radio Freundes-Dienst. Der Hinweis, dass die Nachrichten von SRF stammen, könnte von Hörern auch verpasst werden. Er wird nämlich nicht unmittelbar vor der Schaltung ins SRF-Studio ausgestrahlt. Quelle: zVg

Ob sich Radio Freundes-Dienst an diese Bestimmungen hält, ist jedoch fraglich. Denn: Im Programm von Radio Freundes-Dienst wurde unlängst das Recht auf Abtreibung oder die Ehe von Homosexuellen als «Pervertierung der Gesetze» beschrieben, berichtete heute «20 Minuten». Über die Juden habe der Moderator in einer Sendung gesagt, sie hätten Jesus verworfen und gekreuzigt: «Das Gericht kam mit der Zerstörung Jerusalems, der Zerstreuung in die ganze Welt und unzähligen Verfolgungen über sie. Gott lässt niemanden ungestraft, der seinen Sohn verwirft.» Weiter sei die Evolutionslehre als «satanische Lüge» bezeichnet worden, in Schriften eines der Leitenden des Vereins und Radios ist zu lesen, dass der, der Jesus dem Erlöser nicht folge, «Gott ein Gräuel» sei.

Im Paragrafen des RTVG zur SRG hingegen steht, dass sie unter anderem das Verständnis, den Zusammenhalt und den Austausch unter den Landesteilen, Sprachgemeinschaften, Kulturen und gesellschaftlichen Gruppierungen fördern soll.

Auf die Frage, wie das zusammengehe, antwortete Estermann, dass vor Kooperationen jeweils ein Hintergrundcheck der Sender durchgeführt werde und sich die SRG dabei wesentlich auf die Einschätzungen des Bakom stütze.

Ob ein genauer Hintergrundcheck von Radio Freundes-Dienst die SRG nicht hätte hellhörig machen müssen, darauf ging bisher noch keine weitere Antwort ein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2018, 15:27 Uhr

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