Sag es einfach!

Güzin Kar ist sich keinesfalls sicher, ob Michel Houellebecq tatsächlich ein Schwein ist.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Man behandelt einen Roman, als sei er ein Dokumentarfilm. Da schreibt man ins Buch, dass jede Ähnlichkeit mit lebenden Figuren zufällig sei, aber keiner glaubt es. Man glaubt nicht mehr, dass es Romane gibt. Der Sinn für Fiktion ist verloren», sagt Michel Houellebecq in einem Interview, das er Anfang Jahr dem deutschen Fernsehen gab. Es ging darin um seinen jüngsten Roman «Unterwerfung» und um dessen Rezeption, die vornehmlich darin bestand, Houellebecq in die rechte oder linke Ecke zu drücken oder zu ziehen.

Zwar unterläuft Houellebecq ein Fehler, denn auch ein Dokumentarfilm unterliegt nicht dem Diktat der Abbildung von Realität – was er meint, ist vermutlich ein journalistischer Nachrichtenbeitrag –, aber trotz dieser leichten Unschärfe bleibt seine Aussage eine treffende Analyse: Der Sinn für Fiktion kommt uns abhanden. Erzählende Gattungen wie Romane, Filme, Hörspiele werden zunehmend einer einzigen Prüfungsfrage unterzogen: Was will uns der Autor damit sagen? Dass dieser soeben auf Hunderten von Seiten gesagt hat, was kürzer und anders nicht ging, wird ausser Acht gelassen angesichts des Wunsches nach Lagerbildung.

Ist die Autorin nun für oder gegen die Aufklärung? Ist die Filmerin für oder gegen Religion, und welche genau? Ist sie links oder rechts? Wieso hasst er Mütter, Tiere, Sportler, Banker derart, dass er sie in seinem kranken Kopf umbringt? Müssen wir uns diesen Kerl antun, wo wir schon an Titel und Cover seines Werkes erahnen, dass er ein einfältiger, homophober Misanthrop ist?

Querlesen ist angesagt, das Überfliegen mit Leuchtstift, damit man sich Passagen herausstreichen kann, Passagen, die entweder geeignet sind als Podest für die eigene Meinung oder als signalgelb unterlegte Beweisstücke fürs öffentliche Tribunal, das noch folgen wird: Dieser Houellebecq ist ein Schwein, so wie der in seinen Romanen mit Frauen umgeht. Auch Max Frisch war ein Schwein (allein was man beim Querlesen von «Homo Faber» an Stabilo-Boss verbraucht, müsste man seinen Erben in Rechnung stellen).

Virgina Woolf war eine Gute. Man hat ihr Werk zwar nicht gelesen, aber es kursieren so schöne Zitate von ihr, die von einem selber sein könnten, wenn man die Zeit hätte für schöne Wörter. Aber unsereins muss ja arbeiten. Darum sollten Künstler aufhören, ihre Botschaften auf so vielen Seiten zu verbreiten und stattdessen ein einzelnes Blatt mit ihrer Meinung herausgeben. Oder vielleicht eine knackige Fünfpunkteliste, worin steht, was falsch läuft, und was zu tun ist. Die To-Do-Liste für die Welt.

Es wäre so einfach. Nur sind Bücher und Filme weder die Trägersubstanzen von Aussagen noch die zu blumig geratenen Versionen eines Flugblattes. Sicher, jedes erzählerische Werk zeichnet ein Bild der Welt und des Menschen, das man anfeinden kann und soll. Und darüber hinaus gibt es schlechte Fiktion, die man ignorieren darf. Aber wer ernsthaft fordert, dass Kunst nur an ihren Aussagen zu messen sei, soll versuchen, diejenigen von Intrumentalmusik wiederzugeben.

So kommt es, dass man inzwischen Werke mit fragwürdigen Weltbildern vor den Meinungsfanatikern verteidigt – nicht, weil man jene Bilder für schützenswert hält, sondern weil auch der schlechteste Film und das schlechteste Buch die kleinere Katastrophe sind als eine Gesellschaft, die unfähig ist, Fiktion zu ertragen.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 15:19 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Was kostet das Leben?

Kolumne Güzin Kar zahlt gerne für glückliche Hühner, nur die Menschen sind einfach zu teuer. Mehr...

Spuren von Suzi Quatro

Kolumne Güzin Kar über TV-Shows mit Promis, die früher jeder kannte und die heute immer noch die alten Hits singen. Mehr...

Sags doch per Emoji

Kolumne Güzin Kar wundert sich über die neuen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home So richten Sie geschickter ein

Tingler Neuer Name, neues Glück

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...