Scharfe Worte wegen Köppels «Geschichtslüge»

Historiker Philipp Sarasin greift «Weltwoche»-Chef Roger Köppel auf einer neuen Onlineplattform an.

Will «unabhängig vom Rhythmus der Printmedien» die öffentliche Diskussion bereichern: Philipp Sarasin.

Will «unabhängig vom Rhythmus der Printmedien» die öffentliche Diskussion bereichern: Philipp Sarasin.

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«Es gibt für solche Darstellungen einen präzisen Begriff: Geschichtslügen.» Scharf sind die Worte, die Philipp Sarasin gewählt hat, um ein «Weltwoche»-Editorial zu kommentieren, in dem Roger Köppel Anfang Januar von seiner Lektüre einer Hermann-Göring-Biografie berichtet hat. Diese Biografie, die erstmals 1974 erschien, sei «längst überholt», was den «Weltwoche»-Herausgeber aber nicht daran gehindert habe, sich mit seiner Lektüre «für Göring als Menschen» zu erwärmen. Damit habe der «Weltwoche»-Herausgeber die «verbrecherischen Taten und politisch-moralische Verantwortlichkeit» des Nazi-Reichsmarschalls «zur Unkenntlichkeit» verwedelt, schreibt Sarasin.

Sein Artikel kann seit Montag auf einer neuen Plattform gelesen werden, mit der eine Gruppe von Geisteswissenschaftlern von nun an die Zeitläufte kommentieren will. «Geschichte der Gegenwart» heisst das Internetprojekt und erinnert damit nicht von ungefähr an Michel Foucault: Nach ihm ist die Gegenwart Teil der unabgeschlossenen Geschichte – die Zukunft aber ein offener Horizont, der mit «Wissen, Mut zur Stellungnahme und Weitsicht» erschlossen und gestaltet werden kann, wie es im Auftakt des Internetprojekts heisst. Einen Eindruck, wie dieser Anspruch eingelöst werden soll, vermitteln die ersten acht Beiträge, die bisher auf der Plattform publiziert wurden: In einem historisierenden Beitrag widmet sich Christian Geulen der Vox populi, mit der die Idee der Demokratie unterlaufen werde; Alt-Bundesrichter Niccolò Raselli macht in der Durchsetzungsinitiative «schwerwiegende staats- und persönlichkeitsrechtliche Probleme» aus. In einem Interview erklärt der Polit-Geograf Michael Hermann die Befunde seiner Studie zum Schweizer Rechtsrutsch, die erstmals im «Tages-Anzeiger» publiziert wurden. Hinzu kommt ein Beitrag zur Schleifung der Grundrechte im ehemaligen Ostblock, die Rezension einer Ausstellung im Migros-Museum für Gegenwartskunst sowie eine Analyse des alljährlichen Rankings der reichsten Schweizer, das ursprünglich die «ökonomische Macht» entlarven sollte, heute aber nur noch der «unbedingten Bewunderung» diene: So schreibt die Neuzeit-Professorin Monika Dommann.

Svenja Goltermanns Replik

Finanziert wird der Betrieb bisher privat. Warum aber braucht es diese Plattform? «Geschichte der Gegenwart» sei der Versuch, «unabhängig vom Rhythmus der Printmedien» die öffentliche Diskussion zu bereichern, erklärt die Slawistin Sylvia Sasse als eine der insgesamt fünf Herausgeber, die alle Lehrstühle an der Universität Zürich haben. «Wir haben Lust auf Debatte, auf andere Textsorten, meistens schreiben wir ja wissenschaftliche Aufsätze und Bücher.» Einige der bisher publizierten Beiträge gehen denn auch deutlich über das hinaus, was gemeinhin Professorenfeuilleton genannt wird. So etwa ein Beitrag von Svenja Goltermann, in dem sich die Geschichtsprofessorin erstmals zu den Anschuldigungen der «Weltwoche» äussert, nach denen sie bei ihrer Berufung an die Universität Zürich von einer Liebesbeziehung» mit Philipp Sarasin profitiert habe, «was nicht wahr ist». Die Berichterstattung der «Weltwoche» sei sexistisch gewesen, und «diese Art des Sexismus ist eine Form der Gewalt», schreibt Goltermann. «Warum ich das erst jetzt alles sage? Ich kann Ihnen versichern, es braucht Zeit, bis man nach solch niederträchtigen Diffamierungen wieder richtig auf den Beinen steht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2016, 16:44 Uhr

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