Schöner sterben

Güzin Kar träumt von Beat Schlatter und macht sich grundsätzliche Gedanken.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Ich lag diese Woche krank darnieder und dachte über den Tod nach. Wenn Sie Dramatik und Endzeitstimmung in Zusammenhang mit leichten Infekten bisher Männern zuordneten, die bekanntlich beim leisesten Husten ihr Testament anpassen, so muss ich Ihnen sagen, dass ich mit meiner grossosmanischen Depression jeden Dreibeiner in den Schatten stelle. Das mit dem Testament lasse ich aus, das ist mir zu juristisch. Meine Grippetode sind eher philosophisch-spiritueller Art. Auch neige ich zu kuriosen Fieberträumen. So erschien mir vor einigen Tagen Beat Schlatter, der per Presseerklärung bekannt gab, dass er zurücktreten wolle, und ich fragte mich, wie Schauspieler zurücktreten und wovon? Anderntags träumte ich von Mike Müller, der mitteilte, dass er nur noch in Filmen spielen werde, in denen ausschliesslich gesprochen werde. Bevor Peach Weber auftauchen konnte, forderte ich ein Komikerverbot für meine Träume.

Da erschien mir Stephen Hawking, nicht im Traum, sondern am Fernsehen. Er liess die Welt wissen, dass es erwiesenermassen kein Leben nach dem Tod gebe. Ich glaube Herrn Hawking ja alles, und gerade deshalb fand ich es unsensibel von ihm, mit dieser unangenehmen Nachricht einfach so hereinzuplatzen. So etwas muss doch vorbereitet werden. Das ist wie Schluss machen, einfach im globaleren Sinne, da er Schluss macht mit unseren Hoffnungen. Dann tauchte plötzlich Sarah Jessica Parker auf – immer noch am TV, ich hatte Herrn Hawking mit Kanalwechsel bestraft –, und da bekam ich erst richtig Angst. Ich weiss nicht warum, aber seit ich SJP das erste Mal gesehen habe, fürchte ich mich vor ihr. Ich kriege ihr pferdeartig langes und gleichzeitig kältestarres Gesicht irgendwie nicht zusammengesetzt, und immer, wenn ich die Augenpartie begriffen habe, galoppiert das Kinn davon oder umgekehrt.

Was das tiefgefrorene Pferd sagte, weiss ich nicht mehr, aber ich musste plötzlich an Organspenden denken. Denn Herr Hawking irrt ja ein bisschen mit seiner These des Todes als Leere, da er nicht berücksichtigt, dass Teile von uns nach unserem finalen Rücktritt sehr wohl anderswo weiterleben können. Mich beruhigt diese Vorstellung keineswegs, sondern erschreckt mich noch mehr als Frau Parker und ihre nicht zusammensetzbaren Einzelteile. Ob sie einen Organspendeausweis hat? Angenommen, Stephen Hawking, dem die Stimmbänder nach einer Entzündung entfernt werden mussten, hätte ihre eingesetzt bekommen, sodass er seine Theorien mit ihrer kieksigen Stimme vortragen würde? Ich glaubte ihm kein Wort.

Dann fiel mir ein, dass ich selber noch keine Patientenverfügung habe. Vielleicht sollte ich das nachholen, sobald ich wieder gesund bin. Im Moment tendiere ich dazu, meine Organe nicht spenden, sondern Hirn, Herz und alle Sinne zu Lebzeiten derart exzessiv gebrauchen zu wollen, dass sie sich zusammen mit mir guten Gewissens in Rente begeben und wir en bloc und alle gemeinsam verwesen können. Ich will nämlich auch keine Feuerbestattung, sondern das ganze Programm mit Würmern und Käfern. Wobei das auch eine Form der Organspende ist, einfach ans Kleingetier. Gerade als ich mir das bildlich und in allen Details vorzustellen versuchte, klingelte mich der Weinlieferant aus dem Krankenbett. Und so beschloss ich, das Sterben vorerst aufzuschieben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.05.2014, 15:30 Uhr

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