Debatte

Schweizermacher Giacobbo

Die Theaterschaffenden Samuel Schwarz und Raphael Urweider haben das SRF eingeklagt. Die Verteidigung des Blackfacing durch Giacobbo überzeugt sie nicht – sie werfen ihm «Bünzli-Rassismus» vor.

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Viktor Giacobbo hat im letzten Samstagsgespräch mit dem «Tages-Anzeiger» ein angeblich verbotenes Wort benutzt: «Neger». Er tue dies als Trotzkopf, obschon er wisse, dass das Wort eigentlich nicht erlaubt sei. Just dies, so Giacobbo, mache es «für Komiker interessant». Mindestens ebenso interessant ist, zu sehen, wie sich Giacobbo als Linker einer in der «rechten» Politik oft so erfolgreichen Technik bedient. Er weiss die Mehrheit auf seiner Seite, tut aber so, als sei er in der Minderheit. Das erlaubt ihm, sich mit dem Glanz des Rebellischen zu schmücken. Aus spiessigem Bünzli-Rassismus wird so kühnes Heldentum.

Giacobbo macht dies mit dem Wissen, dass ihm die Mehrheit zujubelt, da er sich gegen die Humorpolizei auflehnt und sich den Mund nicht verbieten lässt. Uns wurden in den Tagen, nachdem wir gegen das SRF Klage eingereicht hatten, nicht nur Hass-E-Mails zugeschickt, sondern auch viel Zuspruch. Das zeigt: Nicht nur wir halten es für untragbar, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen die verpönte Technik des Blackfacing 2013 vorführt, wenn sich Birgit Steinegger das Gesicht schwarz anmalt.

Von der Rechten distanziert

Bereits 2011 zeigten Wissenschaftler im Rahmen einer Nationalfonds-Studie auf, dass «in (links)bürgerlichen Kreisen Rassismus oft als Irrationalität des Volkes konstruiert wird, die vom Rechtspopulismus geschürt und ausgenützt wird. Dadurch vergewissert sich die (links)bürgerliche Mitte einer kosmopolitischen Überlegenheit und entledigt sich des Verdachtes auf Rassismus.» Die Studie argumentierte ebenfalls anhand eines Blackfacing in der Sendung «Giacobbo/Müller».

Die These: Über Comedy-Plattformen distanziere sich diese bürgerliche Comedian-Mitte (zu der Viktor Giacobbo gehört) von der neuen Rechten, versichere sich aber mit den rassistischen Sketchs wie Blackfacing einer nationalen Identität.

Unsere Erkenntnisse dieser Tage decken sich mit den Thesen der Studie: Die Comedy-Bühnen sind für die Schweizerinnen und Schweizer im 21. Jahrhundert offenbar die neuen nationalen Kultstätten. Hier vergewissern sich die Schweizerinnen und Schweizer, die sich aufgrund von Migrationsbewegungen nicht mehr gewiss sind, wer sie überhaupt sind, ihrer nationalen Identität.

Nationalistische Raserei

So wird auch die kollektive Raserei nachvollziehbar, die sich in diesen Tagen gegen unsere Kritik am SRF-Blackfacing entfacht: Das werden «wir Schweizer» wohl noch dürfen! Diese Haltung wird von Giacobbo – quotenbewusst und schlau – reproduziert, im Sinne dieser identitätsstiftenden Comedy. So beschwört er auch das Bild einer Zensur herauf: Neger? Verboten!

Eigentlich wird aber etwas ganz anderes zensiert, vom Staatssender und seinen Komikern selber: der bessere, nicht rassistische Witz. Zensiert wird konkret das Bild einer dunkelhäutigen Frau, die nicht wie Steineggers Figur im Taschengeschäft nur «Ugugu» spricht, sondern wie Oprah Winfrey über die Mittel verfügt, neben einer anständigen Handtasche auch den Staatsbetrieb SRF zu kaufen. Und die über genügend Witz und Intelligenz verfügt, ihn erfolgreicher zu leiten, als dies derzeit der Fall ist.

Das Schweizer Volk, das sich noch nie irgendeiner historischen Schuld bewusst war und sich angeblich über die angemalte Frau Steinegger amüsiert, verdeckt mit seinem Gegröle vielleicht auch ein Weinen über fehlende Gestaltungsräume. Ein Weinen über die nicht vorhandenen Möglichkeiten, überhaupt etwas anderes sein zu dürfen als dümmliche White-Trash-Käseschweizer, die so gerne mit rassistischen Stereotypen unterhalten werden. Es wird gelacht über die, die sozial schlechter stehen oder über die «Mächtigen». Und so schliessen sich die Reihen derer, die nie Zielscheibe dieses Humors sind. Selbstironie wäre heilsam, nicht aber der Zorn – und schon gar nicht, anderen Humorlosigkeit vorzuwerfen.

*Die Theaterschaffenden Samuel Schwarz und Raphael Urweider haben das SRF wegen eines Sketchs von Birgit Steinegger eingeklagt.

Erstellt: 22.01.2014, 09:08 Uhr

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