Interview

«Sein Einfluss auf Hitler schwankte»

Am Donnerstag sind Tagebücher des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg aufgetaucht: Historiker und Biograph Ernst Piper erklärt, was sie aussagen könnten und welche Rolle Rosenberg im Nazi-Regime hatte.

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Herr Piper, können Sie eine Fälschung der Tagebücher ausschliessen?
Absolut ausschliessen kann ich eine Fälschung nicht, weil ich die Dokumente noch nicht mit eigenen Augen gesehen habe. Die Wahrscheinlichkeit einer Fälschung ist aber aus mehreren Gründen überwältigend klein: Die Existenz der Tagebücher von Alfred Rosenberg war immer bekannt. Sie lagen 1945 an den Nürnberger Prozessen vor und in den 1950er-Jahren wurden Teile davon veröffentlicht, und deren Echtheit ist unbestritten. Überdies sind die Wissenschaftler des amerikanischen Holocaust-Museums absolut vertrauenswürdig und die Aufnahmen, die ich im Internet gesehen habe, lassen mich an der Authentizität der Dokumente in keiner Weise zweifeln.

Welche Erkenntnisse darf man sich vom Fund erhoffen?
Meine Erwartungen sind eher bescheiden. Das bekannte und sehr gut dokumentierte Bild, das wir von Rosenberg bereits heute haben, dürfte an einigen Stellen geschärft werden. Die Quellenlage war aber bereits vor der Entdeckung der Tagebücher sehr gut, weil Rosenberg ja ständig Pamphlete, Artikel, Briefe, Protokolle und Notizen verfasst hat. Völlig neue Erkenntnisse sind daher kaum zu erwarten.

Wo genau könnte das Bild noch geschärft werden?
Interessant könnten vor allem die letzten Jahre sein, in denen Rosenberg in den Holocaust involviert war. Ergänzende Informationen könnten die Tagebücher auch über das Verhältnis zwischen Rosenberg und Hitler liefern, wobei das Hitler-Zitat «Rosenberg, jetzt ist Ihre grosse Stunde gekommen!», das Hitler zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion geäussert hat und das seit gestern mit den präsentierten Tagebüchern in Verbindung gebracht wird, schon seit Jahrzehnten bekannt ist.

Welche Rolle hatte Rosenberg während des Holocaust inne?
Er war seit 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, sein Machtgebiet umfasste also die der Zivilverwaltung übergebenen Gebiete östlich von Polen: das Baltikum, Weissrussland und die Ukraine. Als solcher war er nicht für die Ermordung der Juden zuständig, die in die Kompetenz von Heinrich Himmler und der SS fiel, aber Rosenbergs Ministerium war etwa damit befasst, wer «eingedeutscht» werden konnte, wer Jude war und es war auch von der Rekrutierung der Zwangsarbeiter tangiert. Die Besatzungsverwaltung war ein mächtiger Bürokratieapparat, der allerdings Rosenbergs Pläne glücklicherweise nur in Bruchteilen zu realisieren vermochte, weil der Vormarsch der deutschen Truppen ja bereits 1942 ins Stocken geriet.

Rosenberg wird häufig als Chefideologe des NS-Regimes bezeichnet, auch von Ihnen. Was ist darunter zu verstehen?
Der Einfluss Rosenbergs auf Hitler war Schwankungen unterworfen. Als sich die Nationalsozialisten zu Beginn der 1920er-Jahre zu formieren begannen, war Rosenbergs Einfluss auf Hitler wohl am grössten. Er hatte die Russische Revolution erlebt, war belesen und polyglott; er war ein Kulturantisemit, der das Judentum mit religionsgeschichtlichen und kaum mit naturwissenschaftlichen oder ökonomischen Argumenten attackierte. Er prägte schon früh das Bild vom jüdischen Bolschewismus, in dem die Börsianer von New York und die Revoluzzer von Moskau zu einem Feindbild verschmolzen. Er war zweifellos einer der wichtigsten ideologischen Wegbereiter des Holocaust. Als Autor und Herausgeber von Zeitschriften wie dem «Völkischen Beobachter» nahm er eine bedeutende publizistische Rolle ein. Nach Hitlers «Machtergreifung» gelang es ihm dann allerdings nicht, ein wichtiges Amt im Staatsapparat zu besetzen, und es zeigte sich, dass der Ideologe Rosenberg als Politiker sehr unbegabt war.

Wie zeigte sich das?
Rosenberg war nicht in der Lage, Kompromisse einzugehen und die nötigen Allianzen zu schmieden. Auch weitete er seinen Einfluss nicht eigenmächtig aus wie ein Himmler, sondern verharrte in seinem Ministerbüro, verfasste Denkschriften und wollte sich bei allen Kleinigkeiten immer vorgängig der Zustimmung Hitlers versichern, was diesem ziemlich auf die Nerven ging. Überdies war er ein schlechter Redner. Er hatte einen schweren baltischen Akzent und war vom Inhalt seiner Vorträge selbst derart überzeugt, dass er glaubte, sich nicht um die Rhetorik bemühen zu müssen. Dazu kam, dass er immer wieder gesundheitliche Probleme hatte und sich zweimal sogar für längere Zeit in ein Sanatorium begeben musste. Das alles waren schlechte Voraussetzungen, um im Wettbewerb der NS-Elite zu bestehen.

Rosenberg gelang eine Rückkehr in den inneren Kreis, als die Nazis 1941 die Sowjetunion überfielen.
Hitler machte ihn, der ja fliessend Russisch sprach, zum Minister für die besetzten Ostgebiete. Er tat das in der Überzeugung, dass Rosenberg der beste Mann dafür sei, und nicht etwa aus Mitleid, wie zuweilen behauptet wird. Rosenberg nutzte diese zweite Chance dann allerdings nicht. Er blieb in Berlin in seinem Ministerium und verfasste seine Denkschriften. Er vernachlässigte den Kontakt zu Hitler, den er 1943 zum letzten Mal zu einem persönlichen Gespräch traf.

Wie bedeutend war Rosenbergs Hauptwerk «Der Mythus des 20. Jahrhunderts»?
Diese Schrift war vor allem im sogenannten Kirchenkampf nach 1933, im Konflikt zwischen dem NS-Staat und den Kirchen, von Bedeutung. Rosenberg war nach der «Machtergreifung» als einziger prominenter Nationalsozialist aus der Kirche ausgetreten. Er war in dieser Auseinandersetzung mit seinem «Mythus» der Frontmann, wobei die meisten anderen NS-Grössen sich nicht so eindeutig positionierten. Hitler ging es zunächst um eine Erledigung des politischen Katholizismus, während Rosenberg eine grundsätzliche Abrechnung mit den Kirchen anstrebte. Als der Vatikan den «Mythus» dann auf den Index setzte, liess die NS-Führung das kommentarlos geschehen. Rosenberg war da auf sich gestellt.

Bei der Präsentation wurde behauptet, die Dokumente erlaubten einen «Blick in den Geist einer dunklen Seele» – was ist von dieser psychologischen Einschätzung zu halten?
Rosenbergs Weltsicht war in extremer Weise ideologisch geprägt. Das zeigte sich etwa, als er vor Schweizer Gerichten mit grossem Einsatz die Echtheit der erwiesenermassen gefälschten «Protokolle der Weisen von Zion» beweisen wollte. Als Ideologe fehlte ihm die Flexibilität des Politikers. Als Hitler den Ausgleich mit Italien suchte, um die aussenpolitische Isolation des Deutschen Reiches zu überwinden, hatte Rosenberg grosse Schwierigkeiten damit, zumal ihm die kleinen und dunklen Italiener viel zu ungermanisch waren. Rosenberg war nie in der Lage, seine ideologischen Grundüberzeugungen an pragmatische Überlegungen anzupassen, er war völlig auf sie fixiert.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2013, 16:19 Uhr

Ernst Piper (*1952) ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Seine Biografie «Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe» gilt als wichtigste Monografie zu Rosenberg.

Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. 544 Seiten, zirka 35 Franken, ISBN 978-3-89667-148-6. Oktober 2005.

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