Seine Freiheit war die Präzision

Zum Tod von Nico, dem legendären früheren Karikaturisten des «Tages-Anzeigers».

TA-Karikaturist Felix Schaad zum Tod von Ex-TA-Karikaturist Nico.

TA-Karikaturist Felix Schaad zum Tod von Ex-TA-Karikaturist Nico.

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Oft kamen Leserbriefe zu Nicos Karikaturen – böse Briefe. Was Nico sich wieder geleistet habe, gehe auf keine Kuhhaut. Das stimmte ja: Auf eine Kuhhaut ging es nicht, dafür auf die erste Seite des «Tages-Anzeigers», wo Nico seinen Stammplatz hatte und seinen täglichen Leitartikel zeichnete.

Brav war er nicht, braver Humor ist ein Widerspruch in sich. Liebenswürdig war er auch, und das ist kein Widerspruch. Seine Karikaturen schwankten zwischen Bosheit und Zuneigung. Der Meister brachte mit wenigen Strichen alles auf den Punkt, «zur Kenntlichkeit verzerrt».

«Alle Irrwege führen nach Rom»

Nico brachte die Dinge nicht nur auf den Punkt, sondern auf den Doppelpunkt – dieser Zeichner war ein ebenso begabter Wortspieler. Zum Beispiel längst vor dem UBS-Debakel: «Das grösste Bankgeheimnis ist, warum Ospel so viele Millionen erhält.» Die Bildlegenden scharfzüngig, die Karikaturen scharfsinnig, bei Nico verwischte die Grenze zwischen Bild und Wort.

Selbst die erbosten Leserbriefschreiber fanden, Nico sei begnadet. Allerdings wollten sie ihm Grenzen setzen: Er sei zu weit gegangen. Sie wünschten sich einen Narren ohne Narrenfreiheit. Seine Freiheit aber war die Präzision. Humoristen müssten genauer sein als Mathematiker, meinte er: Entweder lachen die Menschen, oder nicht.

Weder Nicos pausenlos aufeinanderfolgende Chefredaktoren noch die Drucker des «Tages-Anzeigers» hatten zu lachen, er setzte sie auf die Geduldsprobe. Eine Nico-Karikatur traf im besten Fall 15 Sekunden vor Redaktionsschluss ein. Aber sie kam, wie das Amen in der Kirche. Nur dass er die Kirche nicht mochte: «Alle Irrwege führen nach Rom.»

«Mit Haut und Haar Schweizer geworden war, danach auch ohne Haar»

Hatte der Chefredaktor wieder eine Lohnerhöhung verweigert – Nico war seit langem weitaus bestbezahltes Mitglied der Redaktion –, rächte er sich mit einer Papst-Karikatur, die so gut war, dass es gotteslästerlich gewesen wäre, sie abzulehnen. Nico wusste: Das wird dem knauserigen Chefredaktor wochenlangen Ärger eintragen, Protestbriefe ohne Ende. Und nächstes Mal wird die nächste Lohnerhöhung bewilligt. Der Listige sagte nichts, sein Katzenblick sagte alles.

Was war hinter den Schlitzaugen? Sowohl ein Schlitzohr als auch ein ewiger, selbstironischer Idealist. «So verkaufe ich einem Freund und Kapitalisten (er meinte den «Tages-Anzeiger»-Verleger Hans Heinrich Coninx) meine Arbeitskraft, aber nicht meine Seele. Die habe ich bereits dem Teufel verkauft.» Ist es doch das Privileg seines Metiers, über die Schnur oder unter die Gürtellinie hauen zu dürfen, selbst aber verletzlich zu bleiben.

Eine Wunde schlug nach 37 Jahren der Abschied vom «Tages-Anzeiger». Der Nomade, der mit 17 aus Hannover nach Luzern gezogen und «mit Haut und Haar Schweizer geworden war, danach auch ohne Haar», der von Wohnung zu Wohnung zog, in Zürich, Olten, Solothurn, gern auch in Südfrankreich, weil ihm dort die vom Rheuma gepeinigten Hände weniger weh taten, der jede Wohnung aufs Schönste einrichtete und bald verliess, fand keine neue Heimat. Klaus Peter Cadsky ist am vergangenen Freitag in Solothurn gestorben. Sein Herz versagte, noch bevor – das war des grossen Zeichners grösste Angst – es seine geplagten Hände taten.

Der Autor war von 1992 bis 1997 Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2011, 07:54 Uhr

Er setzte Chefredaktoren und Drucker auf die Geduldsprobe: Eine Nico-Karikatur traf im besten Fall 15 Sekunden vor Redaktionsschluss ein, aber sie kam wie das Amen in der Kirche. (Bild: Keystone )

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