Kommentar

Sexistische Raumdiebe

In England ist ein Streit über die Körperhaltung der Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln entbrannt. Auslöser war «Game of Thrones»-Star Richard Madden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kein Tag ohne Genderdebatte. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen es sich zum Ziel gemacht haben, andere darüber aufzuklären, warum der Unterschied zwischen Mann und Frau nur ein soziales Konstrukt ist. Der neuste Beitrag kommt von der englischen Journalistin Barbara Ellen. In der Wochenzeitung «The Observer» beklagt sie sich über Männer, die öffentlich mit gespreizten Beinen herumlümmeln. Anlass war der Schauspieler Richard Madden («Game of Thrones»), der in der Londoner U-Bahn besagte Pose einnahm und dabei fotografiert worden ist. Danach wurde er von einer TV-Journalistin darauf angesprochen.

Ellen betont, nichts gegen Madden zu haben, aber seine Pose sei typisch für ein problematisches männliches Verhaltensmuster: Die Vereinnahmung von öffentlichem Raum. Besonders im öffentlichen Verkehr sei dies störend. Untermauernd verwies Ellen auf eine Internetsite, wo das schändliche Verhalten solcher Männer per Fotos belegt wird.

Der Artikel löste bei Männern viele empörte Reaktionen aus, wobei sich im Protestgeheul zwei Gruppen herauskristallisierten. Die einen klären Ellen über die männliche Anatomie auf – besonders gut bestückte Geschlechtsgenossen bereite es Schmerzen, mit übergeschlagenen Beinen in der U-Bahn zu sitzen. Ellen solle sich zur Veranschaulichung das nächste Mal im Bus eine Grapefruit in die Hose stecken. Die anderen wittern ebenfalls eine körperliche Diskriminierung – allerdings auf die Körpergrösse bezogen. Männer seien nun mal grösser als Frauen, ihre Beinfreiheit sei stärker eingeschränkt, was besagte fläzende Sitzhaltungen nach sich ziehe. So gesehen, argumentieren sie, müsste Ellen auch fettleibige Menschen ermahnen.

Aggressive Anmache

Davon will die Journalistin aber nichts wissen. Schliesslich könnten auch Frauen mit dem Hinweis auf Candidiasis oder Blasenentzündung ihre Beine gespreizt halten – was sie aber nicht tun, weil sie den begrenzten Raum in öffentlichen Verkehrsmitteln respektierten. Und Ellen legt nach: Der Raumanspruch der Männer führe manchmal zu einem noch viel schlimmeren Verhalten, zum Beispiel zur aggressiven Anmache.

Spätestens als Ellen erwähnte, dass Madden nicht nur durch die gespreizten Beine, sondern durch einen «phallisch wirkenden» Regenschirm auffällt, bemühten Leser Sigmund Freud und bezichtigten sie des Penisneids. Das ist natürlich genauso zweifelhaft, wie Ellens Theorie von sexistischen Raumdieben. Schliesslich nehmen solche Männer nicht nur Frauen den Platz weg, sondern männlichen Fahrgästen ebenfalls. Wollte man aber auf der Genderschiene bleiben, könnte man sich die Frage stellen, ob Frauen im Namen der Gleichberechtigung und Ermächtigung in Trams und Zügen auch die Beine gespreizt halten sollten. Aber vielleicht ist es besser, hier auf die gute, alte Etikette zu verweisen: Manche Alltagssituationen erfordern schlicht und einfach Rücksicht, keine Genderdebatten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2013, 16:12 Uhr

Der Tumblr

Auf dem Tumblr mit dem Namen Men Taking Up Too Much Space On The Train sind andere «Beweisbilder» versammelt.

Artikel zum Thema

Gender-Kitsch im Wahlkampf

Blog Politblog Braucht es tatsächlich mehr Frauen im Parlament? Das sonderbare Geschlechterverständnis einiger Politikerinnen lässt einen daran zweifeln. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Sie sind nun keine Kinder mehr: Junge Erwachsene nehmen an einer traditionellen Zeremonie in Seoul teil, bei der sie den Übertritt in ihr 19. Lebensjahr feiern. Sie dürfen nun ihre eigenen Lebensentscheidungen fällen, wählen gehen und Alkohol trinken. (20. Mai 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...