Meinung

Sie nennen uns Spiesser, wir sie Kleingeister

Grillieren ist weder spiessig noch archaisch – sondern eine ehrliche Sache.

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Obwohl erst Anfang Mai, erwarten uns am Wochenende Sommertemperaturen. Dann schlägt unsere Stunde, die Stunde der Griller. Von Balkonen und Gärten macht sich der herbe Geruch von Kohle bemerkbar. Lustig züngeln die Flammen des Picknickfeuers. Kinder spitzen Grillspiesse zu.

Eine friedliche Sache – und doch muss sich der Grill-Fan immer wieder verteidigen. Spiesser nennen sie uns und zeigen mit dem Finger auf unsere Kugelgrille. Dabei trägt das Spiessertum längst ein neues Gewand. Freitagtaschen zum Beispiel oder übergrosse Sonnenbrillen. Item. Sollen sie ihre Sushis rollen oder in Szenebeizen ein Modegetränk schlürfen und sich dabei mondän vorkommen.

Tatsächlich ist natürlich Grillen mondän – die ganze Welt macht es, Amerikaner, Argentinier, Afrikaner. Und in Peking tut man es am Strassenrand mit Hundefleisch-Sticks, was übrigens äusserst würzig ist. Vielleicht wegen des Smogs, der sich mit dem Kohlenrauch mischt. Ja, das ist ungesund. Aber beim Grillen wird kein Fett hinzugegeben, was die Gesundheitsbilanz ja wieder ins Lot bringt.

Die Frauenfrage

Die grillenden Vorfahren werden notabene auch von den Grill-Gegnern ins Feld geführt. Unsere Freude am Grillen, sagen sie, sei ein primitives Überbleibsel aus Höhlenbewohner-Zeiten, das bezeichnenderweise von Männern ausgeübt wird. Wir sagen: Richtig, wenigstens am Grill darf man noch ein Mann sein. Sowieso: Es ist doch wie beim Metzger, jemand muss die Drecksarbeit machen (zur fertigen Grillplatte sagen die Frauen übrigens nicht nein).

Aber zurück zum Rauch. Grillieren stinkt, hört man immer wieder. Der Rauch, von Grill-Muffeln abschätzig «Qualm» genannt, sei eine Belästigung für Augen und Nase. Sind sie neidisch auf das Fest von anderen? Nein, bloss lustfeindlich. Darum wird mancherorts allen Ernstes ein Grillstopp für Balkone und Parks erhoben. Ja, wenn sie Verbote fordern können, sind sie glücklich. Sie nennen uns Spiesser, wir nennen sie Kleingeister.

Doch dies soll nicht nur eine Verteidigungsschrift fürs Grillieren sein, sondern auch eine Ode ans Gegrillte. Ich persönlich bin zwar kein tantrischer Griller, der stundenlang am gasbetriebenen Umluft-Grill steht und seine lukullischen Heldentaten mit proustscher Genauigkeit in Erinnerung behält. An meinem Kugelgrill fehlt ein Rädchen, der Rost hat schon bessere Tage gesehen. Er ist eigentlich mehr Mülltonne als Grill. Doch das ist egal. Keine Wagyu-Steaks muss er produzieren, sondern knackige Bratwürste und ehrliche Cervelats. Dazu ein Bier und ein paar Freunde – schon ist der Moment da, auf den man einen Winter lang gewartet hat. Und dann, zu später Stunde, wenn der Magen voll, der Schritt wacklig und die Zunge schwer ist, dann zeigt sich die grosse Überlegenheit des Grillens: Es entfällt der Abwasch.

Gestern erschien unser Anti-Grill-Artikel. Nehmen Sie unten an der Debatte teil.

Erstellt: 06.05.2011, 11:48 Uhr

Fehlt bloss ein Bier: Gegrillte Cervelats.

Kleine Serie

  • Donnerstag, 5. Mai: «Grillieren ist doof»

  • Freitag, 6. Mai: Die Replik des Grillfans

  • Samstag, 7. Mai: «Der wahre Grilleur grilliert mit Gas»

  • Montag, 9. Mai: Die besten Leserkommentare

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