Analyse

Singles stehen alleine da

Sie sind mit allerhand Vorurteilen konfrontiert, aber ihr Geld nimmt man gerne: Alleinstehende zahlen deutlich mehr für die Allgemeinheit – im Gegensatz zur Familie fehlt ihnen die Lobby.

Zwang zur Suche nach Mister Right? Eine Frau betrachtet in Paris bei einer Aktion einer Datingseite ausgestellte Single-Männer.

Zwang zur Suche nach Mister Right? Eine Frau betrachtet in Paris bei einer Aktion einer Datingseite ausgestellte Single-Männer. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind viele, und sie werden immer mehr. Die Einpersonenhaushalte, wie sie in den Statistiken genannt werden, machen seit den 90er-Jahren den grössten Anteil der Haushalte in der Schweiz aus. Im Jahr 2010 betrug er im Kanton Basel-Stadt rund 50 Prozent, in Genf 45 Prozent und in Zürich 41 Prozent; schweizweit sind es 1,3 Millionen, und für 2030 rechnet das Bundesamt für Statistik mit einem Anteil von 1,6 Millionen. Wie viele der allein lebenden Personen wirklich ungebunden sind, kann dabei nicht ermittelt werden; in Deutschland gehen Soziologen davon aus, dass ein Drittel der Alleinlebenden liiert ist, «living apart together» nennt man das neudeutsch.

Die Alleinstehenden sind also nicht die kuriose Minderheit, als die sie gerne dargestellt werden. Unbeeindruckt von der Realität und einer Scheidungsquote von über 40 Prozent, wird aber auch 2013 nach wie vor das klassische Modell propagiert – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Werbung. Kaum ein Grossverteiler oder eine Bank, die nicht mit einer glückstrahlenden Jungfamilie ihre Produkte anpreist. Familie ist gut, Familie ist richtig.

«Allein, aber trotzdem supernett»

Sylvia Locher ärgert das. Sie ist Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Frauen und Männer (AUF), die sich als einzige Organisation der Schweiz für die Anliegen der Alleinstehenden einsetzt, denn während fast jede Gruppierung eine Lobby hat, gilt dies nicht für Singles. Politikerinnen und Politiker bestätigen Sylvia Locher zwar unter vier Augen stets, wie recht sie mit ihren Anliegen und Argumenten habe, aber zuerst müssten sie halt schon die Familien vertreten. Das erstaunt Locher nicht. Sie kennt all die Vorurteile gegenüber den ledigen Kinderlosen, die Bemerkungen wie «sie ist schon seit Jahren allein, aber trotzdem supernett» oder «du wirst auch mal noch heiraten», was sie sich mit 57 immer mal wieder anhören muss. Sie sagt: «Ich wünschte mir, dass das Single-Sein als vollwertige Lebensform akzeptiert wird.»

Wobei sich die Wahrnehmung von alleinstehenden Frauen und Männern deutlich unterscheidet. Den Frauen gegenüber dominiert das Mitleid. Erst recht, wenn sie die 40 überschritten haben, weil dann auch der Zug mit der Fortpflanzung abgefahren ist und eine normale Frau doch für den Rest ihres Lebens unzufrieden und frustriert sein muss. Männer hingegen werden als einsame Wölfe bewundert, die tun und lassen können, was sie wollen. Trotzdem sagt Sylvia Locher: «Ein verheirateter Mann, der komisch ist, ist einfach komisch. Ein alleinstehender Mann, der komisch ist, gilt als komisch, weil er alleinstehend ist.»

Millionen dank Single-Zuschlag<

Die Wahrnehmung ist das eine. Das andere sind die konkreten Benachteiligungen, vor allem finanzieller Natur. Alleinstehende bezahlen im Laufe ihres Lebens wesentlich mehr an Geldern ein, als sie je beziehen. Die Gründe dafür sind oft nicht einsichtig. Bis vor zwei Jahren etwa bezahlte jede alleinstehende Person bei einem Spitalaufenthalt einen Zuschlag von 10 Franken pro Tag, eine Regelung, die ausschliesslich für allein lebende Personen galt.

Die Begründung dafür mutet absurd an, wurde jedoch vom Bundesgericht bestätigt: Im Unterschied zu einem Patienten aus einem Mehrpersonenhaushalt könne die allein lebende Person während eines Spitalaufenthalts Geld sparen. Von 1996 bis 2010 kamen so ganze 700 Millionen Franken zusammen. Im Oktober 2010 machte Bundesrat Didier Burkhalter mit dieser Ungleichbehandlung Schluss – jetzt bezahlen alle Erwachsenen, ungeachtet ihrer Wohnsituation, 15 Franken pro Tag.

Politikerinnen und Politiker fanden dies allerdings ungehörig, denn sie haben ein Thema, bei dem sie sich einig sind: die Familie. Die Familie ist gut. Die Familie muss man fördern. Die Familie muss man unterstützen. Wer nicht biologisch oder moralisch argumentiert, wirft ins Feld, dass man junge Menschen unbedingt dazu bringen müsste, sich fortzupflanzen, weil die Rentensicherung davon abhänge.

Ganz abgesehen davon, dass sich auf heikles Terrain begibt, wer die Bürger eines Staates aufgrund ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit bemisst, ist das schlicht nicht richtig. Berechnungen des Staatssekretariats für Wirtschaft sowie eine Studie der Universität Freiburg haben ergeben, dass ein Kind die Allgemeinheit 160'000 Franken mehr kostet, als es im Verlauf seines Lebens einbringt. Das Argument, Familien seien steuerlich zu entlasten, weil sie etwas für die Wohlfahrt der Gesellschaft beisteuerten, entbehrt demnach jeglicher Grundlage. Dennoch hält es sich hartnäckig. So sehr, dass Familien immer wieder von allen möglichen Vergünstigungen profitieren, welche sie ausgerechnet jenen verdanken, denen gerne vorgeworfen wird, egoistisch zu sein: den Alleinstehenden. Denn die werden richtig zur Kasse gebeten.

Sylvia Locher formuliert es so: «Heutzutage begründet das Heiraten immer noch einen automatischen Anspruch auf Leistung. Eine Frau, die heiratet, ist finanziell gut abgesichert. Einfach aus der Tatsache heraus, dass sie geheiratet hat, erwachsen ihr unzählige Ansprüche, auch im Fall einer Scheidung.»

Locher fordert ein System, das Frauen und Männer unabhängig voneinander stützt – und nicht automatisch die Ehe unterstützt. Sie begrüsst es, dass die Witwenrente für verheiratete Frauen ohne Kinder abgeschafft werden soll. Denn auch da sind die Unterschiede gross: 49 Prozent aller Witwen erhalten (dank ihres verstorbenen Gatten) die maximale AHV-Rente, bei den ledigen Frauen sind es nur gerade 13 Prozent, obwohl die meisten von ihnen, im Unterschied zu den Witwen, stets voll berufstätig waren. Der Grund: Die Renten lediger Frauen basieren allein auf den tieferen Frauenlöhnen. Eine Frau, die verheiratet war, fährt also im Moment noch in den meisten Fällen besser als eine Frau, die stets allein für sich gesorgt hat.

Und während Ehepaare untereinander steuerfrei weitervererben können, wird die Erbschaft von ledigen, kinderlosen Personen am höchsten besteuert – in gewissen Kantonen mit bis zu 40 Prozent. Oder bei den Pensionskassen: Die laufenden Altersrenten werden unter anderem aus dem frei werdenden Kapital von kinderlosen Unverheirateten finanziert, wenn diese vor Erreichen des Rentenalters sterben. Genauso häufig die Benachteiligung im Alltag: Wohnungen in dieser Grössenordnung sind proportional teurer und die Nebenkosten eines Mehrparteienhauses werden aufgrund der Anzahl Wohnungen berechnet – nicht aufgrund der Anzahl Personen, die darin leben. Ähnlich verhält es sich mit den Billag-Gebühren: Die sind für eine Familie mit zwei Fernsehern und drei Radiogeräten genau gleich hoch wie für einen Single.

Einzig «richtige» Lebensform

Man rechnet also mit den Alleinstehenden, man rechnet vor allem mit ihrem Geld, diskriminiert aber gleichzeitig ihre Lebensform. Man missbilligt sie, weil sie nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, und dafür sollen sie bezahlen. Sylvia Locher geht es bei ihrem Engagement nicht darum, gegen die Familie anzutreten. «Wir sind nicht Anti- Familie», betont sie, «aber wir wehren uns dagegen, dass es eine ‹richtige› Lebensform gibt, die als unterstützungswürdig gilt.» Die Politik beschäftige sich seit Jahren damit, wie sie gut verdienende Familien bei der Kinderbetreuung unterstützen könne. «Aber es interessiert niemanden, wie sich eine alleinstehende Verkäuferin durchschlägt.»

Die im Mai zur Abstimmung stehende Familieninitiative der SVP lehnt die Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Frauen und Männer deshalb genauso ab wie den Anfang März knapp verworfenen Familienartikel. Locher fragt rhetorisch: «Ich verdiene seit über 30 Jahren meinen Lebensunterhalt selber, habe meine Zweitausbildung selbst finanziert, muss für meine Rente vorsorgen und erledige daneben noch den Haushalt. Soll ich jetzt vom Staat auch Geld verlangen dürfen für eine Putzfrau?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2013, 06:37 Uhr

Artikel zum Thema

Frau am Hals

Von mutigen Paaren und erfolgreichen Singles: Die eindrücklichsten Bilder der vergangenen Sportwoche. Mehr...

Die Single-Initiative

Hintergrund Frauen, Väter, Schwule und Lesben, Schwarze, Behinderte: Alle haben eine Lobby. Nur Singles nicht, obwohl sie oft stark benachteiligt sind. Das soll sich jetzt ändern. Mehr...

Ruhiges Familienleben?

Mamablog Mamablog Wenn Singles über Familie und Kinder sprechen, fallen oft Phrasen wie «zur Ruhe kommen» oder «Ende der Rastlosigkeit». Zeit für etwas Ehrlichkeit. Ein Papablog. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Welttheater Big Ben verstummt
Blog Mag Das Auto, dein Partner
Mamablog Kinder beschimpfen

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Absprung auf Befehl: Ein amerikanischer Marinesoldat verlässt sich auf seinen Fallschirm während einer länderübergreifenden militärischen Übung mit der japanischen Northern Viper 17 auf der Nordinsel von Hokkaido, Japan. (15. August 2017)
(Bild: Toru Hanai) Mehr...