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So unbeschreiblich weiblich

Was einst erotische Unterhaltung für den einfachen Mann war, ist als New Burlesque zur weiblichen Subkultur geworden.

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Die blonde Frau lächelt kokett über die Schulter, ehe sie den riesigen Ballon in ihren Händen aufreisst und ruckartig den Kopf hineinsteckt. Man erwartet einen Knall, doch der Ballon hält. Wie ein gigantischer Kopf sitzt er auf dem Körper der Frau, die sich zu den Klängen von «Moon River» wiegt. Sie lässt das halbtransparente Glitzerkleid an sich herabgleiten, schlüpft noch weiter in die Gummihülle, tanzt nun als langbeiniger Ball über die Bühne. Schliesslich verschwindet sie ganz in der perlmuttfarben schimmernden Blase, der Song gelangt ans Ende, Julie Atlas Muz streckt sich und – peng – steht mit triumphal erhobenen Armen im Stringtanga zwischen den Ballonfetzen.

Die zwischen sinnlich und grotesk changierende Darbietung ist in «Tournée» zu sehen, Mathieu Amalrics Roadmovie über eine Burlesque-Truppe, verkörpert von Dirty Martini und anderen Stars der Szene. Ob im Arthouse-Kino, im Hollywood-Musical oder jüngst auch live im Plaza, Zürichs neustem Club: New Burlesque, im angelsächsischen Raum schon seit der Jahrtausendwende prominent, erhebt in diesem Winter auch hierzulande unübersehbar sein strassfunkelndes Haupt.

Revival in den 90ern

Bemerkenswert daran: War der Burlesque-Tanz einst das erotische Vergnügen des einfachen Mannes, ist sein Revival nun eine genuin weibliche Subkultur. Freilich war Burlesque in den Anfängen ein Genre, in dem Frauen buchstäblich die Hosen anhatten. Lydia Thompson brachte es 1868 mit ihren «British Blondes» in die USA. Die britischen Blondinen trugen für die damalige Zeit gewagte Kostüme, spielten in ihren Theater- und Opernparodien auch Männerrollen, führten satirische Reden und spotteten über die Reichen und Mächtigen. Im Lauf der Jahrzehnte verlor Burlesque den satirischen Witz – und die Tänzerinnen immer mehr von ihrer Bekleidung.

Beim zweiten Burlesque-Boom in der Depressionsära um 1930 hatte das Genre seine klassische Form gefunden als lasziver Striptease, bei dem alle Hüllen fallen durften, bis auf einen String und den Hütchen über den Brustwarzen, den sogenannten Pasties. Nach den 50ern wars dann vorbei; in Zeiten der sexuellen Revolution und der modernen Sexindustrie stellten Pasties mit rotierbaren Quasten eine hoffnungslos verstaubte Erotik dar.

Heute sind die Tänzerinnen ihr eigenes Produkt

Erst in den 90ern machten ganz unterschiedliche Frauen Burlesque zur glamouröseren, übergeschnappten Schwester von Comedy, Zirkus und Performance-Kunst: tätowierte Rockabilly-Chicks und Pin-up-Fans, Fetischistinnen und Swing-Enthusiastinnen, Cirque-Nouveau-Artistinnen und Künstlerinnen wie auch Stripperinnen, die des Table Dance überdrüssig waren. Entsprechend vielfältig sind Formen und Effekte. Da ist Dita Von Teese, die berühmteste Burlesque-Queen unserer Tage, die, göttinnengleich, über und über mit Strass bedeckt ihre eleganten Vorführungen zelebriert; ihre Martiniglas-Nummer hat längst Ikonenstatus. Da sind Dragkings wie Ernie von Schmaltz, der mit seiner schmerbäuchigen James-Bond-Parodie spielend Quentin Crisps Behauptung widerlegt, als Männer verkleidete Frauen könnten nie so lachhaft wirken wie als Frauen verkleidete Männer. Und es gibt Zirkusartistik und Erschreckendes mit Messern, Nadeln und (nicht nur künstlichem) Blut.

Anders als bei ihren Vorläuferinnen wie der Schweizerin Syra Marty sind die bunten Künstlernamen und Kunstfiguren der heutigen Burlesque-Tänzerinnen ihr eigenes Produkt. «Das ist unsere Show», erinnern die Frauen in «Tournée» ständig ihren Impresario, wenn der sich einmischen will.

Jede Frau kann sich sexy fühlen

Im ausverkauften Zürcher Plaza ist das weibliche Publikum leicht in der Überzahl und deutlich lauter, wenn auf der Bühne ein Korsett oder Federumhang abgestreift wird. «Es ist verführerisch, aber nicht schmuddelig», sagt eine Zuschauerin und schwärmt vom glamourösen Look früherer Zeiten. Tatsächlich scheinen sich die Burlesque-Tänzerinnen gesagt zu haben: Warum den ganzen Spass den Dragqueens überlassen? Hier erobern sie sich die Attribute verflossener Weiblichkeit zurück.

Wie sehr dies einem Bedürfnis entspricht, zeigt sich daran, dass es mittlerweile Burlesque-Kurse gibt. Uli Nieding unterrichtet in ihrem Zürcher Tanzstudio Frauen im Alter zwischen 20 und 60. «Burlesque», sagt sie, «ist eine Möglichkeit, die weibliche Seite wiederzuentdecken, die Lust, sich schön zu machen, seinen Körper anders wahrzunehmen.» Die Deutsche, die auch in Musicals auftritt, findet das dort vorherrschende Stereotyp von superschlanken Frauen manchmal extrem bedrückend: «Und das ist das Schöne an Burlesque, dass sich jede Frau sexy fühlen und in ihrem Körper wohlfühlen kann, unabhängig von Grösse und Gewicht.»

Rollenklischees ironisieren

Die ausladenden Figuren von Tänzerinnen wie Dirty Martini haben bewirkt, dass jung-feministische Magazine wie «Bust» oder «Bitch» New Burlesque als emanzipatorische Errungenschaft feiern. Dabei werde nicht nur der allgegenwärtigen Ver-Pornoisierung eine positive Sinnlichkeit entgegengestellt; die übersteigerte Weiblichkeit des New Burlesque ironisiere in seiner humoristischen Spielart auch allerlei Rollenklischees. Das ist auch im Plaza zu beobachten, wenn Anna Fur Laxis im zweigeteilten Kostüm auftritt: von der einen Seite gesehen braves Mädchen in Pink, von der anderen Vamp im Leopardenmuster.

Ankunft im Mainstream

Vor Jahren noch waren Burlesque-Darstellerinnen überzeugt, ihr Metier sei zu anrüchig, um wirklich im Mainstream aufzugehen: Denn dazu, so der Tenor, müsste man den Sex rausnehmen. Mit dem Hollywood-Musical «Burlesque» scheint nun aber genau das einzutreten: Christina Aguilera und Co. zeigen in ihren Hochglanz-Massenchoreografien weder Pasties noch String. Miriam Nussbaumer, die ebenfalls Burlesque-Workshops durchführt, sieht den Film zwar als Chance, ein breiteres Publikum zu erreichen, doch die Tanznummern erinnern sie eher an Popvideos: «Alle tanzen gleich, sehen gleich aus, es wird nicht mit dem Publikum gespielt. Burlesque lebt von Individualität.»

Ein böses Zeichen: Bereits werden Burlesque-Fitness-Videos angeboten. Dirty Martini zeigt sich unbeeindruckt: «Burlesque als Mainstream? Das glaube ich erst, wenn sie Pasties bei H & M verkaufen.»

Erstellt: 22.12.2010, 07:58 Uhr

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Syra Marty auf DVD

Ausgezogen, um sich auszuziehen

Sie wurde in Amerika gefeiert und in Japan, sie tanzte in Acapulco, Wien und Paris, um 1950 erhielt sie in den europäischen Medien den Titel «die schönste Frau der Welt»: Syra Marty, geboren 1921 als Josefina Magdalena Marty, als eins von acht Kindern eines armen Innerschweizer Wirts. Syra Marty, die immer nur tanzen wollte, begann als erste Stripperin der Schweiz in Zürich, in der Langstrasse und im Niederdorf; ab 1948 kam Amerika. Privat war sie nicht an Sex interessiert. Dass ihr Manager und späterer Mann, der Artist Billy Frick, schwul war, bedeutete für sie eine grosse Erleichterung, auch, weil sie nie Kinder wollte. «Mein Körper ist zu schön, um Kinder zu bekommen», sagte sie gern.

Ihre prominenten Verehrer genoss sie trotzdem, etwa Gregory Peck, der extra zu einem ihrer Auftritte im Terrasse nach Zürich reiste. Eine wahre Medienhysterie entfachte sie 1963, als sie im Club von Jack Ruby tanzte, dem Mann, der den Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald erschoss. «Ich tanzte für den Mörder», titelte damals eine deutsche Zeitung. Heute lebt sie verarmt und einigermassen verrückt, aber glücklich in einem Häuschen in Florida. «Man kann sagen: Ich hab den Grössenwahn», sagt sie im unterhaltsamen Dokumentarfilm von Roger Bürgler. Grund dazu hat die bald 80-Jährige Legende genug. (sme)

Syra Marty – Dächli Leni Goes to Hollywood (CH 2010). 86 Minuten. Regie: Roger Bürgler. Ca. 28 Fr.

Letzte Hoffnung eines Nachtklubs: Christina Aguilera in «Burlesque». (Bild: PD)

«Tournée» und «Burlesque»

Ein Phänomen, zwei Filme

In seinem in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichneten Roadmovie «Tournée» spielt Mathieu Amalric («Quantum of Solace») den Impresario einer US-Burlesque-Truppe, die durch die französische Provinz tingelt. Der einstige TV-Produzent hält die Frauen und den einen Mann mit der Aussicht auf einen Auftritt in Paris bei der Stange – die Bühne muss er aber erst noch finden. Dass seine alten Showbiz-Kontakte ihn wie die Pest hassen, ist dabei nicht gerade hilfreich. Die semidokumentarischen Szenen vom nomadischen Leben der Show-Menschen lassen John Cassavetes’ «The Killing of a Chinese Bookie» als Vorbild erkennen. Die Dramaturgie bleibt dabei so fragmentarisch wie unser Verständnis der irrlichternden Hauptfigur, doch die formidablen Frauen sorgen für manch grosse Momente auf und hinter kleinen Bühnen.

«Burlesque» dagegen trimmt «Showgirls» auf unbedenklich für das Publikum von «High School Musical». Christina Aguilera mimt ein Landei, das mit seinem Tanz und Gesang zur letzten Hoffnung eines maroden Nachtklubs avanciert. Cher singt als Besitzerin des Schuppens eine Ballade, Stanley Tucci spielt nochmals die Stanley-Tucci-Rolle aus «The Devil Wears Prada», und die Show-Nummern sind Hochglanz-Musical-Bombast – aber wenn die Figuren nicht auf der Bühne stehen, hört man das Rascheln von vergilbtem Drehbuchpapier.(jum)

«Tournée» läuft ab 23. Dezember in Zürich im Kino Riffraff, Interview mit Mathieu Amalric morgen im «züritipp». «Burlesque» kommt am 6. Januar in die Kinos.

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