Interview

«Solche Veröffentlichungen könnten Nachahmungstäter motivieren»

Der deutsche Philosoph Detlef Horster über die sozialen Folgen von 9/11, Befürchtungen vor weit grösseren Anschlägen und den entscheidenden Faktor, wo man vor zehn Jahren von den Anschlägen erfuhr.

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Herr Horster, welche Erinnerungen haben Sie an den 11. September 2001?
Als die Anschläge von New York geschahen, war ich für eine Gastprofessur an der Universität im südafrikanischen Port Elizabeth. Ich diskutierte mit den Kollegen über das Gesehene, und dabei herrschte eine eigentümliche Sachlichkeit und überhaupt keine Aufregung.

Weshalb?
Das mag daran gelegen haben, dass al-Qaida bereits 1998 in den afrikanischen Staaten Tansania und Kenia Anschläge mit mehreren Hundert Toten auf die dortigen US-Botschaften verübt hatte. Für die Afrikaner war es also nichts Neues.

Ganz im Gegensatz für uns in Europa, die wir die Anschläge in Afrika viel weniger wahrgenommen hatten.
Genau. Als ich nämlich am nächsten Tag mit Menschen in Deutschland telefonierte, bemerkte ich mentalitätsmässig einen gravierenden Unterschied: Was ich damals rausspürte, war eine diffuse Furcht, eine «German Angst», wie sie die Engländer bezeichnen. Die rührt vielleicht aus der Naherfahrung mit zwei Willkürsystemen, den Nazis und der DDR.

Wo waren die Auswirkungen grösser, im sozialen Gefüge oder in der Psyche jedes Einzelnen?
Auf beiden Ebenen.

Traf diese Gefühlslage auch auf die Schweiz zu?
Ich ging im Oktober 2001 für meine Gastprofessur nach Zürich, und dort war das nicht so. Seit den Anschlägen war gut ein Monat vergangen, und trotzdem sprach man in der Schweiz nicht mehr so häufig darüber wie in Deutschland.

Für die Wirkung der Bilder von 9/11 war also entscheidend, wo und in welchem Umfeld wir die zum ersten Mal gesehen haben.
Auf jeden Fall. Diese Gedrücktheit habe ich in Deutschland noch nach meiner Rückkehr Ende 2002 erlebt. In der Schweiz diskutierte man damals über die Abstimmungen über die Abtreibung oder zum UNO-Beitritt.

Welche Reaktion ist adäquater – weiter zu trauern oder zur Tagesordnung überzugehen?
Mich überzeugten die Schweizer, die sagten: Wir haben noch andere politische Probleme.

Haben Sie in der Schweiz keine Spätfolgen von 9/11 entdeckt? Sind wir seither nicht misstrauischer und ängstlicher?
Ich war danach noch häufig in der Schweiz, aber so etwas habe ich nicht in der Weise wie in Deutschland feststellen können.

Gibt es soziologisch und ethisch betrachtet auch positive Folgen der Anschläge von New York?
Es gibt seither sicher eine grössere Aufmerksamkeit dafür, was in der unmittelbaren Nachbarschaft passiert. Aus den Niederlanden kenne ich dieses Phänomen schon von früher: Als ich Ende der 1970er-Jahre bei einem Holländer am Frühstückstisch sass, schaute der auf die Uhr und sagte, dass der Nachbar schon vor fünf Minuten am Haus hätte vorbeigehen müssen. Als er nach zehn Minuten immer noch nicht vorüberging, schaute mein holländischer Kollege nach. Und tatsächlich lag der Nachbar mit einem Herzinfarkt in der Garage. Nur durch diese Aufmerksamkeit überlebte er.

Ein positives Beispiel, aber …
… gewiss hat diese Aufmerksamkeit auch eine andere, negative Seite: die soziale Kontrolle.

Gibt es für Sie Lehren aus 9/11?
Die Anschläge richteten sich gegen die entartete und entfremdete Gesellschaft des Westens – das kann man im Testament des Attentäters Mohammed Atta nachlesen. Einen solchen Protest kann man nicht einfach per Brief an «Die Gesellschaft» adressieren – der käme als unzustellbar zurück.

Was waren die Folgen?
Die Terroristen mussten etwas machen, wodurch sie hohe Aufmerksamkeit erreichten – sie gingen deshalb eine Koalition mit den Medien ein. Die Kollateralschäden waren also beabsichtigt, damit die Presse berichtete.

Was heisst das für die Zukunft?
Die Terroristen können nur dann nochmals Aufmerksamkeit erregen, wenn sie das steigern, was 9/11 angerichtet hat. So ein Twin-Tower-Anschlag bringt ihnen nicht mehr die beabsichtigte Aufmerksamkeit.

Was befürchten Sie denn?
Wenn die Terroristen zum Beispiel das Trinkwasser einer Grossstadt vergiften, dann gibt es nicht ein paar Tausend, sondern Millionen Tote. Mir fehlt die Fantasie für weitere Beispiele, den Terroristen aber leider nicht.

Sie haben vorhin die Medien als Koalitionspartner der Terroristen bezeichnet. Wie können Zeitungen, Radio und Fernsehen sich aus der Geiselhaft nehmen?
Die Medien müssen natürlich über solche Anschläge berichten – das sind sie schon den Opfern schuldig –, aber sie sollten sich hüten, die Botschaften der Terroristen zu verbreiten. Solche Veröffentlichungen könnten Nachahmungstäter motivieren.

Aber wenn die Motive hinter der Tat nicht offengelegt werden, dann entstehen sehr schnell Verschwörungstheorien.
Es reicht nur schon, wenn man wie im Fall des norwegischen Attentäters Breivik sagt, der ist ein Einzeltäter. Dann ist jede Verschwörungstheorie vom Tisch.

Glauben Sie, das reicht?
Gut, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – mit kuriosen Geschichten muss man immer rechnen. Früher waren die Menschen etwas bescheidener – die haben Märchen erfunden. Heute im Internetzeitalter erzeugt man Aufmerksamkeit, indem man eine kaum glaubhafte Geschichte verbreitet. Wenn man auf dem Boden der Realität bleibt, hört niemand zu.

Es geht also nur darum, Aufmerksamkeit zu erheischen?
Genau. Es sind diese von Andy Warhol proklamierten 15 Minuten Berühmtheit, die jeder anstrebt.

Wie werden wir den 20. Jahrestag der Anschläge von 9/11 begehen?
Das kommt darauf an, was wir in der Zwischenzeit erleben. Aber die Anschläge von New York werden auf jeden Fall nicht mehr diese Bedeutung haben. Mit dem Abstand verblassen sie.

Erstellt: 08.09.2011, 13:10 Uhr

1973 machte Detlef Horster (68) sein Erstes Juristisches Staatsexamen. Nach seiner Promotion 1976 zum Dr. phil. im Fach Soziologie übernahm Detlef Horster 1976/77 die Vertretung des Lehrstuhls für Ethik an der Universität Utrecht (NL). Seit 1981 war er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 Professor für Sozialphilosophie an der Universität Hannover. Zwischen 1981 und 2007 hatte er mehrere Gastprofessuren, Gastdozenturen und Fellowships u.a. in Port Elizabeth (Südafrika), in Wien und Zürich. Seine Schwerpunkte sind Ethik und Recht sowie die philosophischen Grundlagen von Erziehung und Bildung. Horster ist Vertreter des moralischen Realismus. Er ist Herausgeber des Buchs «Das Böse neu denken».

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