Soll ich diese bewusstlose Frau küssen?

Das Märchen «Dornröschen» verherrliche sexuellen Übergriff, heisst es neuerdings. Okay: Hier ist die politisch korrekte Version.

Darf er oder darf er nicht? Der Königssohn küsst Dornröschen.

Darf er oder darf er nicht? Der Königssohn küsst Dornröschen.

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«Laut einer britischen Mutter sind Märchen wie Dornröschen nichts für Primarschüler, da sie frauenverachtend seien. Eine Schweizer Pädagogin gibt ihr recht.» (Aus: 20 Minuten)

Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land, ein richtiger Prinz Charming, hoch zu Ross in glänzender Rüstung. Als er hörte, dass es ein Schloss geben soll, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren verwünscht schliefe, ritt er unverzüglich dorthin. Da lag das Mädchen und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte. Er bückte sich und wollte Dornröschen einen Kuss auf die vollen, roten Lippen geben – doch dann wich er zurück.

Durfte er das? Sich an wildfremden Menschen zu reiben oder sie unsittlich zu berühren, so viel war dem Königssohn bewusst, ist ausnahmslos Belästigung. Schon eine nicht ernst genommene Abfuhr kann schwere Folgen haben – und Dornröschen war bewusstlos!

Kümmernis wuchs wie ein Unkraut im Herzen des Königsohns, immer höher, dass er keine Ruhe mehr hatte. Der Geschlechtstrieb, haderte er, ist der Ausbund des Übergriffigen, er ist darauf angelegt, dass jemand sich irgendwann übergriffig verhält! Mit Gram dachte der junge Mann an seine Eltern. Morgens ging der König auf die Jagd in die Berge und schoss das Wild daher, abends kam er wieder, und da mussten Essen und Gemahlin bereit sein. Auch das Fest fiel ihm ein, das der König letzthin für ihn anstellte, das drei Tage dauerte, und zu dem alle schönen Jungfrauen im Lande eingeladen wurden. Doch wie eines dieser Weibchen kennen lernen, ohne dass es sich belästigt fühlte? Die Erinnerung an die Getändel, die sich ins Ewige gezogen hatten, weil niemand sich traute, den ersten Schritt zu machen, liess den Königssohn erst recht verzagen.

Wie zum Hohn flogen zum Fensterlein jetzt zwei weisse Turteltäubchen herein und nickten mit den Köpfchen. Da vergoss der Königssohn bittere Tränen, die auf Dornröschens Wange tropften und die der Prinz geschwind wegwischte, weil es sich um eine Körperflüssigkeit handelte, die Dornröschen nicht genehm sein könnte.

Körperflüssigkeit! Der Königssohn erschrak ob seiner unreinen Gedanken, und ihm ward angst vor sich selbst. Wieso nur war er als Mann geboren? Er stiess einen Seufzer aus, der im halben Königreich zu vernehmen war, und wollte schon aus der Kammer stürzen, doch konnte er kein Auge von Dornröschens schlafendem Antlitz lassen. Letztens blieb ihm nichts anderes übrig, als neben ihrem Bettchen zu warten. Lieber nicht küssen als falsch!

Durch eine Güte des Geschicks war es aber so bestellt, dass die hundert Jahre just noch in dieser Woche verflossen, und der Tag gekommen war, wo Dornröschen die Augen aufschlug.

«Wer bist du?», fragte es und blickte den jungen Mann ganz freundlich an.
«Man nennt mich Prinz Charming», sagte da der Königssohn.
«Aber sag mir doch PC.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2017, 16:38 Uhr

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