Porträt

Stalin auf High Heels

Die Entertainment-Journalistin Tina Brown leitet bald das renommierte Nachrichtenmagazin «Newsweek». Wie geht das?

Erzeugte allein mit der Ankündigung einen «Buzz»: Tina Brown wird Chefredaktorin vom kriselnden Magazin «Newsweek».

Erzeugte allein mit der Ankündigung einen «Buzz»: Tina Brown wird Chefredaktorin vom kriselnden Magazin «Newsweek». Bild: Reuters

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Journalistin Tina Brown, 56, ist eine Meisterin im Erzeugen des «Buzz». Der Ausdruck bezeichnet jenes imaginäre Summen von Stimmen, das entsteht, wenn die per Internet kurzgeschlossene Welt plötzlich nur noch über ein Thema klatscht. Und wo immer Tina Brown arbeitete, bewirkte sie genau das. 1999 lancierte sie ihr «Talk Magazine» mit einem Interview: Hillary Clinton sprach über die Sexualität ihres Gatten Bill. Die Zeitschrift war sofort in aller Munde.

Und nun soll die in Amerika eingebürgerte Britin das Nachrichtenmagazin «Newsweek» reanimieren. Brown werde dessen Chefredaktorin: Diese Meldung elektrisiert derzeit die Medienwelt – als Buzz. «Newsweek» leidet unter Leserschwund und wurde vor kurzem für 1 Dollar an einen Hi-Fi-Zubehör-Magnaten verkauft. Es braucht also dringend mehr Beachtung. Aber wird Brown es schaffen, das Magazin wieder in den Erfolg zu führen? Und wie verträgt sich das mit ihrem jetzigen Posten, den sie im Hinblick auf, wie sie sagt, Synergien behält? Vor zwei Jahren hat sie im Internet «The Daily Beast» gestartet, übrigens auch mit einer Sensation: Die Sängerin Jennifer Lopez bekannte, ihre Kinder auf eine Scientology-Schule schicken zu wollen. Mittlerweile suchen jeden Monat 3 Millionen Leser «The Daily Beast» auf.

Bereits mit 25 Jahren Chefin

Bloss eben, wie geht das zusammen? Einerseits eine Internetanlaufstelle für alle Süchtigen des Frivolen, welche – durchaus klug – die Sphären, Hierarchien, Werte verwirbelt. Und anderseits das Nachrichtenmagazin, das seriös und unaufgeregt Vorgänge einordnen will. Einerseits diese Nicht-Politjournalistin. Und anderseits ein hochpolitisches Blatt.

Jedenfalls ist Brown brillant. Den ersten Chefposten erkämpfte sie sich mit 25 Jahren. In London wiedererweckte sie das scheintote Society-Heft «Tatler». Später flog sie über den Atlantik, brachte «Vanity Fair» mit dem Cover der nackten und schwangeren Demi Moore ins Gerede und versechsfachte die Auflage. Bei der Intellektuellenzeitschrift «The New Yorker» wagte sie es, Fotos und ein Inhaltsverzeichnis ins Blatt zu bringen. Eine Autorin beschimpfte die Erneuerin als «Stalin auf High Heels».

Beachtliches Kontaktnetz

Ja, wo Brown ist, da ist der Buzz. Als Teenager veranstaltete sie in ihrem Internat eine Demo dagegen, dass nur dreimal pro Woche frische Unterwäsche ausgegeben wurde. Als junge Frau machte sie Furore durch Affären mit viel älteren berühmten Männern. Der Schriftsteller Auberon Waugh sah ziemlich schlecht aus. Brown sagte: «Ich gehe mit jedem ins Bett, der so gut schreibt wie er.» Später flogen ihr weitere grosse Autoren zu, so Martin Amis, mit dem sie kurz liiert war. Andere begnügten sich mit dem Genuss ihres erotisierenden Intellekts. John Updike, Malcolm Gladwell, Henry Louis Gates, Scott Turow, Douglas Rushkoff: gute Freunde.

Als Tina Brown, die sich aufgrund ihrer Heirat mit dem Publizisten Sir Harold Evans «Lady Evans» nennen darf, 1999 das «Talk Magazine» herausbrachte, veranstaltete sie New Yorks Party des Jahres. Von Madonna bis Salman Rushdie kamen alle. Browns Kontaktnetz spannt sich von Society-Stars wie Diane von Fürstenberg bis zu Politgrössen wie den Clintons und von Jordaniens Königin Nur bis zu Ex-US-Aussenministerin Madeleine Albright. Diese Journalistin könnte in «Newsweek» einen Buzz jederzeit allein dadurch auslösen, dass sie ihr Adressverzeichnis publiziert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2010, 13:52 Uhr

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