Steinigungsautomat und abgehackte Hände

In Online-Foren wird der Komiker Dieter Nuhr als «mutiger Mann» und für das Aussprechen der «Wahrheit» über die Muslime gelobt. Nun wurde Strafanzeige gegen ihn eingereicht.

«Blöde, dumme Hetze»? Dieter Nuhr über Terrorismus. Video: Youtube


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist überaus erfolgreich - und erklärtermassen will Dieter Nuhr nichts anderes als «ein Typ» sein, «der es gerne nett hat mit den Leuten». Ja, eigentlich will der 54-jährige Kabarettist mit seinen Comedy-Programmen nur eine Art Wellness-Religion propagieren, die – über das Lachen – einen Beitrag zur «geistig-seelischen Gesundheit» leisten soll. Nun aber sieht sich Nuhr mit dem Vorwurf konfrontiert, bei ihm handle es sich um einen «islamophoben Hassprediger». Erhoben wurde dieser Vorwurf am Rande eines Gastspiels in Osnabrück, wo Nuhr am vergangenen Wochenende mit seinem neuem Programm gastierte, das er im September bereits in verschiedenen Städten in der Schweiz gezeigt hatte.

Während es in der Schweiz ruhig blieb, kam es in Osnabrück zu einer kleinen Demonstration – sowie zu einer Strafanzeige bei der Polizei. Angezeigt wurde der Kabarettist von Erhat Toka, einem deutschen Staatsbürger mit türkischen Wurzeln, der in Nuhrs Programm eine «blöde, dumme Hetze» unter dem Deckmantel der Satire erkennen will. Gestört hat sich Toka vor allem an der direkten Verbindung von Islam und Gewalt, die in Nuhrs Programmen wiederholt hergestellt würde. Dabei verweist Toka auf ein Youtube-Video, für das ein Nutzer unterschiedliche Äusserungen von Nuhr zusammengeschnitten hat. In diesem Video sind Ausschnitte aus den Kabarettprogrammen enthalten, in denen Nuhr mehrere Witze über die Scharia macht. Zum Beispiel dieser hier: «Auf der ganzen Welt werden Abertausende von Patenten angemeldet. Im gesamten arabischen Raum jährlich weniger als zwanzig. Und die Hälfte davon sind wahrscheinlich noch Steinigungsautomaten.» Die Scharia ist eines von Nuhrs Lieblingsthemen, wenn er vom arabischen Raum und dessen «Lösungen» spricht: «Hand ab hat ja was für sich. Zumindest bei Diebstählen. Gut, beim dritten Diebstahl wird es schwierig.» Zudem finden sich in dem Zusammenschnitt auch einige Äusserungen von Nuhr, die ohne jegliche kabarettistische Verfremdung auskommen, etwa diejenige, dass «der Islam ausschliesslich dann tolerant» sei, «wenn er keine Macht hat. Und da müssen wir unbedingt für sorgen, dass das bei uns so bleibt».

Pointen um Witze auf Kosten von Institutionen

Gewiss, auch die römisch-katholische Kirche bekommt in Nuhrs Programm ihr Fett weg – wie bei anderen Kabarettisten auch. So gibt es ein Video des amerikanischen Komikers Louis C. K., in dem dieser die katholische Kirche als eine «weltweit agierende Organisation» darstellt, deren einziges Ziel es sei, «kleine Jungs zu ficken». Man könnte also argumentieren, dass wir selbst über unsere eigene christlichen Wertegemeinschaften die übelsten Gags machen – und dass deshalb auch Witze über andere Glaubensrichtungen und Religionsgemeinschaften möglich sein müssten. Wer so argumentiert, verkennt, dass es sich bei diesen Pointen um Witze auf Kosten von Institutionen unseres eigenen Soziotops handelt. Dabei sind wir uns immer bewusst, dass es sich bei diesen Pointen um Übertreibungen handelt, die zwar die Wirklichkeit treffen, aber nicht mit derselben voll und ganz verwechselt werden dürfen. Denn nur weil wir der christlichen Kulturgemeinschaft angehören, sind wir nicht automatisch pädophile Straftäter.

Und genau dies ist das Problem bei Dieter Nuhr. Denn obwohl er sich mit seinen Programmen erklärtermassen nur gegen die radikalen und gewaltbereiten Islamisten wenden will, werden seine Äusserungen wiederholt als allgemeingültige Wahrheiten aufgenommen – zumindest in den Foren der grossen Onlinemedien. Dort wird Nuhr als «mutiger Mann» und für das Aussprechen der «Wahrheit» über die Muslime gelobt. Welche Wirkungen seine Äusserungen bei Islam-Hassern haben können, scheint sich Dieter Nuhr bisher nicht bewusst gewesen zu sein. Und er scheint auch völlig verkannt zu haben, dass es sich bei seiner Comedy, die sich der Ironie und der Satire bedient, eben nicht nur um ein rein artistisches Wellness-Programm handelt. Vielmehr – und dies muss man sich immer bewusst sein – handelt es sich bei der Ironie stets um eine negative Bewertung und bei richtig scharfer Satire gar um die Entladung von ästhetisch sozialisierter Aggression. Eine solche Entladung und negative Bewertung ist weitgehend problemlos, wenn sie sich gegen uns selbst wendet, damit wir in heiterer Distanz oder kritischer Absicht unsere alltägliche Wirklichkeit überwinden können. Sie wird aber zum Problem, wenn sie sich gegen eine Minderheit richtet und als «Wahrheit» über eine Religionsgemeinschaft verstanden wird, die mehrheitlich nicht zur Gewalt neigt. Dass sich Dieter Nuhr dessen bisher nicht bewusst war oder zumindest keine Konsequenzen daraus für seine Programme zog, spricht nicht für den mehrfach ausgezeichneten Kabarettisten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2014, 15:10 Uhr

Artikel zum Thema

Nuhr ein Kalauer

Der deutsche Comedian Dieter Nuhr ist in der Schweiz. Er hat Pärchenwitze, Priesterzoten und Klimakalauer sowie auffällig viele Pointen zu Islamisten im Programm. Wie witzig ist das? Mehr...

Russell brennt

Porträt Er ist Englands flamboyantester Comedian und der politische Advokat der Strasse. Er ist sexsüchtig und war mit Katy Perry verheiratet. Aber das Beste ist: Russell Brand kommt nach Zürich! Mehr...

Stefan Raab – Querelen mit ARD beigelegt

Anstelle von zwei separaten Vorentscheidungen zum Eurovision Song Contest – die offizielle der ARD und die Guerilla-Version von Stefan Raab – soll es in Zukunft nur noch eine deutsche Vorentscheidung geben. Der Comedian und die ARD haben sich geeinigt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Täuschung: Der Roboterandroid Totto ist der japanischen TV Ikone Tetsuko Kuroyanagi nachempfunden. Er wurde im Rahmen des Weltroboterkongresses in Tokio präsentiert. (17.Oktober 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...