Terror und Twitter

In Brüssel zeigt sich einmal mehr: Die traditionellen Medien haben die Deutungshoheit über die Nachrichtenlage verloren. Sie müssen ihre Rolle neu erfinden.

Ein Smartphone-Benutzer schaut sich nach den Anschlägen in Brüssel eine Instagram-Seite an. Foto: AFP

Ein Smartphone-Benutzer schaut sich nach den Anschlägen in Brüssel eine Instagram-Seite an. Foto: AFP

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Dass Terroristen von medialer Berichterstattung profitieren, ist bekannt. Denn nicht nur möglichst viele Menschen wollen sie töten, sondern Angst und Schrecken verbreiten. In demokratischen Gesellschaften mit einem offenen Mediensystem ist das besonders einfach.

Der Philosoph Peter Sloterdijk schlägt deshalb vor, den Terroristen die mediale Aufmerksamkeit zu verweigern: Sogar Anschläge wie jene von 9/11 gehörten in einer Zeitung auf die Seite 8 oder 10 – je weiter hinten, desto besser. Schreibt man es auf die Seite 1, wird das Verbrechen belohnt.

Bloss: Selbst wenn es einen Chefredaktor gäbe, der das Leserinteresse an solchen Ereignissen ignorieren wollte und zu Sloterdijks Schritt bereit wäre, würden die Terroristen heute zur gewünschten Aufmerksamkeit kommen. Dafür sorgen Augenzeugen, die das Geschehen auf den sozialen Medien dokumentieren. In Paris etwa verbreitete sich die Meldung über die Attentate zuerst auf Twitter. Geiseln im besetzten Bataclan verkündeten ihre schreckliche Lage auf Facebook. Ein Nutzer des Streamingdiensts Periscope filmte die chaotischen Szenen in den Strassen, Zehntausende sahen live zu. Im Wettbewerb der Bilder kann heute jeder mit einem Smartphone mitmachen.

Doch Information und Missinformation, Hilfestellung und Panikmache liegen im Sog der Twitter-Timeline nahe beieinander. Immer wieder kommt es zu Fehlmeldungen. Die dringende Frage, die sich heute stellt, lautet deshalb nicht nur, wie prominent man berichtet. Sondern wie die traditionellen Medien mit solchem Social-Media-Inhalt umgehen, bei dem zwischen Gerücht und Fakt nicht immer unterschieden werden kann.

Renommierte Medien wie der «Guardian», die BBC oder CNN verwenden Twitter-Nachrichten von Augenzeugen in ihrer Liveberichterstattung genauso wie der «Tages-Anzeiger» und weitere Onlineportale. Andere wie etwa die «New York Times» verwenden vorwiegend Meldungen von verifizierbaren Quellen: Journalisten, Behörden etc. Das senkt das Risiko, Falsches zu verbreiten. Doch man lässt auch weg. Soll man ausblenden, was «nur» von handybewehrten Augenzeugen stammt?

In diesem Zusammenhang interessant ist der Auftritt von CBC-Anchormann Peter Mansbridge während der Anschläge in Ottawa. Die Situation sei unklar, sagte er den Zuschauern: Sie könne gerade in diesen Zeiten immer neue Wendungen nehmen. Mansbridge, eine Institution im kanadischen Journalismus, sah ein, dass er zum ersten Mal nicht mehr Herr der Lage war, die Deutungshoheit über die News verloren hatte. Also relativierte er: Was man nicht weiss, ist genauso wichtig wie das, was man weiss.

«Gewichten», «kontextualisieren», lautet denn auch die Forderung an die traditionellen Medien in Situationen wie gestern in Brüssel. Doch was heisst das genau? Reicht es, einen Augenzeugen-Tweet als ungesichert zu deklarieren? Sorgen Experten- und Korrespondenteninterviews auf der Website für die nötige Gewichtung – sodass wir uns Social-Media-Inhalte als ungefilterte Realität zumuten wollen? Welche Einordnungsleistung kann dem Leser zugetraut werden?

Uns interessiert Ihre Ansicht zum Thema: Was halten/erwarten Sie von der medialen Berichterstattung nach Terroranschlägen? Meinungen bitte unten eintragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 22:47 Uhr

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