Tod eines Ekstatikers

Alexander Shulgin hat das Ecstasy und Hunderte andere Substanzen entdeckt. Nun ist der Chemiker 88-jährig auf seiner Farm in Kalifornien gestorben. Nachruf auf einen brillanten Riesen.

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Er war ein Hüne, der Heiterkeit ausstrahlte, er war zugänglich beim Reden, schlagfertig beim Vortragen und leidenschaftlich in der Debatte. Und wie Albert Hofmann, der das LSD entdeckt hatte, war sein Freund und Kollege Alexander Shulgin die beste mögliche Werbung für die Substanz, deren Wirkung er weltweit popularisieren sollte: MDMA, von seinen verzückten Konsumenten Ecstasy genannt. Das euphorisierende Amphetamin hatte einen tief greifenden Einfluss auf die Technobewegung, auf Ästhetik, Musik und Selbstverständnis einer ganzen Generation.

Weit wichtiger noch, vor allem für Shulgin selber: Die Substanz wird seit einigen Jahren als vielversprechendes Therapeutikum für traumatisierte Kriegsveteranen und Vergewaltigungsopfer getestet. Menschen, die von ihrem Leid überwältigt werden und die Nähe zu einem Therapeuten nicht zulassen können, haben unter Ecstasy erfahren, dem einen zu widerstehen und das andere zu erlauben. Dadurch können sie auf eine Weise Zugang zu ihrem Trauma finden, die seine behutsame Behandlung erleichtert.

Der brillante Hippie

Shulgins charismatische Auftritte, seine Hippiefrisur mit wucherndem Bart und auch seine grelle Garderobe machen vergessen, mit welcher Kompetenz er als Wissenschafter vorging. Der Mann war ein exzellenter, methodisch sorgfältig operierender Biochemiker, Pharmakologe und Psychopharmakologe. «Wie brillant er in seinem Fach war», sagt der Psychiater und Forscher Franz Xaver Vollenweider, ein Zürcher Kollege, «zeigt die chemische Komplexität der Substanzen, die er entdeckte. Und anders als so viele Chemiker blieb er nicht nur Forscher, sondern war auch an der klinischen Anwendung interessiert.»

Tatsächlich hat Shulgin über 230 psychoaktive Substanzen entdeckt, synthetisiert, in gegen 4000 Sitzungen ausprobiert und in 150 Veröffentlichungen beschrieben. Bei seinen Selbstversuchen ging er skrupulös vor, steigerte die Dosis milligrammweise und protokollierte ihre Wirkung mit Sorgfalt. Obwohl er sich, auch darin Kalifornier, Achtundsechziger und Hippie, für eine Liberalisierung der Drogenpolitik und für einen freien, erwachsenen Umgang mit Halluzinogenen aussprach, bedauerte er den exzessiven Gebrauch mit all seinen Folgeschäden. «Ich habe Angst vor jeder neuen Droge», bekannte er, was ihn nicht an ihrer Erforschung hinderte – mit der Neugierde des Wissenschaftlers und dem Enthusiasmus des Berauschten.

Für Dow Chemical, für die CIA

Alexander Shulgin kam am 17. Juni 1925 im kalifornischen Berkeley zur Welt. Er wuchs als Kind zweier Lehrer in einer intellektuellen Umgebung auf und interessierte sich schon als Kind für chemische Experimente. Mit 16 Jahren begann er in Harvard sein Chemiestudium, kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berkeley für sein Doktorat zurück und ging dann zu Dow Chemical, dem umstrittenen Pharmakonzern. Dort entwickelte er ein biologisch abbaubares, sehr erfolgreiches Pestizid. Als Dow sich mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange der Rüstungsindustrie zuwandte, verliess Shulgin die Firma, arbeitete aber später im Auftragsverhältnis weiter für sie. Auch für die CIA war er zwischenzeitlich als Drogenforscher tätig.

Bei Dow Chemical war Shulgin auf das Patent der deutschen Firma Merck gestossen, die MDMA 1914 als Appetitzügler empfohlen, dessen psychologisches Potenzial aber nicht erkannt hatte. Shulgin vereinfachte die Herstellung des Ecstasy, testete es in den Mittsiebzigern bei sich und bei Kollegen und beschrieb die Wirkung der Substanz, deren Einnahme unvergleichliche Gefühle von Glück und Zärtlichkeit vermittelt.

Das Penizillin der Seele

Wie beim LSD sollte es nicht lange dauern, bis das Ecstasy erst eine kleine Szene und dann Millionen von Ravern betören sollte. Wie andere Drogen zuvor definierte es eine ganze Kultur, ihre musikalischen Stile und energetisierte die User zum nächtelangen Durchtanzen im Viervierteltakt des Techno. Mitte der Achtziger wurde die Droge fast überall verboten. Die Sorgen der Wissenschafter kamen wie der Kater nach dem Rausch. Obwohl ausreichende Langzeitstudien fehlen, gehen Fachleute vom alarmierenden Befund aus, der regelmässige Konsum von Ecstasy könne im Alter zu Depressionen und Gedächtnisverlusten führen. Shulgin hat als Wissenschafter die Missbrauchsgefahr mit all ihren Folgen erkannt, dennoch glaubte er sein Leben lang an den Segen der Substanz; er nannte sie «das Penizillin der Seele».

Ihm selber scheinen die Tausenden von Selbstversuchen mit allen möglichen Substanzen nicht geschadet zu haben. Der Wissenschafter war bis über seinen 80. Geburtstag hinaus wach und intellektuell aktiv. Unvergessen sein Auftritt im Januar 2006 am Basler Kongress zu Ehren seines Kollegen Albert Hofmann, der damals seinen 100. Geburtstag feierte. Alexander Shulgin erzählte in seiner vorwärtsstürmenden Art von einer neuen, bewusstseinsverändernden Substanz, deren Formel er einem Kollegen zugeschickt hatte. Dieser stellte sie eine Woche lang ins Netz. Drei Wochen später wurde sie rückimportiert: aus China.

In der Nacht auf Dienstag ist Alexander Shulgin an den Folgen von Leberkrebs gestorben. Die letzten Lebensjahre hatte er an Herzproblemen und zunehmender Demenz gelitten. Er starb zu Hause auf seiner Farm in Lafayette, Kalifornien, im Beisein seiner Familie. Shulgin wurde 88 Jahre alt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2014, 12:24 Uhr

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